ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2012Von schräg unten: Schwarzarbeit

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Schwarzarbeit

Dtsch Arztebl 2012; 109(14): [72]

Böhmeke, Thomas

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Kraft unseres Amtes haben wir die höchste Expertise im Erkennen von Krankheiten. Und diese unsere ganz besonderen Fähigkeiten, liebe Kolleginnen und Kollegen, sollten wir angesichts des Siechtums der europäischen Staaten der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Damit das Wirtschaftswachstum wieder wuchert, die Steuereinnahmen steigen, unser Leben durch Arbeit geadelt wird. Die Frage, die uns fordert, ist: Was zerstört unsere Staatsgebilde wie ein Lithotriptor, was nagt an unserem Bruttosozialprodukt wie eine Osteoporose? Die Diagnose fällt leicht: Es ist die Schwarzarbeit. Jawohl, dieses bösartige Gebilde mit metastatischen Wucherungen, die den Zusammenhalt unseres Gemeinwesens zunehmend sintern lässt. Schwarzarbeit ist die in Fehlstellung ausgeheilte Fraktur, der Hustenreiz unter ACE-Hemmung, die sekundäre Wundheilung nach Laparotomie, kurz: die unerwünschte Nebenwirkung einer Gesellschaft, die sich an den vielfältigsten Zwangsabgaben labt und lebt.

Aber, Hand aufs His’sche Bündel, sind auch wir frei davon? Ich untersuche gerade einen Patienten mit Herzproblemen, das Echo ist unauffällig, und er wünscht, rein vorsorglich, eine zusätzliche Gefäßdarstellung. Da er mir, wie alle meine Schutzbefohlenen, am Herzen liegt, komme ich dem gerne nach und zeige ihm alle von seinem Herzen abgehenden Gefäße. Leicht atherosklerotisch verändert sind sie, ein schlimmer Befund ist jedoch nicht zu erheben. Abrechnen kann und will ich das nicht, weil meine Kassenärztliche Vereinigung mit Honorarabzug gedroht hat, wenn ich zu viele Gefäßuntersuchungen geltend mache. Ich teile dem Patienten nur das Ergebnis mit, verzichte aber auf die übliche Befunddokumentation, speichere kein Bild, mache keinen Eintrag in der Patientendatei. Somit gibt es kein Beweismaterial, das mich als Schwarzarbeiter überführt. So denke ich, liege aber falsch. Einen Tag später ruft mich der betreuende Hausarzt an und fragt die Gefäßbefunde ab. Der Patient habe ihm von den Untersuchungen berichtet, aber es würde nichts davon in meinem Arztbrief stehen. Das gestrig Gesehene ist noch im Gedächtnis und wird dem Kollegen mitgeteilt. Einen Monat später meldet sich die gefäßchirurgische Ambulanz der benachbarten Großstadt, man habe den Patienten untersucht und bittet um Aufnahmen zum Zwecke des Vergleiches. Nur noch mühsam kann ich den Befund memorieren, bin aber froh, dass der Kollege nicht auf Bilddateien besteht. Nach einem halben Jahr meldet sich das Versorgungsamt, mein Patient wünscht einen höheren Grad der Behinderung aufgrund der Gefäßveränderungen. Ich lasse mich mit dem dort tätigen Kollegen verbinden und erläutere ihm den Befund, insbesondere dessen Abwesenheit in den Datenbanken. Er hat glücklicherweise Verständnis.

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Ich muss bekennen: Ich bin im Dienst für meine Patienten zum unverbesserlichen Schwarzarbeiter geworden. Aber liebe Kolleginnen und Kollegen, wir stehen ja alle unter Schweigepflicht, uns kann nichts passieren. Es sei denn, irgendeiner fängt an zu plaudern, irgend so ein Voll . . . ich Idiot, ich!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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