ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2012Pathologisches Glücksspielen: Gewinn braucht Sucht

EDITORIAL

Pathologisches Glücksspielen: Gewinn braucht Sucht

PP 11, Ausgabe April 2012, Seite 145

Bühring, Petra

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Die Zahl der stationären Behandlungen von pathologischen Glücksspielern ist kontinuierlich angestiegen und hat sich von 2000 bis 2010 verdreifacht. Darauf weist eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit in diesem Heft hin (Seite 172). Glücksspielsucht ist nicht nur eine der teuersten Erkrankungen für die Gesellschaft: Suchtexperten schätzen die direkten und indirekten Folgekosten auf rund 40 Milliarden Euro pro Jahr. Für die rund 500 000 Betroffenen und ihre Familien kann die Sucht dramatische psychische und finanzielle Folgen haben, wie Verschuldung, Kriminalität oder sogar Suizid. Auch der Anteil glücksspielsüchtiger Jugendlicher hat sich seit 2006 verdoppelt.

Das Thema beschäftigt deshalb ganz aktuell auch die Politik: Ein Antrag der SPD-Bundestagsfraktion drängt die Bundesregierung, die Glücksspielsucht im Sinne eines „kohärenten Gesamtsystems“ besser zu bekämpfen. Die Abgeordneten drängen auf den Erhalt des staatlichen Glücksspielmonopols und darauf, keine Erweiterung des Glücksspielmarktes zuzulassen. Damit sind die in Spielhallen und Gaststätten aufgestellten Geldspielautomaten gemeint, denn bei diesen ist das Suchtrisiko am höchsten: Der schnellen Spielfolge von durchschnittlich fünf Sekunden mit schnellen Gewinn- und Verlustentscheidungen können sich viele Spieler kaum entziehen.

In Deutschland gibt es ein unverständliches Nebeneinander von Spielen, die durch den Glücksspielstaatsvertrag der Länder geregelt werden, die sich zu einem Schutz für süchtige Spieler verpflichtet haben. Dazu gehören Spielcasinos, Lotto und bestimmte Sportwetten. Süchtige Spieler können für sich den Zugang zu Spielcasinos sperren lassen. Es besteht Legitimationspflicht, und der Jugendschutz wird eingehalten. Daneben gibt es jedoch die „gewerblichen“ Geldspielautomaten in Spielhallen und Gaststätten, deren Betrieb durch die Spielverordnung in der Gewerbeordnung des Bundeswirtschaftsministeriums geregelt wird. Sie sind frei zugänglich, dem Jugendschutz zum Trotz oft auch für Jugendliche. Die Betreiber verdienen nicht schlecht und immer mehr an den suchtkranken Spielern. Der Bruttospielertrag der Automatenbranche lag 2011 bei 4,14 Milliarden Euro, im Jahr 2006 noch bei 2,35 Milliarden Euro – ein Zuwachs von 76 Prozent, rechnet der Vorsitzende des Fachbeirats Glücksspielsucht der Länder, Prof. Dr. Jobst Böning, vor. Grund dafür ist, dass die Zahl der aufgestellten Automaten von 183 000 in 2006 auf 242 500 in 2011 stark zugenommen hat. Die Vergabe von Konzessionen für Spielhallen hat um 32 Prozent zugenommen.

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Böning bezeichnet es als „unheilige Allianz“, dass das Spiel mit dem höchsten Suchtrisiko über eine „unternehmerfreundlich gestaltete“ Spielverordnung geregelt wird. 2006 hatte die Lobby allen Grund zu feiern, denn damals wurde die Spielverordnung novelliert: mehr Automaten durften aufgestellt werden, die Spielfolge wurde schneller, der maximale Gewinn gesteigert. Für den Spieler steigt damit das Risiko, die Spielkontrolle zu verlieren.

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler hat einen Entwurf für eine erneute Änderung der Spielverordnung vorgelegt, die von den Sachverständigen aber als weitgehend wirkungslos in der Suchtprävention bewertet wird. Als Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter hätte Rösler vermutlich andere Prioritäten gesetzt.

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