ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2012(Medizin)Geschichte: Zeugen zweier Geschichten

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(Medizin)Geschichte: Zeugen zweier Geschichten

Dtsch Arztebl 2012; 109(15): A-754 / B-654 / C-650

Winkelmann, Andreas

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Die Köpfe von Opfern des Kolonialkriegs in Deutsch-Südwestafrika wurden zu Forschungszwecken nach Berlin gesandt. In einer feierlichen Zeremonie wurden nun einige von ihnen zurück gegeben. Fotos: DFG-Forschungsprojekt
Die Köpfe von Opfern des Kolonialkriegs in Deutsch-Südwestafrika wurden zu Forschungszwecken nach Berlin gesandt. In einer feierlichen Zeremonie wurden nun einige von ihnen zurück gegeben. Fotos: DFG-Forschungsprojekt

Die Charité gab Schädel aus der Kolonialzeit an Namibia zurück.

Ende September 2011 übergab die Berliner Charité in einer feierlichen Zeremonie 20 Schädel an Vertreter der Herero und Nama aus Namibia. Die Universität Freiburg kündigte an, in nächster Zeit ebenfalls 14 Schädel an Namibia zurückzugeben. All diese Schädel stammen aus anthropologischen Sammlungen, die zu einem sehr großen Teil in der Kolonialzeit zusammengetragen wurden. Beide Institutionen prüfen außerdem weitere Rückgaben aus diesen Sammlungsbeständen.

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Eine Wissenschaftlergruppe der Charité begann Ende 2010, sich in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsvorhaben, dem „Charité Human Remains Project“, erstmals kritisch mit den eigenen Sammlungen und den zugehörigen Sammlern auseinanderzusetzen. Dazu muss zunächst in akribischer Detailarbeit die Herkunft von Teilen der großen Sammlungsbestände geklärt werden, um sich dann dem historischen Kontext dieser Herkunft zu widmen.

Die Rückgabe von 20 Schädeln aus dem heutigen Namibia basierte auf den ersten – vorläufigen – Ergebnissen dieses Projekts. Diese Schädel stammen nach unserem Forschungsstand mit großer Sicherheit von Menschen, die im damaligen Deutsch-Südwestafrika in dem kolonialen Krieg starben, den die Deutschen in den Jahren 1904 bis 1908 gegen die Herero und Nama führten. Schädel oder sogar ganze, in Formalin fixierte Köpfe wurden damals nach Berlin geschickt, um daraus menschliche Präparate zu erstellen und um daran anthropologisch zu forschen.

Verdrängte deutsche Kolonialgeschichte

Die jetzigen Rückgaben können nur der Beginn eines Prozesses sein, der sicher noch länger andauern wird. Dies hat zwei Gründe:

  • Erstens muss in Deutschland das Bewusstsein für die dunklen Seiten der relativ kurzen deutschen Kolonialgeschichte offensichtlich noch wachsen. Wer weiß schon, dass die deutschen Kolonialtruppen in „Südwest“ 1904 mit einem Vernichtungsbefehl ihres Anführers, General von Trotha, gegen die Herero und Nama vorgingen (die Nama wurden verächtlich „Hottentotten“ genannt)? Wer weiß, dass bei der Schlacht am Waterberg 1904 und der anschließenden Vertreibung in die Omaheke-Wüste Zehntausende Herero starben und dass die Deutschen anschließend Gefangenenlager anlegten, die sie Konzentrationslager nannten und in denen etwa die Hälfte der internierten Herero und Nama nicht überlebten? Während die Erinnerung daran in Namibia noch sehr lebendig ist, haben in Deutschland zwei Weltkriege und das „Dritte Reich“ die Erinnerung an frühere, im Namen Deutschlands begangene Untaten verschüttet und die Kaiserzeit zur „guten alten Zeit“ werden lassen. Die nun übergebenen Schädel sind physische Zeugen dieser Kolonialgeschichte. Sie erinnern auch daran, dass die Deutschen diesen Teil ihrer Geschichte weitgehend verdrängt haben.
  • Der zweite Grund dafür, dass wir erst am Anfang eines Prozesses stehen, ist die durchaus schwierige Identifikation und Zuordnung von human remains (sterblichen Überresten) aus der Kolonialzeit. Lange Zeit hat sich kaum jemand ernsthaft um die bestehenden Sammlungen gekümmert, was sich in Deutschland vor allem aus der tiefen Erschütterung und Verunsicherung erklärt, die die physische Anthropologie infolge ihrer Vereinnahmung durch die Rassenideologie der Nationalsozialisten mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte.

Außerdem ist die Katalogisierung u

Diese Schädel sind auch physische Zeugen der Vorstellung, man könne die Menschheit objektiv anhand anatomischer Merkmale in „Rassen“ unterteilen.
Diese Schädel sind auch physische Zeugen der Vorstellung, man könne die Menschheit objektiv anhand anatomischer Merkmale in „Rassen“ unterteilen.
nd Dokumentation der einzelnen Sammlungsstücke oft erstaunlich schlecht. Das liegt im Berliner Fall vor allem an diversen Umzügen der Sammlungen aufgrund von Krieg und deutscher Teilung mit entsprechenden Verlusten an Sammlungsbeständen und Dokumenten. Soweit wir das bisher beurteilen können, waren aber auch viele Sammler seinerzeit offenbar der Meinung, man müsse erst einmal möglichst viel „Material“ nach Europa schaffen und könne dieses, auch bei lückenhafter Dokumentation, später durch wissenschaftliche Bearbeitung erschließen.

Ein individueller Nachweis von Name und Herkunft der Person, von der der jeweilige Schädel stammte, lag dabei außerhalb des Dokumentationsinteresses – sehr zum Leidwesen derjenigen, die jetzt die Gebeine ihrer Vorfahren übergeben bekommen und die diese gern mit individuellen Schicksalen verknüpfen würden. Es ist aber nicht einfach möglich, einem vorliegenden Schädel seine Herkunft „anzusehen“. Man kann mit heutigen anthropologischen Methoden durchaus Aussagen machen, etwa zum Geschlecht, zum Alter und zu Krankheiten des zugehörigen Individuums. Die Untersuchung eines Schädels kann auch Hinweise darauf geben, was nach dem Tod mit dem Körper geschah – zum Beispiel längere Lagerung in der Erde, wenn der Betroffene schon bestattet war, bevor man seine Totenruhe störte. Was man allerdings nicht feststellen kann, ist eine ethnische Zugehörigkeit. Das liegt nicht nur daran, dass sich die damals beabsichtigte „Rassenforschung“ als ein wissenschaftlicher Irrweg erwies, sondern vor allem daran, dass ethnische Zugehörigkeit keine biologische, sondern eine soziokulturelle Zuschreibung ist. Wenn man also heute sagt, ein bestimmter Schädel aus der vorhandenen Sammlung gehöre zu einem Herero oder Nama, so beruht das vor allem auf überlieferten Beschriftungen und Nummerierungen sowie auf der historischen Forschung zu der Frage, unter welchen Umständen dieser Schädel in die Sammlung gelangt ist.

Zeugen der Wissenschaftsgeschichte

Für die meisten der jetzt restituierten Schädel ließ sich nachweisen, dass sie von Herero und Nama stammen, die im berüchtigten deutschen Gefangenenlager auf der Haifischinsel vor Lüderitz starben. Deutsche Kolonialärzte obduzierten dort routinemäßig Verstorbene. In einigen Fällen trennten sie dann den Kopf vom Rumpf und fixierten ihn in Gänze in Formalin, weil bei Berliner Anthropologen Interesse bestand, die mimische Muskulatur zu präparieren und „nachzuweisen“, dass diese bei Afrikanern „primitiver“ sei als bei Europäern. Nach Abschluss dieser Untersuchungen wurden die Schädel mazeriert und in die sogenannte Rasseschädelsammlung aufgenommen.

Der Bezug zum Irrweg der „Rassenforschung“ zeigt, dass die untersuchten Schädel nicht nur Teil der Kolonialgeschichte, sondern auch Teil der Wissenschaftsgeschichte sind, dem wir uns als Wissenschaftler stellen müssen. Diese Schädel sind damit auch physische Zeugen der Vorstellung, man könne die Menschheit objektiv anhand anatomischer Merkmale in „Rassen“ unterteilen und zwischen diesen sogar wissenschaftlich eine Hierarchie begründen. Diese Vorstellungen sind inzwischen nicht nur durch die Verbindung zum Rassenwahn des Nationalsozialismus obsolet, sondern sind auch wissenschaftlich völlig überholt. Insbesondere die Genetik hat gezeigt, dass die sichtbaren Unterschiede zwischen den Menschen nur einen kleinen und eher unbedeutenden Teil der genetischen Variabilität unter den Menschen ausmachen.

Ohne den Beitrag der damaligen Anthropologen zur Entwicklung einer Rassenideologie herunterspielen zu wollen, scheinen die gesammelten Schädel aber auch Zeugen einer noch tieferen Strömung der „westlichen“ Wissenschaftsgeschichte zu sein – der Hinwendung der Naturwissenschaften und der Medizin zum Materiellen des menschlichen Körpers, zu einer mechanistischen Betrachtungsweise des Menschen, die charakteristisch für das späte 19. Jahrhundert ist. Diese Entwicklung hat offenbar damals „Körperexperten“ hervorgebracht, die nichts dabei fanden, sich für wissenschaftliche Untersuchungen ganze Köpfe, in Formalin eingelegt, aus fernen Ländern nach Berlin schicken zu lassen, um sie hier zu untersuchen. Die darin enthaltene Demütigung haben sie vermutlich nicht wahrgenommen – oder sie hielten sie für genauso notwendig wie die Demütigung, die es für mittellose Berliner ihrer Zeit vermutlich bedeutete, nach dem Tod auf den Seziertischen der Anatomie zu landen. Für diese Körperexperten war das Sammeln und Untersuchen von Schädeln Teil eines großen fortschrittsgläubigen Projekts, an dessen Ende das vollkommene mechanistische Verständnis des Menschen stehen würde. Auch wenn dieses Projekt einen Anteil am Aufschwung der wissenschaftlichen Medizin im 19. Jahrhundert hatte, muss es sicher ebenfalls kritisch hinterfragt werden.

Es ist daher zu hoffen, dass die zurückgegebenen Schädel nun auch Zeugen einer dritten Geschichte werden können, einer Geschichte von gemeinsamer und offener Auseinandersetzung mit der deutsch-namibischen Kolonialgeschichte, aber auch mit den dunkleren Seiten unserer eigenen Wissenschaftsgeschichte.

Dr. med. Andreas Winkelmann MSc.

Institut für vegetative Anatomie
Charité – Universitätsmedizin Berlin
andreas.winkelmann@charite.de

Der Autor leitet gemeinsam mit Prof. Dr. med. Thomas Schnalke vom Berliner Medizinhistorischen Museum das Charité Human Remains Project.

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