SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Louise Bourgeois (1911–2010) – Obsessionen und Traumata

Dtsch Arztebl 2012; 109(15): [60]

Schuchart, Sabine

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Mit ihren vom Alter gekrümmten Fingern nähte sie den weißen Stoff mit großen Stichen zusammen, formte ihn zu einer textilen menschlichen Körperhülle. Da war Louise Bourgeois 89 Jahre alt. Als sie „Cell XXII“ schuf, verließ die kleine, zerbrechlich wirkende Dame ihr Haus in New York schon nicht mehr, als Künstlerin aber war sie nach wie vor ebenso kraftvoll wie produktiv. Das handwerkliche Tun hielt sie dabei für unerlässlich, da ihre plastischen Werke, wie sie betonte, in enger Beziehung zu ihrer eigenen Körperlichkeit entstehen.

1986 hatte die französisch-amerikanische Pionierin der Installationskunst ihre Werkserie „Cells“ (Zellen) begonnen, die sie fast zwei Jahrzehnte beschäftigte – riesige Stahlkäfige oder kleine vergitterte Räume, in denen skulpturale Körper, amorphe Körperfragmente und symbolgeladene Objekte menschliche Obsessionen und Traumata materialisieren. Es sind „schmerzhafte Gefühle wie Angst, Verlorenheit und Erstarrung, die Bourgeois selbst erfahren haben muss, um derart starke Assoziationen beim Betrachter auslösen zu können“, sagt Dr. Brigitte Kölle, Kuratorin der Hamburger Kunsthalle, über „Cell XXII“. Ihr Haus zeigt derzeit als erstes Museum in Deutschland in einer umfassenden Schau das Spätwerk der vor zwei Jahren verstorbenen Künstlerin, die dieses Jahr 100 Jahre alt geworden wäre.

Bourgeois selbst wies immer wieder darauf hin, dass sie mit ihren Skulpturen und Zeichnungen ihre Lebensgeschichte verarbeitete: „In meinem ganzen Werk gibt es die Angst, im Stich gelassen und getrennt zu werden“, erklärte sie 2008 in einem ihrer letzten Interviews. Aufgewachsen ist sie in einer bürgerlichen, von Doppelmoral geprägten Pariser Familie. Die Liebe zur früh erkrankten Mutter und die Hassliebe zum libertinösen Vater thematisierte sie in ihrem Œuvre. Ihre Jugend war bestimmt vom Tapisseriehandel und von der Tapisseriewerkstatt der Eltern, für die die Zwölfjährige erste Zeichnungen anfertigte.

Den Werkstoff Textil sollte sie später in der Kunst hoffähig machen. Noch in Paris, bevor sie 1938 nach Amerika emigrierte, ermutigte sie ihr wichtigster Lehrer, Fernand Léger, zur Bildhauerei. Anerkennung fand die Jahrhundertkünstlerin spät. Ihre erste Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art erhielt sie 1982. Mit den „Cells“ vertrat sie 1993 die USA auf der Biennale in Venedig. Da war Bourgeois 81 Jahre alt. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Louise Bourgeois. Passage dangereux“

Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall, Hamburg;

www.hamburger-kunsthalle.de

Di.–So. 10–18, Do. 10–21 Uhr;

bis 17. Juni

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1. Donald Kuspit: „Ein Gespräch mit Louise Bourgeois“, broschiert, 125 Seiten, Piet Meyer, 2011, 12,80 Euro.

2. Ulf Küster: „Louise Bourgeois“, Leben und Werk, broschiert,
144 Seiten, Hatje Cantz, 2011, 12,80 Euro.

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