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Internistenkongress: Multimorbidität im Fokus

Dtsch Arztebl 2012; 109(15): A-731 / B-635 / C-631

Siegmund-Schultze, Nicola

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Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze, Medizinjournalistin in Köln
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze, Medizinjournalistin in Köln

Mit dem 118. Internistenkongress beginnt am 14. April in Wiesbaden nicht nur die größte Fortbildungsveranstaltung zur Inneren Medizin mit einem umfangreichen wissenschaftlichen Programm. Der Kongress dient immer auch der Standortbestimmung des Gebietes mit seinen zahlreichen Schwerpunkten. „Angesichts der zunehmenden Komplexität von Faktenwissen über Pathogenese, Diagnostik und Therapie einzelner Erkrankungen brauchen wir auch künftig die verschiedenen Schwerpunkte“, sagt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), Prof. Dr. med. Joachim Mössner, Leipzig. „Aber Innere Medizin ist mehr als die Summe ihrer Schwerpunkte.“ Multimorbidität lasse sich auch nicht einfach durch Aufsummierung von Erkrankungen beschreiben.

So sucht die Innere Medizin immer wieder nach einem ganzheitlichen Verständnis von Krankheit. Beim Kongress wird dies deutlich daran, dass den Schwerpunktthemen ein gemeinsames Leitthema übergeordnet ist: Krankheit, Gene, Umwelt. „Krankheiten manifestieren sich als Zusammenspiel von Umwelteinflüssen, wie zum Beispiel dem Lebensstil, mit ererbten und erworbenen genetischen und epigenetischen Faktoren“, sagt Mössner. Die Anwendung genetischer Biomarker im Sinne der personalisierten Medizin sieht Mössner derzeit vor allem in der Therapie: für die Onkologie zum Beispiel bei der Vorhersage des Ansprechens eines Kranken auf biomarkerspezifische Substanzen.

Genetische Diagnostik ist ein Schwerpunktthema beim Internistenkongress, weitere Hauptthemen sind Onkologie des Verdauungstrakts, Adipositas, Herzinsuffizienz und Multimorbidität im Alter. Schon heute sind 21 Prozent der Bevölkerung älter als 65 Jahre, für das Jahr 2030 wird ihr Anteil Schätzungen zufolge knapp 30 Prozent betragen. Zwei Drittel der über 65-Jährigen haben mindestens zwei, jeder fünfte sogar fünf und mehr chronische Erkrankungen.

Versorgungsprobleme bei multimorbiden Patienten bestehen in unzureichender Kontrolle von Wechsel- und Nebenwirkungen von Medikamenten, die zur Therapie verschiedener Erkrankungen verordnet werden, im unabgestimmten Agieren von Spezialisten und in der Konzentration der Behandlung auf medizinische Aspekte unter Vernachlässigung der Lebensqualität, heißt es im aktuellen Landesgesundheitsbericht für Nordrhein-Westfalen. Multimorbide, ältere Kranke würden in S3-Leitlinien kaum berücksichtigt, es gebe für diese Patientengruppe keine Algorithmen für eine Priorisierung von Erkrankungen, also für die Frage, welches die primären Zielgrößen für den Einzelnen sein sollten, bestätigt Mössner. Grundlagen für solche Algorithmen zu erarbeiten – unter Berücksichtigung der Lebensqualität der Patienten –, gehöre zu den drängendsten Aufgaben der Versorgungsforschung. Sie werde allerdings finanziell viel zu wenig gefördert.

Um die Versorgung älterer Menschen zu verbessern, setzen sich nach den Worten von Mössner DGIM und der Berufsverband der Deutschen Internisten dafür ein, einen weiteren Schwerpunkt innerhalb der Inneren Medizin zu etablieren: die Geriatrie. Einem weiteren Schwerpunkt müsste aber der Ärztetag zustimmen. Ob nun im stationären oder im hausärztlichen Bereich tätig – der „klassische“ Internist werde weiterhin ein Generalist bleiben, der eine ganzheitliche Anamnese des Patienten vornehme und dem die künftig immer wichtiger werdende Aufgabe zukomme, Therapien zu koordinieren.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
Medizinjournalistin in Köln

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