THEMEN DER ZEIT

Infektionskrankheiten: Frühwarnung aus dem Netz

Dtsch Arztebl 2012; 109(15): A-756 / B-656 / C-652

Denecke, Kerstin

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Foto: Fotolia
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Infektionskrankheiten breiten sich immer schneller aus. Eine Forschergruppe entwickelt Technologien, die Äußerungen im Internet auswerten. Das Ziel: Lange Meldewege umschiffen, um früher auf Gefährdungen reagieren zu können.

Dr. Johannes Dreesman vom Niedersächsischen Landesgesundheitsamt arbeitet mit dem M-Eco-System (Medical Ecosystem). Auf dem Bildschirm wählt er Krankheiten und Symptome aus, an denen er interessiert ist: Masern, Influenza, Fieber, Hautausschlag. Dann sieht er eine Liste mit Hinweisen auf aktuelle Krankheitsausbrüche. Diese Signale sind rot markiert für besonders kritische Situationen und grün für nicht ganz so kritische Fälle. Oben in der Liste leuchtet ein rot markiertes Signal zu einem Masernausbruch.

Wissenschaftler der Universität Hannover entwickeln gemeinsam mit Forschern aus sechs anderen Einrichtungen das M-Eco-System im Rahmen eines europäischen Forschungsprojekts. Ziel ist es, frühzeitig Hinweise auf Krankheitsausbrüche zu erhalten. Dazu „hört“ das System die Unterhaltungen im Internet mit und filtert Online- oder Twitternachrichten heraus, in denen bestimmte Krankheiten oder Symptome benannt werden. Mit Methoden des maschinellen Lernens erkennt es in den Texten Kombinationen aus Ortsangaben und Krankheiten, die es als Muster interpretiert. Wird ein Schwellenwert überschritten oder werden Auffälligkeiten festgestellt, erhält der Benutzer des Frühwarnsystems einen Hinweis mit den entsprechenden Informationen.

Dreesman wählt ein Signal mit dem Stichwort „Masern“ aus. Eine Landkarte mit Fähnchen erscheint, die anzeigen, wo nach Angabe des Systems Menschen an Masern erkrankt sind. In einem Diagramm sieht er den plötzlichen Anstieg der Tweets zu diesem Thema und beschließt, diesem Hinweis nachzugehen. „Aktuell gibt es offenbar viele Twitternachrichten mit den Begriffen Fieber und Hautausschlag“, erläutert er. Dreesman stellt fest, dass eine Gruppe von Schülern über Mitschüler twittert, die wegen Fieber und Hautausschlag zu Hause bleiben mussten. Es wird spekuliert, sie hätten Masern. „Hier liefert mir das M-Eco-System eher Informationen, als ich sie über den traditionellen Meldeweg erhalte“, berichtet Dreesman.

Twitternachrichten oder Weblogs als Quelle

Bislang erhielt er Informationen, dass ein Patient eine hochgradig ansteckende Krankheit habe, ausschließlich über die Infektionsmeldungen aus Laboren, Krankenhäusern und Arztpraxen. Wird eine meldepflichtige Krankheit wie Masern diagnostiziert, sind diese Einrichtungen verpflichtet, die Diagnose zu melden. Dreesman und seine Kollegen in den lokal zuständigen Gesundheitsämtern prüfen dann, ob Maßnahmen zu ergreifen sind. Sie leiten die Daten in regelmäßigen Abständen an das Robert-Koch-Institut (RKI) weiter. Von hier oder von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kann die Warnung vor drohenden Krankheitsausbrüchen oder einer Epidemie ausgegeben werden.

Statt offizieller Meldedaten verwendet das M-Eco-System Informationen aus erster Hand, darunter Twitternachrichten und Einträge in Weblogs. Die Forscher konnten rückwirkend feststellen, dass M-Eco zeitnah Informationen zu Krankheitsausbrüchen bereitstellen kann. Für die EHEC-Epidemie im Mai 2011 in Deutschland, die durch Escherichia-coli-Bakterien in Sprossen ausgelöst wurde, waren früh relevante Informationen in Social-Media-Daten und Online-Nachrichten verfügbar. Das M-Eco-Projekt läuft bereits zwei Jahre. Inzwischen werden ähnliche Systeme auch in anderen Ländern entwickelt. Abu Dhabi will ebenfalls Twitter und Google nutzen, um nahezu in Echtzeit vor entstehenden Epidemien zu warnen.

„Dürfen die denn überhaupt meine Nachrichten speichern? Was sammelt das System denn sonst noch für Informationen über mich?“, fragt eine Internetnutzerin, die in einem Vortrag von dem M-Eco-System erfahren hat. Die Forscher versichern, dass keine personenbezogenen Daten gesammelt und gespeichert würden. Allerdings müssen solche rechtlichen Fragestellungen noch geklärt werden. Einige Monate bleiben den Forschern noch, um die Technologien des Systems zu verbessern. Solange testen die Epidemiologen des RKI, der WHO und anderer europäischer Gesundheitsorganisationen die Verfahren und prüfen, ob Social Media wirklich bei der Früherkennung von Epidemien unterstützen kann. Ab Mitte 2012 soll ein Prototyp in Betrieb genommen werden. Informationen: www.meco-project.eu

Kerstin Denecke, Forschungszentrum L3S

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