ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2012„Ärzte ohne Grenzen“: Hilfe für Kriegsopfer in Amman

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„Ärzte ohne Grenzen“: Hilfe für Kriegsopfer in Amman

Dtsch Arztebl 2012; 109(13): A-642 / B-556 / C-552

Blettner, Annette

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Sie stammen aus dem Irak, aus Palästina, Libyen oder Syrien, Schwerverwundete, denen in ihren Herkunftsländern nicht oder nicht angemessen geholfen werden kann. Ihre Zuflucht ist ein Krankenhaus in der jordanischen Hauptstadt.

Modernste OP-Technik: Chirurgen versorgen Opfer von Schussverletzungen und Bombenexplosionen. Fotos (2): Ärzte ohne Grenzen
Modernste OP-Technik: Chirurgen versorgen Opfer von Schussverletzungen und Bombenexplosionen. Fotos (2): Ärzte ohne Grenzen

Hinter der schlichten Fassade des „Spitals vom Roten Halbmond“ in der jordanischen Hauptstadt Amman befindet sich ein Hilfsprojekt, das wohl einzigartig ist im Nahen Osten. Seit 2006 behandeln hier Ärzte, Physiotherapeuten und Psychologen der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ (Médecins sans frontières, MSF) Schwerverwundete der Kriege in der Region, allesamt Opfer von Schussverletzungen und Bombenexplosionen. Ihre Gesichter sind zerfetzt, ihre Leiber verbrannt, die Knochenbrüche nicht verheilt. 50 Betten, zwei Operationssäle und modernste Technik stehen dem Team von MFS zur Verfügung. „Unsere ersten Patienten kamen aus dem Irak, es folgten Palästinenser, dann die Kriegsopfer aus Libyen und dem Jemen, heute kommen die Opfer des Bürgerkriegs in Syrien“, sagt die Amerikanerin Dr. Nancy Foote, Koordinatorin von MFS Jordanien. Im Schnitt sind die Patienten 31 Jahre alt, 30 Prozent von ihnen sind Frauen, zehn Prozent Minderjährige.

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In ihrer Heimat wurden die Kriegsversehrten oft unzureichend oder falsch behandelt, galten häufig als austherapiert. Vielen fehlt schlicht das Geld für die langwierigen, kostenintensiven Behandlungen. Dazu kommt die prekäre Sicherheitslage im Heimatland. Im sicheren Jordanien erhielten bislang mindestens 1 500 Patienten im Alter zwischen einem und 65 Jahren kostenfreie Hilfe in Form rekonstruktiver plastischer, orthopädischer und kieferchirurgischer Behandlungen, Physiotherapie, psychologischer Hilfe und Nachsorge.

Auch Kinder unter den Opfern

Dicht an dicht drängen sich die Betten auf der MSF-Station. In einem liegt der elfjährige Hussein mit schlimmen Verbrennungen an beiden Armen und Beinen, dem Rücken und der linken Gesichtshälfte. Im Juni 2010 wurde der Junge Opfer einer Autobombe in Bagdad. Bei dem Anschlag wurden auch seine vier Brüder verletzt. Viermal wurde Hussein bereits in Bagdad erfolglos operiert, bis er nach Amman kam. Drei Hauttransplantationen konnten hier bereits erfolgreich vorgenommen werden.

Zuflucht Amman: Seit 2006 behandelt Ärzte ohne Grenzen in der jordanischen Hauptstadt Patienten mit physischen und psychischen Traumata. Fotos (2): ddp images/AP
Zuflucht Amman: Seit 2006 behandelt Ärzte ohne Grenzen in der jordanischen Hauptstadt Patienten mit physischen und psychischen Traumata. Fotos (2): ddp images/AP

„38 Prozent der Patienten leiden wie Hussein unter gravierenden Verbrennungen“, erklärt Foote. Gut die Hälfte habe nicht verheilte, orthopädische Verletzungen, wie zum Beispiel Ibrahim*, ein 47-jähriger Tagelöhner aus Mosul im Norden des Irak. Im März 2007 wurde Ibrahim von einer Kugel im rechten Arm getroffen, die Wunde infizierte sich, sieben Operationen verliefen erfolglos. „Viele unserer Patienten sind mit Bakterien infiziert, die gegen bestimmte Antibiotika resistent sind. Wir bestimmen zunächst die Resistenz und wählen dann ein geeignetes Antibiotikum aus“, erklärt Foote. Seit fünf Wochen erhält Ibrahim nun hohe Dosen an Antibiotika, die anzuschlagen scheinen. Der Arm ist, wenn keine weiteren Komplikationen dazukommen, gerettet.

Derweil eskaliert die Gewalt im benachbarten Syrien. Die Vereinten Nationen sprechen von mindestens 7 500 getöteten Syrern, auf jeden Toten kommen statistisch gesehen 1,8 ernsthaft Verwundete. Seit bekanntgeworden ist, dass das Regime bewusst Kriegsverletzte in Krankenhäusern verhaften lässt, suchten die Verwundeten vermehrt Hilfe in sogenannten Notkrankenhäusern der „Freien Syrischen Armee“ – in Kellern, Wohnzimmern, Moscheen. Dort mangele es an allem: Sterilisationsgeräte zur Desinfektion medizinischen Geräts, an Operationsbestecken, Desinfektionsmitteln, Narkosemitteln, Mullbinden. Die Folge sind gefährliche Infektionen.

MFS könne bislang nur denjenigen helfen, die es selbst nach Jordanien schaffen, erklärt Foote, wie zum Beispiel Jusuf*, ein 23-jähriger Busfahrer aus Al Kiswah bei Damaskus. An den Tag, an dem sein Martyrium begann, erinnert sich der junge Mann noch ganz genau. „Es war der 24. Juni 2011. An meinem Haus in Al Kiswah zog eine Demonstration von Regierungsgegnern vorbei, sie schwenkten Fahnen und riefen ,Freiheit‘, da eröffneten Regierungssoldaten das Feuer auf sie“, erinnert sich Jusuf. „Ich lief auf die Straße, um Verletzte aus der Schusslinie zu ziehen, als die Scharfschützen auch mich ins Visier nahmen.“ Eine Kugel zerfetzte Knochen, Nerven und Blutgefäße von Jusufs rechtem Unterschenkel. In den nächsten Monaten wurde er in verschiedenen syrischen Privatkliniken insgesamt 17-mal operiert. Schließlich, als die Gewalt zunahm und mehr und mehr Kriegsverletzte in den Kliniken vom syrischen Geheimdienst verhaftet wurden, rieten die behandelnden Ärzte zur Flucht. Mit Hilfe von Schleppern gelang es Jusuf, die grüne Grenze nach Jordanien zu überqueren. Auf jordanischem Boden erfuhr er in der Grenzstadt Al Ramtha vom Hilfsprojekt von MSF. „Als Jusuf am 22. Dezember zu uns in die Klinik kam, war seine Wunde bereits hochgradig infiziert. Wir isolierten ihn, verabreichten ihm sechs Wochen lang hochdosierte Antibiotika, konnten aber die Infektion nicht stoppen und mussten schließlich, um sein Leben zu retten, das Bein amputieren“, berichtet der behandelnde Arzt Dr. Mohammad Abu Rass. Das Bein, ist sich der Arzt sicher, hätte bei einer korrekten Behandlung in Syrien gerettet werden können.

Viele Patienten leiden durch ihre Erlebnisse im Krieg, durch Bomben und Granatenbeschuss, den Verlust von Gliedmaßen, durch entstellende Gesichtsverletzungen, durch Folter oder den Tod naher Angehöriger unter psychischem Stress. Hilfe erhalten sie vom 65-jährigen australischen Psychiater Dr. Peter Wigg und seinem jordanischen Team. „Viele Patienten leiden unter Flashbacks, plötzlichen Erinnerungen an furchtbare Erlebnisse, viele unter Alpträumen, manche entwickeln Depressionen“, erklärt Wigg. Die Betroffenen könnten häufig nicht über das Erlebte sprechen, würden sich weigern, an den Ort des Geschehens zurückzukehren, sie vermieden Lärm, litten unter Schlafstörungen. „Einige verlieren ihre Emotionen, empfinden keine Freude mehr und versuchen, ihre Probleme durch Alkohol oder Drogen zu verdrängen, manche denken gar an Suizid“, sagt der Psychiater, der seine Patienten mit einer Kombination aus Antidepressiva und Gesprächstherapie behandelt.

Leiden unter Entstellungen

„Zwölf Prozent unserer Patienten haben Verletzungen im Gesichtsbereich, die das Atmen, Sprechen und Essen massiv einschränken“, erklärt Wigg. Besonders die Kinder litten unter diesen Entstellungen. „Ihre Mitschüler hänseln sie oft furchtbar“, sagt der Psychiater. Die Eltern nähmen ihre Kinder dann oft aus dem Unterricht, aber diese Isolation sei noch schlimmer zu ertragen.

Eine Behandlung bei MSF dauert durchschnittlich knapp vier Monate. Oft sind mehrere Behandlungen in Amman über mehrere Jahre nötig. In den Behandlungspausen wohnen die Patienten in einem Hotel in Schmissani, einem belebten Stadtviertel in Amman, dessen 200 Betten permanent mit Patienten von MSF und deren Angehörigen belegt sind. Die meisten Hotels platzen aus allen Nähten, seit Tausende Libyer und deren Familien seit dem Krieg nach Jordanien strömen, um sich in den Krankenhäusern in Amman medizinisch versorgen zu lassen. „Wir haben keine Ahnung, wo wir eine größere Anzahl von Syrern noch unterbringen könnten“, sagt Foote.

Annette Blettner

* Namen aus Sicherheitsgründen geändert

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