ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2012Jahresthema Tabu – Kunstverfallsdatum: Tabubruch als Programm

KUNST UND SEELE

Jahresthema Tabu – Kunstverfallsdatum: Tabubruch als Programm

PP 11, Ausgabe April 2012, Seite 146

Kraft, Hartmut

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Dieter Roth: Karnickelköttelkarnickel (1969–1972). Aus Stallmist gepresste Figur in Form eines Kaninchens. 18,5 × 15 x 9,5 cm. Geplante Auflage 200 Exemplare, realisiert circa 100, hier Ex. 16. Foto: Eberhard Hahne
Dieter Roth: Karnickelköttelkarnickel (1969–1972). Aus Stallmist gepresste Figur in Form eines Kaninchens. 18,5 × 15 x 9,5 cm. Geplante Auflage 200 Exemplare, realisiert circa 100, hier Ex. 16. Foto: Eberhard Hahne

Von 1970 bis 1981 existierte in Düsseldorf die „Eat Art Galerie“. Sie war von Daniel Spoerri, dem großen Experimentator und Anreger neuer Wege in der Kunst gegründet worden. Tabubruch war Programm: Lebensmittel wurden zu Materialien für Kunstwerke. Es entstanden Lebkuchenobjekte von Roy Lichtenstein und Richard Lindner, Marzipanobjekte von Arman oder Collagen aus Kaugummi von Francois Morellet. „Mit Lebensmitteln spielt man nicht!“ Dieser Satz, dem in der Nachkriegszeit sicherlich noch größere Bedeutung in der Erziehung zukam als heute, wird vielen Betrachtern damals in den Sinn gekommen sein. Aber auch das Infragestellen von Ewigkeitsansprüchen der Kunst zauberte Sorgenfalten auf die Stirn vieler Künstler, Käufer und Sammler. Wenn auch diese Kunst – preisbedingt – nicht direkt verzehrt wurde, so alterte sie doch, wurde eventuell von Ungeziefer befallen oder begann schlichtweg zu stinken. Letzteres lässt sich besonders an einem berühmt gewordenen Multiple der Galerie veranschaulichen, dem „Karnickelköttelkarnickel“ von Dieter Roth. Gerade dieser Künstler hat durch seine Kunstwerke aus Schokolade, Gewürzen, Wurst und Käse internationale Berühmtheit erlangt. Für seine Edition in der Eat Art Galerie ging er jedoch noch einen Schritt weiter. Er fragte sich nach dem Endprodukt allen Essens. Von einem Studenten ließ er daraufhin die Form eines Hasen oder Kaninchens – Typ Schokoladenosterhase – in Gips als Pressform schneiden. Die Form wurde mit Kaninchenkot/Stallmist gefüllt, zusammengepresst – fertig war das „Karnickelköttelkarnickel“.

In Deutschland kann eine solche Skulptur kaum wahrgenommen werden, ohne dass wir an das berühmteste Hasenbild denken, den „Jungen Feldhasen“ (1502) von Albrecht Dürer. Diese gedankliche Verbindung wird manchen Betrachter die Nase rümpfen lassen. Noch größeren Unmut wird der Interpretationsansatz erregen, der in Bezug auf die Osterhasenform die Auferstehungsthematik anspricht. Vielleicht rettet sich manch Missmutiger, indem er darauf verweist, dass man heutzutage „aus Sch… Geld machen“ könne. Tatsächlich wurde auf einer Kunstauktion im Jahre 2011 ein Exemplar dieses Multiples für 7 500 Euro plus Aufgeld zugeschlagen. Dr. med. Hartmut Kraft

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Biografie Dieter Roth

Geboren 1930 in Hannover. Ausbildung als Werbegrafiker. Ab 1964 Arbeit mit Lebensmitteln. Mehrere Lehraufträge, unter anderem an der Kunstakademie Düsseldorf. 1982 gestaltete Dieter Roth den Schweizer Pavillon auf der Biennale Venedig. Roth starb 1998.

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