ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2012Praktisches Jahr: Jagd auf den Nachwuchs

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Praktisches Jahr: Jagd auf den Nachwuchs

Dtsch Arztebl 2012; 109(14): A-677 / B-589 / C-585

Hibbeler, Birgit

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Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

Manches lernt man erst zu schätzen, wenn es nicht mehr da ist. Diese Erfahrung machen derzeit viele Klinikdirektoren. Die Zeiten sind vorbei, in denen junge Ärzte ihren Vorgesetzten auf Knien dankten, wenn sie für sie arbeiten durften. Stapelweise qualifizierte Bewerbungen – davon können die meisten Chefärzte heute nur träumen. In früheren Männerdomänen rollt man plötzlich für die Frauen den roten Teppich aus. Ärzte aus Osteuropa sind herzlich willkommen.

Die Jagd auf den Ärztenachwuchs beginnt außerdem immer früher. Einige Kliniken – besonders auf dem Land – bieten „Famulaturpakte“ an, zum Beispiel mit freier Unterkunft im Schwesternwohnheim, kostenlosem Essen in der Kantine und einer bestimmten Zahl zugesicherter Sonographien. Das alles passiert in der Hoffnung, die Studenten so früh wie möglich an sich zu binden. Äußerst interessant sind dabei die Studierenden im praktischen Jahr (PJ). Noch vor wenigen Jahren eher als billige Hilfskräfte angesehen, haben viele Krankenhäuser erkannt: Mit dem Motto „Blut abnehmen, Haken halten, Mund halten“ lassen sich junge Menschen nicht begeistern. Gilt in erster Linie der Spruch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, dann wird es am Ende in der Frühbesprechung ziemlich leer.

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Seinen vorläufigen Höhepunkt hat der Kampf um die Nachwuchsmediziner mit dem Streit um die Approbationsordnung für Ärzte (ÄAppO) erreicht. Das Bundeskabinett hatte die Verordnung im Dezember verabschiedet und bei Studierenden für Jubel gesorgt: Nicht nur das ungeliebte Hammerexamen – also die Kombination des früheren ersten, zweiten und dritten Staatsexamens – sollte abgeschafft werden. Endlich sollte es möglich sein, dass PJler ihr Krankenhaus bundesweit frei wählen. Aus Sicht der Studenten wäre das nur logisch. Derzeit ist es für einen Mediziner aus München einfacher ein PJ-Tertial in Afrika zu machen als in Hamburg. Auch die Auswahl am Unistandort selbst ist nicht frei. Die Pläne stießen allerdings auf Kritik – besonders beim Medizinischen Fakultätentag. Die Unikliniken sahen ihre quasi automatische Nachwuchszufuhr gefährdet. In offiziellen Erklärungen hieß es selbstverständlich, die Qualität der Ausbildung sei gefährdet.

Der Protest der Hochschulmediziner hatte zunächst Erfolg: Im Bundesrat verzögerte sich die Abstimmung über die ÄAppO. Doch damit nicht genug. Mitte Februar fasste der Gesundheitsausschuss des Bundesrates einen Beschluss: Danach soll die Allgemeinmedizin zum PJ-Pflichtfach werden – neben der Inneren Medizin und Chirurgie. Ein Wahltertial wird es nach Vorstellung der Politiker nicht mehr geben. Wieder war der Protest groß: 18 medizinische Fachgesellschaften verfassten eine Resolution. Sie befürchten, die Studierenden hätten keine Chance mehr, andere Fächer kennenzulernen. Auch die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland hat sich dem Aufruf angeschlossen und fordert den Erhalt der Wahlfreiheit. Einen Kompromiss schlägt hingegen die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin vor. Das PJ soll demnach in Quartale aufgeteilt sein: Innere, Chirurgie, Allgemeinmedizin und ein Wahl-Quartal.

Die Studenten stehen mitten im Gezerre und könnten sich zu Recht fragen: Geht es hier wirklich um uns? Für sie ist die Situation inakzeptabel – nicht zuletzt, weil sich die überfällige Abschaffung des Hammerexamens weiter verzögert. Frühestens am 11. Mai wird es nun eine Entscheidung im Bundesrat geben.

Dr. med. Birgit Hibbeler
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

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