ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2012Reformdebatte: Systemkritik aus Übersee

POLITIK

Reformdebatte: Systemkritik aus Übersee

Dtsch Arztebl 2012; 109(16): A-796 / B-690 / C-686

Schmitt-Sausen, Nora

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Eine alternde Bevölkerung, neue Technologien, leere Kassen: Unser Gesundheitswesen stößt an Leistungsgrenzen. Für Harvard-Ökonom Michael E. Porter liegt die Lösung in einem Umbau des Systems.

Dass gerade ein Amerikaner nach Berlin gekommen war, um den Deutschen einen Vortrag über die Schwächen ihres Gesundheitssystems zu halten, konnte
Dr. med. Karl Lauterbach nicht unkommentiert lassen. Dies sei so, als wolle ein Italiener den Deutschen erklären, wie sie Autos zu bauen hätten, unkte der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Gleichwohl räumte er ein: In Italien wird mit dem Ferrari ein Auto der Sonderklasse produziert. Und aus den USA kommen zweifellos die versiertesten Gesundheitsexperten.

Ähnlich wie dem Ferrari eilt Michael E. Porter ein Ruf voraus: Der Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard Business School ist weltweit einer der einflussreichsten Experten für strategisches Management. Seit einigen Jahren richtet er den Blick auf Gesundheitssysteme. Gerade hat er ein Buch über das deutsche Gesundheitswesen verfasst, für dessen Präsentation er im März nach Berlin reiste. „Das deutsche Gesundheitswesen ist in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für andere Länder“, sagte Porter. „Doch es gibt zentrale Probleme in der Organisation der Versorgung.“ Die Deutschen hätten ein beispiellos breites Angebot, belegten aber im internationalen Vergleich zum Beispiel bei der Sterblichkeit keine sehr guten Plätze.

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Neben der instabilen Finanzlage kritisiert Porter vor allem die schwankende Qualität in der Behandlung und eine mangelnde Koordination des Angebots. Woran der Patient Deutschland vor allem krankt, ist für ihn schnell ausgemacht: Das System kreise zu sehr um die gegebenen Strukturen und sei zu wenig am Patientennutzen orientiert. Dabei sei dieser „das einzige Ziel, das die Interessen aller Akteure“ vereinige, und deshalb der richtige Ansatzpunkt für Veränderung. Es sei an der Zeit, dass sich die Akteure auf das konzentrierten, worauf es ankomme: eine möglichst fehlerfreie Diagnostik, gute Behandlungsergebnisse und damit auf Dauer gesenkte Gesundheitskosten.

Teilreformen, wie sie Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten vielfach vollzogen habe, reichten nicht aus, um das System langfristig zu stabilisieren. Man müsse die Versorgung neu organisieren. Gegenwärtig verursache das System etwa Kosten durch viele und unkoordinierte Arzt- und Klinikbesuche, auch deshalb, weil die Qualität der Behandlungen bei den einzelnen Anlaufstellen sehr schwanke. Als Angriff auf die Ärzteschaft möchte der Amerikaner seine Analyse nicht verstanden wissen, im Gegenteil: „Deutsche Ärzte sind sehr gut ausgebildet. Aber es kann nicht jeder alles wissen.“ Das Problem sei nicht mangelnde fachliche Kompetenz, sondern die Organisation der Versorgung.

Porter empfiehlt, Kompetenz in interdisziplinären Zentren zu bündeln. Diese sollten sich an den Bedürfnissen und Krankheitsbildern der Patienten orientieren. Ein solcher Schritt drossele nicht nur die Kosten im System, sondern er bringe auch den Ärzten etwas: „Der Austausch im Team birgt viele Lerneffekte und macht Spaß.“ Hinter seinem Vorschlag versteckt sich weitere Kritik: Das deutsche System leiste sich stellenweise ein kostenintensives Überangebot. Nicht in jedem kleinen Krankenhaus müssten Brustkrebspatientinnen behandelt, nicht in jedem Hüftoperationen vorgenommen werden.

Der Amerikaner hält große Veränderungen für machbar

Ein weiteres zentrales Problem sieht der Amerikaner in der unzureichenden Messung der Ergebnisqualität, die in vielen Ländern zum Standard gehöre. „Die Ergebnisse der Leistungen müssen gemessen werden, andernfalls kann man sie nicht verbessern.“ Porter fordert, diesen Ansatz sowohl auf Behandlungsergebnisse als auch auf die Behandlungskosten anzuwenden. Er kritisierte zudem die bislang starre Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Sie sei ineffizient und kostenintensiv, da unterschiedliche Leistungserbringer ähnliche Krankheitsbilder behandelten, ohne dass wichtige Informationen ausgetauscht würden.

Porter äußerte sich ebenso zur Zukunft der privaten Kran­ken­ver­siche­rung (PKV). Auch hier ist sein Urteil eindeutig: Das gängige System sei „unfair“, gefährde das Solidaritätsprinzip und damit das Herz des deutschen Gesundheitswesens. Es sei unausweichlich, die PKV in den Risiko­struk­tur­aus­gleich der gesetzlichen Krankenkassen einzubinden. Zu viel Reformgeist? „Viele glauben, solch große Veränderungen seien nicht möglich. Viele sind der Diskussionen müde“, sagte Porter. „Es ist natürlich hart, bewährte Strukturen zu brechen. Doch es ist möglich.“

Nora Schmitt-Sausen

PORTERS ANSTÖSSE

Im Jahr 2006 veröffentlichte Michael E. Porter gemeinsam mit Elizabeth Olmsted Teisberg das Buch „Redefining Health Care“, das den Patientennutzen in den Vordergrund der Versorgung stellt. Nach eigenen Angaben gab die Analyse der Autoren Anstoß für Reformbemühungen in Großbritannien, Schweden, Finnland und Japan.

In seinem neuen Buch „Chancen für das deutsche Gesundheitssystem. Von Partikularinteressen zu mehr Patientennutzen“ transferiert Porter seinen Ansatz gemeinsam mit Koautor Dr. med. Clemens Guth auf das deutsche Gesundheitswesen. Neben einer Analyse des Ist-Zustands geben die Autoren zwölf Empfehlungen, wie das System ihrer Ansicht nach durch Umstrukturierung langfristig stabilisiert werden kann.

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