ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2012Kranksein in der Kunst: Existenzielle Erfahrung

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Kranksein in der Kunst: Existenzielle Erfahrung

PP 11, Ausgabe April 2012, Seite 182

Jachertz, Norbert

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Horst Leifer, Selbstbildnis, 5. Dezember 2001, Federzeichnung, Aquarell. Abbildungen:Technische Universität Dresden, Institut für Geschichte der Medizin
Horst Leifer, Selbstbildnis, 5. Dezember 2001, Federzeichnung, Aquarell. Abbildungen:Technische Universität Dresden, Institut für Geschichte der Medizin

Die grafische Sammlung des Dresdener Instituts für Geschichte der Medizin

Zu den jüngsten Erwerbungen der Grafiksammlung des Medizinhistorischen Instituts der Technischen Universität Dresden gehört eine Lithographie von Conrad Felixmüller (1897–1977) aus dem Jahre 1918, die einen „Soldaten im Irrenhaus“ zeigt. Abgebildet ist ein in sich verkrampfter Mann (CF selbst?) vor einer Fensterfront, die wie ein Gitter wirkt. Der Dresdener Expressionist Felixmüller arbeitete 1917 als Pfleger in der Anstalt Arnsdorf, 1918 war er dort Patient.

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Mit der eigenen, zum Tod führenden Erkrankung setzte sich 2001/2002 Horst Leifer (1939– 2002) auf ganz ungewöhnliche Weise auseinander. Innerhalb von acht Monaten zeichnete er 68 Selbstbildnisse, gegen Ende zwei bis drei pro Tag. Eine komplette Sammlung besitzt das Dresdener Kupferstichkabinett, drei Blätter nennt aber auch die Grafiksammlung der Medizinhistoriker ihr eigen.

Käthe Kollwitz, Besuch im Kinderkrankenhaus, Lithographie, 1926
Käthe Kollwitz, Besuch im Kinderkrankenhaus, Lithographie, 1926

Die Sammlung umfasst inzwischen 705 Originalgrafiken. Vertreten sind „große“ Namen wie Lovis Corinth, George Grosz, Horst Janssen, Max Liebermann, Martin Kippenberger oder Käthe Kollwitz, vor allem aber namhafte und auch weniger bekannte Künstler aus der DDR beziehungsweise aus Ostdeutschland. Es lohnt sich, sie kennenzulernen. Gerade ihr ungeschönter, harter Realismus beeindruckt, ja verstört den Betrachter. Gemeinsam sind allen Werken „künstlerische Qualität und existenzielle Erfahrung von Kranksein“, so der hohe Anspruch, den Prof. Dr. med. Albrecht Scholz an die Sammlung stellt. Scholz übernahm nach der „Wende“ die Leitung des Instituts für Geschichte der Medizin der (damals noch) Medizinischen Akademie Carl Gustav Carus. Ab 1995 baute er dort die Grafiksammlung auf, die er auch heute noch als Emeritus betreut. Ehrenamtlich. Angeregt hatte ihn die Sammlung seines Düsseldorfer Medizinhistoriker-Kollegen Prof. Dr. med. Hans Schadewaldt zu dem verwandten Thema „Tod“. Die seit 1976 existierende Düsseldorfer Sammlung, die von Schadewaldts Nachfolger, Prof. Dr. med. Dr. phil. Alfons Labisch, fortgeführt und in dessen Institut wissenschaftlich ausgewertet wird, umfasst inzwischen 4 000 Originalgrafiken. Sie gilt als weltweit einzigartig.

Die Dresdener haben mit ihrem Konzept, dem Kranksein nachzugehen und sich auf Künstler der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart zu konzentrieren, einen eigenen Weg eingeschlagen. Mit einigem Erfolg. Aus der Sammlung werden regelmäßig Ausstellungen bestückt, zuletzt noch anlässlich des Deutschen Ärztetages 2010 in Dresden. Die Dresdener sind offen für weitere Ausstellungsprojekte. Die Sammlung ist digitalisiert; das erleichtert Forschungsvorhaben. Einzelne Stücke der Sammlung leiht das Medizinhistorische Institut auch aus. So hängt im Arbeitszimmer des Medizinisch-Theoretischen Zentrums der Medizinischen Fakultät ein Siebdruck von Peter Halley: „Herz“.

Wer aber finanziert den Aufbau einer solchen Sammlung? Scholz verweist auf Sponsoren. Nein, nicht die Pharmaindustrie. Es seien vor allem viele private Förderer oder auch die Künstler selbst oder deren Nachfahren.

Norbert Jachertz

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