ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2012Psychotherapie: Emanzipation statt Manipulation

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Psychotherapie: Emanzipation statt Manipulation

PP 11, Ausgabe April 2012, Seite 181

Goddemeier, Christof

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„Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, die Furcht von den Menschen zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. (. . .) Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie wollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen“, schreiben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“. Der neue „psycho-logik“-Band nimmt wesentliche Fragen auf und betreibt in 14 Beiträgen „Aufklärung der Aufklärung“.

Auch der Mythos ist einmal angetreten, den Menschen die Furcht zu nehmen. Heute weckt der Begriff nicht gerade positive Assoziationen: Wer vom Mythos des Fortschritts spricht, bezweifelt, dass es durch Wissenschaft und Technik zu einer Verbesserung der Welt kommt. Und das Prädikat „blanke Mythologie“ verweist die so bezeichnete Rede ins Reich der unglaubwürdigen Geschichten. Bereits Xenophanes (6. Jahrhundert vor Christus) entlarvt den Mythos als Anthropomorphismus (Würden die Pferde Götter malen, so würden diese aussehen wie Pferde). Sigmund Freud spricht von „Psychomythologie“: Die unklare innere Wahrnehmung der eigenen Psyche rege zu Denkillusionen an, die nach außen projiziert würden, „charakteristischerweise in die Zukunft und in ein Jenseits“.

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Doch als „Unbehauste“ (H. Holthusen) unternehmen Menschen den Versuch, in dieser Welt heimisch zu werden. Von Anfang an helfen dabei Mythen als erzählendes Denken in dramatischen Bildern. So ist die Mythologie als Denksystem unentbehrlich, denn „wir denken in Bildern, und sobald wir sprechen, erzählen wir Geschichten (. . .) Unsere Sprache ist Mythologie.“ (B. Bertaux) Vielleicht deutlicher als die Aufklärung, die bereits in ihrem Begriff das Helle (engl. Enlightenment) und Klare trägt, weiß der Mythos, dass die Einrichtung der Welt zerbrechlich bleibt, denn das Negative ist immer nur vorläufig beherrschbar. In der Psychotherapie haben beide ihren Platz. Durch naturwissenschaftliche Forschung ermöglichte Manipulation mag zu einer notwendigen Bedingung der Lebensgestaltung werden – eine hinreichende Bedingung für gelingendes Leben ist sie nicht. Denn das Ziel von Psychotherapie ist Emanzipation, nicht Manipulation. Kein Mensch geht schließlich zum Therapeuten, um die Aktivität seiner Amygdala zu vermindern, sondern er will besser mit seinen Ängsten umgehen können.

Wie es dem Thema angemessen ist, liefern die Texte keine fertigen Antworten, sondern stellen Fragen und regen zum Weiterdenken an. Einzig das Pamphlet eines klassischen Philologen zur heutigen Spaßethik scheint sich in das im Übrigen kluge und lesenswerte Buch verirrt zu haben. Christof Goddemeier

Rolf Kühn, Jann E. Schlimme (Hrsg.): psycho-logik. Jahrbuch für Psychotherapie, Philosophie und Kultur, Band 6, Aufklärung und Neue Mythen. Alber, Freiburg 2011, 320 Seiten, kartoniert, 32 Euro

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