ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2012Erläuterungen zum Beschluss des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses zur Einführung der neuropsychologischen Therapie

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Kassenärztliche Bundesvereinigung

Erläuterungen zum Beschluss des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses zur Einführung der neuropsychologischen Therapie

PP 11, Ausgabe April 2012, Seite 184

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Die neuropsychologische Therapie ist neue Leistung der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. Der Beschluss des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) zur Aufnahme der Neuropsychologie als neue Anlage in die Richtlinie zu Untersuchungs- und Behandlungsmethoden der vertragsärztlichen Versorgung (MVV-Richtlinie) wurde am 23. Februar im Bundesanzeiger veröffentlicht und ist damit am 24. Februar in Kraft getreten.

Gründe und Ziele der Einführung der neuropsychologischen Therapie

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Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss hat die neuropsychologische Therapie im Herbst vergangenen Jahres nach mehrjähriger Beratung als Anlage in die MVV-Richtlinie aufgenommen. Sowohl die Kassenärztliche Bundesvereinigung als auch die Krankenkassen hatten sich dafür eingesetzt, um die Versorgung insbesondere von Patienten mit Schlaganfall oder Schädelhirntrauma infolge eines Unfalls verbessern zu können. Bislang konnte die Therapie nur während eines Aufenthaltes im Krankenhaus und/oder in einer Reha-Einrichtung erfolgen. Ihre Fortführung in einer ambulanten Praxis war lediglich in Einzelfällen im Rahmen von Kostenerstattung möglich. Entsprechend wenig Therapeuten gibt es derzeit, die sich auf Neuropsychologie spezialisiert haben. Nunmehr kann die Leistung regulär ambulant erbracht werden.

Die Definition: Die neuropsychologische Diagnostik und Therapie dienen der Feststellung und Behandlung von hirnorganisch verursachten Störungen geistiger (kognitiver) Funktionen, des emotionalen Erlebens, des Verhaltens und der Krankheitsverarbeitung sowie der damit verbundenen Störungen psychosozialer Beziehungen. Betroffen sind Patienten mit hirnorganischen Erkrankungen, zum Beispiel nach einem Schlaganfall oder Unfall.

Wesentliche Inhalte des Beschlusses im Überblick

Indikation: Wann kommt die neuropsychologische Therapie zur Anwendung?

Die Indikation für die ambulante neuropsychologische Therapie ist in § 4 der Anlage zur MVV-Richtlinie geregelt. Dazu werden im Absatz 1 die entsprechenden ICD-10-Kodes aufgeführt. Diese stellen allerdings erst dann eine Indikation dar, wenn die Diagnose Folge einer akuten Hirnschädigung oder Hirnerkrankung (hirnorganische Störung) ist. Zudem muss eine krankheitswerte Störung in mindestens einem der folgenden Funktionsbereiche vorliegen:

  • Lernen und Gedächtnis
  • Wahrnehmung, räumliche Leistungen
  • höhere Aufmerksamkeitsleistungen
  • Denken, Planen und Handeln
  • psychische Störungen bei organischen Störungen.

Zur weiteren Differenzierung der Indikation sind im Absatz 3 Sachverhalte und Krankheitsbilder definiert, bei denen die Durchführung einer neuropsychologischen Therapie ausgeschlossen ist. Dazu gehören das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit oder ohne Hyperaktivität (AD[H]S), angeborene Intelligenzminderungen und Erkrankungen des Gehirns mit progredientem Verlauf im fortgeschrittenem Stadium, zum Beispiel mittel- und hochgradige Demenz vom Alzheimertyp. Bei einer Gehirnerkrankung mit neuropsychologischen Defiziten bei erwachsenen Patienten, deren Beginn länger als fünf Jahre zurückliegt, sind gegebenenfalls auf Antrag bei der Krankenkasse Ausnahmen in begründeten Einzelfällen möglich.

Diagnostik: Wie erfolgt die Feststellung der Indikation?

Die Feststellung der Indikation für eine neuropsychologische Therapie erfolgt zweistufig. Sie wird in § 5 der Anlage zur MVV-Richtlinie beschrieben:

  • Stufe 1: somatische Abklärung

In einem ersten Schritt klärt der Arzt ab, ob der Patient an einer erworbenen Hirnschädigung oder Hirnerkrankung leidet.

  • Stufe 2: neuropsychologische Diagnostik, Indikationsstellung, Behandlungsplan

Nach Feststellung der Diagnose prüft ein Arzt oder Psychotherapeut mit neuropsychologischer Zusatzqualifikation, ob eine neuropsychologische Therapie für den Patienten infrage kommt.

Hinweis: Die Diagnostik der Stufe 1 darf aus Gründen der Qualitätssicherung nicht von ein und demselben Arzt durchgeführt werden, der ggf. die neuropsychologische Therapie durchführt.

Qualifikation: Wer darf Diagnostik und Therapie durchführen?

Die erforderliche Qualifikation wird in § 6 der Anlage zur MVV- Richtlinie geregelt. Danach benötigen Ärzte und Psychotherapeuten, die Leistungen der Diagnostik (Stufe 2) und Therapie abrechnen wollen, eine Genehmigung ihrer Kassenärztlichen Vereinigung. Für die Indikationsstellung (Stufe 1) reicht eine entsprechende Facharztausbildung.

  • Diagnostik Stufe 1

Zur Feststellung der Indikation sind berechtigt: Fachärzte für Neurologie, Nervenheilkunde, Psychiatrie, Psychiatrie und Psychotherapie, Neurochirurgie, Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Neuropädiatrie oder Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (vgl. § 6 Abs. 1 der Anlage zur MVV-RL).

  • Diagnostik Stufe 2 und Therapie

Zur Durchführung der spezifischen neuropsychologischen Diagnostik und zur anschließenden Therapie sind nur Ärzte, Psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten berechtigt, die eine neuropsychologische Zusatzqualifikation nachweisen können (§ 6 Abs. 2 der Anlage zur MVV-RL).

Die Anforderungen zur neuropsychologischen Diagnostik und Therapie sind in den Weiter­bildungs­ordnungen der Landespsychotherapeutenkammern beziehungsweise der (Muster-)
Weiter­bildungs­ordnung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer definiert.

Hinweis: In der ärztlichen Weiter­bildungs­ordnung gibt es bisher noch keine entsprechende Zusatzbezeichnung. Deshalb müssen Ärzte die oben genannten Inhalte inhaltsgleich oder gleichwertig nachweisen, wenn sie eine Abrechnungsgenehmigung zur Durchführung der spezifischen neuropsychologischen Diagnostik und Therapie erhalten wollen.

Dauer, Art und Umfang: Wie erfolgt die Therapie?

  • Die neuropsychologische Therapie ist nicht antragspflichtig. Der Beginn der Behandlung ist lediglich der Krankenkasse anzuzeigen und zwar spätestens mit Abschluss der probatorischen Sitzungen.
  • Die neuropsychologische Therapie kann in Form von Einzel- oder Gruppenbehandlung mit maximal fünf Patienten durchgeführt werden (§ 7 der Anlage).
  • Die Behandlung kann auch außerhalb der Praxis/Einrichtung erbracht werden, wenn dies medizinisch notwendig ist. Die Notwendigkeit hierfür ist allerdings gesondert zu begründen und zu dokumentieren (§ 9 der Anlage).
  • Die neuropsychologische Diagnostik (Stufe 2) und Behandlung sind persönlich durch den Arzt/Psychotherapeuten zu erbringen, der über eine entsprechende Genehmigung der Kassenärztlichen Vereinigung verfügt.
  • Der Leistungsumfang:

– zur Diagnostik maximal bis zu fünf probatorische Sitzungen

– Einzelbehandlung bis zu 60 Sitzungen à 50 Minuten oder 120 Sitzungen bei Unterteilung in 25 Minuten; gegebenenfalls um 20 Sitzungen verlängerbar

– Gruppenbehandlung bis zu 40 Sitzungen à 100 Minuten oder bis zu 80 Sitzungen bei 50 Minuten Sitzungsdauer

– bei einer Kombination von Einzel- und Gruppentherapie ist die gesamte Behandlung im Rahmen des als Regelfall definierten Leistungsumfangs von 60 oder 120 Sitzungen durchzuführen.

Dokumentation und Stichprobenprüfungen:
Wie erfolgt die Qualitätssicherung?

Als Teil der Maßnahmen zur Qualitätssicherung und -förderung ist neben der Genehmigungspflicht eine Dokumentation vorgeschrieben (§ 9 der Anlage zur MVV-Richtlinie). Ärzte und Psychotherapeuten mit einer Abrechnungsgenehmigung zur neuropsychologischen Diagnostik (Stufe 2) und Therapie sind verpflichtet, die Befunde (nach § 5 der Anlage), den Therapieplan sowie den Behandlungsverlauf, Änderungen im Therapieplan, die Anzahl und Dauer der Behandlungen pro Woche und die Gesamtbehandlungsanzahl zu dokumentieren. Dokumentiert werden muss ferner, wenn die Dauer der Behandlungseinheiten reduziert, der Behandlungsumfang aus medizinischen Gründen verlängert werden muss oder sich die Therapie außerhalb der Praxis/Einrichtung als medizinisch notwendig erweist. In allen drei Fällen ist eine Begründung erforderlich.

Die Überprüfung der sachgerechten Dokumentation sowie der Indikation erfolgt durch Stichproben im Einzelfall. Die Kassenärztlichen Vereinigungen richten dazu speziell für den Leistungsbereich der ambulanten Neuropsychologie Qualitätssicherungskommissionen ein (gemäß § 10 Absatz 2 der Anlage der MVV-RL). Diese Kommissionen können auch für den Bereich von mehr als einer KV eingerichtet werden. Dies erlaubt die GB-A-Richtlinie zu Auswahl, Umfang und Verfahren bei Qualitätsprüfungen im Einzelfall (Qualitätsprüfungs-Richtlinie nach § 136 Absatz 2 SGB V), deren Regeln auch für die Sicherung der Qualität im Rahmen der neuropsychologischen Therapie gelten. Da der G-BA keine weitergehenden Inhalte für Stichprobenprüfungen im Bereich Neuropsychologie festgelegt hat, werden sich diese zusätzlich zur Überprüfung der Indikation auf die Überprüfung der sachgerechten Dokumentation gemäß § 9 der Anlage zur MVV-Richtlinie beziehen.

Nachfolgend wird der Beschluss des GB-A vom 24. November 2011 veröffentlicht, der am 24. Februar 2012 in Kraft getreten ist.

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