ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/20124. Präventionstagung der Bundes­ärzte­kammer: Kinderärzte als Wächter

POLITIK

4. Präventionstagung der Bundes­ärzte­kammer: Kinderärzte als Wächter

PP 11, Ausgabe April 2012, Seite 160

Bühring, Petra

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Psychische Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen sind ein gesellschaftliches Problem, dem Kinderärzte primärpräventiv entgegensteuern können.

Foto: Your Photo Today
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Der Begriff der „new morbidity in childhood“, also der Verschiebung von somatischen Krankheiten hin zu Störungen der Emotionalität und des Sozialverhaltens bei Kindern und Jugendlichen, durchzog die 4. Präventionstagung der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) am 13. Mai in Berlin als roter Faden.

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Diese Verschiebung konnte bereits bei der KiGGS-Studie, der ersten repräsentativen Bestandsaufnahme zur Kindergesundheit in Deutschland, die das Robert-Koch-Institut (RKI) zwischen 2003 und 2006 erhoben hat, festgestellt werden. 7,2 Prozent aller Kinder zwischen drei und 17 Jahren gelten danach als psychisch „auffällig“ und 7,5 Prozent als psychisch „grenzwertig“. „Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien“, berichtete Prof. Dr. Bärbel-Maria Kurth vom RKI, die für die Studie verantwortlich war. Ebenso sei der Anteil psychisch auffälliger Kinder in „unvollständigen“ Familien höher; bei vielfältigen Konflikten in der Familie steige das Risiko für Alkohol- und Drogenkonsum der Kinder.

„Der sozio-ökonomische Status und die psychosozialen Lebensbedingungen bestimmen die Entwicklung eines Kindes weit mehr als biologische Faktoren“, betonte Prof. Dr. med. Hans Georg Schlack, ehemaliger Leiter des Kinderneurologischen Zentrums in Bonn. Werden die psychischen Grundbedürfnisse eines Kindes nicht erfüllt, laufe es Gefahr, „an seinen Entwicklungsaufgaben zu scheitern“. Angststörungen (zehn Prozent), Störungen des Sozialverhaltens (7,6 Prozent), Depressionen (5,4 Prozent) und Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) (2,2 Prozent) sind die Folge. Diese Zahlen stammen aus der BELLA-Studie, einem Modul der KiGGS-Studie, die Verläufe und Bedingungsfaktoren psychischer Auffälligkeiten untersucht hat.

Vorausschauende Beratung

„Die Therapie dieser Störungen ist schwierig, langwierig und zudem sehr kostenintensiv“, sagte Schlack. Er hält es deshalb für sinnvoll, viel früher zu intervenieren und primärpräventiv in der Kinderarztpraxis die Weichen zu stellen. „Ohne Mitwirkung der Kinder- und Jugendärzte wird eine flächendeckende Prävention psychischer Störungen nicht gelingen“, so lautet seine These. Diese Primärprävention könne in einer „vorausschauenden Beratung“ in Elterngesprächen geschehen, in der ärztlichen Sprechstunde oder angehängt an eine Früherkennungsuntersuchung (U). Auch Trainingsprogramme zur Förderung elterlicher Kompetenz – wie zum Beispiel Triple-P – würden sich dafür anbieten.

Voraussetzung dafür sei mehr sozialpädiatrische Kompetenz der Kinder- und Jugendärzte, die sie über eine spezielle Weiter- und Fortbildung erwerben könnten, schlug Schlack vor. „Wir brauchen dafür Ärzte, die ein Interesse an den Lebensbedingungen eines Kindes haben, sich eine systemische Sichtweise aneignen und auch transkulturelle Kompetenz haben.“ Kinderärzte müssten vermehrt mit dem Jugendamt, Kitas, Schulen sowie mit Kinderpsychiatern und -psychotherapeuten kooperieren. „Bisher gibt es nur vereinzelte engagierte Initiativen.“

„Frühe Anzeichen psychischer Störungen können in der Kinderarztpraxis erkannt werden“, hob auch Rudolf Henke, Vorstandsmitglied der BÄK und Vorsitzender des Ausschusses Gesund­heits­förder­ung, Prävention und Rehabilitation, hervor. Er findet es deshalb „höchste Zeit“, dass der Gemeinsame Bundes­aus­schuss die Richtlinien für die Früherkennungsuntersuchungen ändert und es den Ärzten ermöglicht, ein stärkeres Gewicht auf die Früherkennung psychischer Auffälligkeiten, aber auch auf Bewegungsmangel oder falsche Ernährung zu legen. Die Us seien bisher nur an der Früherkennung von Krankheiten ausgerichtet, nicht aber an der Vorsorge.

Henke sprach sich außerdem dafür aus, dass die Präventionskurse der Krankenkassen nach § 20 SGB V mehr Angebote zur Stärkung von Eltern und Kindern zur Verfügung stellen und die Kassen sich hierbei inhaltlich enger mit den Ärzten abstimmen. „Diese Punkte sollte die Bundesregierung in der von ihr angekündigten Präventionsstrategie aufgreifen“, forderte er.

„Ärzte sind in der Primärprävention noch nicht ausreichend vertreten“, betonte auch Ministerialdirigent Norbert Paland, Bundesministerium für Gesundheit. Und das, obwohl nach einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 98 Prozent der Eltern sich am liebsten in einem persönlichen Gespräch beraten lassen. „Bei der Nationalen Präventionsstrategie sollten deshalb Kinder- und Hausärzte eine größere Rolle spielen.“

Interdisziplinäre Kooperation

Darauf dass Entwicklungsstörungen oder „soziogene“ Störungen bei Kindern auch ein gesellschaftliches Problem sind, wies Dr. med. Jan Leidel, ehemaliger Leiter des Kölner Gesundheitsamtes, hin: „Sie verweigern die Schule, brechen sie häufiger ab, haben kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt, werden häufiger drogenabhängig und delinquent.“ Am Kölner Gesundheitsamt hat er deshalb bereits vor Jahren eine Kinder- und Jugendpsychiatrische Beratungsstelle einrichten lassen. „Ärzte sollten ein Wächteramt wahrnehmen und sich vernetzen“, forderte Leidel.

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Kinder- und Jugendpsychiatern und -psychotherapeuten, Sozialpsychiatrischen Zentren, der Erziehungsberatung sowie mit der Kinder- und Jugendhilfe, Kitas und Schulen hält der Münchener Kinderarzt Dr. med. Stephan Böse-O’Reilly für unabdingbar. Um all diese Vernetzungsgespräche vergütet zu bekommen und zudem Präventionsassistenten, Psychologen oder Sozialpädagogen anstellen zu können, erachtet er eine Sozialpädiatrie-Vereinbarung – analog zur Sozialpsychiatrie-Vereinbarung der Kinderpsychiater – mit den Krankenkassen für sinnvoll.

Wenn man dem neuen Morbiditätsspektrum nicht frühzeitig entgegensteuert, kann einigen Kinder nur noch mit einem stationären Aufenthalt geholfen werden. Die Leiterin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weißenau, Prof. Dr. med. Renate Schepker, berichtet, dass 88 Prozent aller psychischen Störungen bis zum Eintritt ins Schulalter nicht erkannt würden. Schepker hält Prävention in Form von Elternarbeit, Suchtvorbeugung durch Behandlung von ADHS, Netzwerke für Kinder psychisch kranker Eltern und „null Toleranz gegenüber Schulverweigerung“ für erforderlich.

Petra Bühring

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