ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2012Erlebnisausstellung „Grenzen Erleben“: Depression hautnah

KULTUR

Erlebnisausstellung „Grenzen Erleben“: Depression hautnah

Dtsch Arztebl 2012; 109(14): A-719 / B-625 / C-619

Protschka, Johanna

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Der Erlebnisraum ermöglicht dem Besucher einen Einblick in das Innenleben eines Menschen, der an Depression leidet. Foto: Eckhard-Busch-Stiftung/markenmut. Kreatives Marketing AG
Der Erlebnisraum ermöglicht dem Besucher einen Einblick in das Innenleben eines Menschen, der an Depression leidet. Foto: Eckhard-Busch-Stiftung/markenmut. Kreatives Marketing AG

Eine Wanderausstellung will Besuchern das Leben von Menschen mit psychischen Erkrankungen nahebringen. Sie soll einen authentischen Eindruck vermitteln, wie sich Depression und Schizophrenie anfühlen.

Schwer lastet die Bleiweste auf den Schultern des Besuchers. Auf einem Basthocker sitzend, schaut er in einen düsteren, schlauchartigen Raum. An dessen Ende stehen ein Tisch, mit einer kleinen, schwach leuchtenden Lampe darauf, und ein Stuhl, karg und schmucklos. Über einen Kopfhörer vernimmt der Interessierte eine brüchige Frauenstimme: „Es ist alles sinnlos, es ist alles so hoffnungslos, ich bin so müde“, wiederholt sie immer wieder. Spätestens, wenn der Besucher dazu aufgefordert wird, aus dieser Szene heraus sein letztes schönes Erlebnis aufzuschreiben, wird klar: Er kann sich dieser düsteren Stimmung kaum entziehen. Er beschwört die schönen Gedanken, versucht sich zu konzentrieren, und doch liegt der Stift unbenutzt in seiner Hand. Das gibt zu denken.

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Mehr Akzeptanz für psychisch Kranke schaffen

Genau das ist es, was sich Bettina Busch, Erste Vorsitzende der Eckhard-Busch-Stiftung, von der Wanderausstellung GRENZen erLEBEN erhofft, die bis Anfang April mit ihrer Unterstützung in Köln zu sehen war. „Die Ausstellung soll Räume eröffnen, die der Allgemeinheit ansonsten verschlossen bleiben, und eine Ahnung vom Innenleben psychisch erkrankter Menschen vermitteln“, sagt die Vorsitzende. Ihre Stiftung setzt sich für eine aktive Aufklärung der Öffentlichkeit und die Antistigmatisierung von psychisch Erkrankten ein. Auch Initiativen und Projekte, die Betroffenen und Angehörigen direkte Unterstützung bieten, fördert die Eckhard-Busch-Stiftung.

Das Ausstellungskonzept haben Psychologiestudierende der Universität Salzburg, Mitarbeiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Caritas Traunstein, und selbst von psychischer Erkrankung Betroffene bereits vor einigen Jahren entwickelt. Die Caritas Traunstein ist für die Wanderausstellung 2008 mit dem Anti-Stigma-Förderpreis ausgezeichnet worden. Bei der Konzeption der Ausstellung standen als Leitmotiv insbesondere drei Fragen im Vordergrund: Was heißt es eigentlich, psychisch krank zu sein? Wie verändert sich die Welt für die Betroffenen, und wie reagiert die Umwelt darauf? Und schließlich: Wie fühlt es sich überhaupt an, an einer psychischen Störung zu leiden? Der Titel der Ausstellung GRENZen erLEBEN bezieht sich auf all die Grenzerfahrungen, die psychisch Erkrankte und deren Familien während eines Krankheitsverlaufs machen. Die Erlebnisräume richten sich deshalb gezielt an die nichtbetroffene, interessierte Allgemeinbevölkerung. Durch das „Selbsterfahren“ und das direkte Erleben soll das Thema entmystifiziert und verbreitete Vorurteile abgebaut werden.

Denn Depression, Psychose und Schizophrenie sind immer noch Themen, die oftmals von den Leidtragenden aus Scham oder Angst tabuisiert werden. Die Schirmherrin der Kölner Ausstellung, Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes, ist deshalb der Meinung, dass psychische Erkrankungen mehr Aufmerksamkeit erfordern: „Das Thema gehört in die Mitte unserer Gesellschaft“, erklärt Scho-Antwerpes. Auch Prof. Dr. med. Joachim Klosterkötter, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Köln, ist der Ansicht, dass es ungemein wichtig ist, frühzeitig Berührungsängste abzubauen. Dies könne helfen, bereits den Anfängen einer psychischen Störung entgegenzuwirken. Er wies im Kontext der Ausstellung darauf hin, dass auch der demografische Wandel Auswirkungen in Bezug auf psychische Erkrankungen haben werde. „Die Demenz wird zunehmen und damit auch die Altersdepression“, gab Klosterkötter zu bedenken. Nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erleben bis zu zehn Prozent der Bundesbürger einmal oder mehrmals im Leben eine schwere depressive Episode. 

Johanna Protschka

Die Ausstellung GRENzen erLEBEN ist vom 29. Juni bis zum 8. Juli in Traunstein zu sehen. Veranstalter können das Ausstellungskonzept über den Sozialpsychiatrischen Dienst des Caritas-Zentrums Traunstein beziehen. Informationen zu den Ausstellungsorten oder Informationen für interessierte Veranstalter unter:

@
www.caritas-grenzen-erleben.de

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