ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2012Sloweniens Kulturhauptstadt 2012: Maribor hofft auf den Wandel

KULTUR

Sloweniens Kulturhauptstadt 2012: Maribor hofft auf den Wandel

PP 11, Ausgabe April 2012, Seite 183

Traub, Ulrich

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Lebendiges Zentrum: Das Rathaus und zahlreiche restaurierte Bürgerhäuser prägen den Hauptplatz.
Lebendiges Zentrum: Das Rathaus und zahlreiche restaurierte Bürgerhäuser prägen den Hauptplatz.

Die ehemalige Industriestadt an der Drau setzt auf die Kultur, um den dringend notwendigen Strukturwandel einzuleiten. Noch ist nicht sicher, ob das gelingen kann.

Einen Superlativ hat die Stadt: Der älteste Rebstock der Welt gedeiht am Ufer der Drau. Seit mehr als 400 Jahren trägt er Früchte. Als Zentrum einer Weinbauregion hat Maribor einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Nun will sich die Stadt auch als Kulturstandort einen Namen machen. Doch ebenso wie die zweite Kulturhauptstadt 2012, das portugiesische Guimarães, stand Maribor bisher nicht auf der Liste der Kulturreisenden. Unter dem Motto „Turning Point“, Wendepunkt, sollen dort jetzt „die Heimat, die Stadt und die Gesellschaft verändert werden“. Mehr als vollmundige Absichtserklärung ist dies pure Notwendigkeit. Denn wie auch Essen, das 2010 den Titel trug, ist die Region von Strukturproblemen gekennzeichnet.

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Maribor, mit gut 100 000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Sloweniens, war im ehemaligen Jugoslawien einer der bedeutendsten Industriestandorte. Das ist längst Vergangenheit, doch noch immer sucht die Universitätsstadt nach einer neuen Rolle. Nun soll es die Kultur richten, allein, es fehlt das Geld – auch für 2012. Ob alle 300 Programmangebote in Maribor und seinen Nachbarstädten durchgeführt werden können, ist fraglich.

Dennoch lohnt sich die Reise in die nur wenige Kilometer hinter der Grenze zu Österreich gelegene Kulturhauptstadt. Maribor entwickelte sich vom 13. Jahrhundert an zu einer blühenden Handelsstadt. Die Stadtburg am Platz der Freiheit, die auf das Jahr 1478 zurückgeht, diente bis 1938 als Adelssitz der Habsburger. Heute beherbergt sie ein Museum. Auf dem Platz selbst erinnert eine riesige Bronzekugel an die Opfer des Faschismus und die Befreiung vom Naziterror.

Der Hauptplatz in der lebendigen Innenstadt wird vom Rathaus und restaurierten Bürgerhäusern gesäumt. Der langgestreckte Platz ist die Schnittstelle zwischen der Altstadt und dem Lent, dem früheren Hafen- und heutigen Kneipenviertel an der Drau. Das kulturelle Herz der Stadt schlägt am Slomškov-Platz. Hier stehen sich die Kathedrale, die Universität und das Nationaltheater gegenüber.

In Maribor hat man in Instandsetzung investiert. Das Kulturzentrum MAKS und die Neue Moderne Galerie sollen im Sommer auf dem Areal einer alten Textilfabrik eröffnet werden. Auch das historische Zentrum wurde herausgeputzt. Dem öffentlichen Raum soll im Kulturhauptstadtjahr besondere Bedeutung zukommen. Bei Festivals in sechs Städten werden die Orte zur Bühne. Neben Rock-, Jazz- und klassischer Musik steht ein internationales Theaterfestival auf dem Programm, das sich des Themas Brücken annehmen wird. Das Künstlerkollektiv Laibach, als Rockband der wohl erfolgreichste Kulturexport Sloweniens, ist mit einer Ausstellung vertreten, an den slowenischen Komponisten Hugo Wolf (1860–1903) wird erinnert, und der bekannteste Schriftsteller des Landes, Drago Jançar, betreut ein Literaturprojekt.

Maribor, das im nationalen Ringen um den Titel der Kulturhauptstadt die Hauptstadt Ljubljana hinter sich gelassen hat, steht an einem Scheidepunkt. Ob die Wende gelingt, muss sich erst noch zeigen. Das Kulturhauptstadtjahr kann als Wegweiser fungieren. Und wenn es mit der Kultur nicht klappt, bleiben die reizvolle Umgebung und der Wein. Maribor ist das Tor zur slowenischen Steiermark. Sanfte Hügel, Weinterrassen und stille Dörfer prägen das Bild dieser touristisch noch unentdeckten Region.

Ulrich Traub

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