ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2012Medizinische Interventionen gegen Gewalt an Frauen I: Teil eines helfenden Netzwerks

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Medizinische Interventionen gegen Gewalt an Frauen I: Teil eines helfenden Netzwerks

Dtsch Arztebl 2012; 109(16): A-797 / B-691 / C-687

Bühring, Petra

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Ein Bundesmodellprojekt erprobte, wie Ärztinnen und Ärzte für den Umgang mit von Gewalt betroffenen Patientinnen sensibilisiert und qualifiziert werden können. Auch die Zusammenarbeit mit Frauenhäusern sollte verbessert werden.

Oft sind Ärzte die ersten Ansprechpartner für Frauen, die von Gewalt betroffen sind – sie können viel tun und langfristige Gesundheitsfolgen vermeiden helfen“, betonte Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Kristina Schröder zum Auftakt der Fachtagung „Gesundheit und Gewalt – Neue Wege in der gesundheitlichen Versorgung von Frauen“ in Berlin. Gewalterfahrungen gehören für Frauen zu den zentralen Gesundheitsrisiken. Neben den körperlichen Verletzungen reichen die psychischen Folgebeschwerden von Schlafstörungen, Ängsten, vermindertem Selbstwertgefühl über Depression bis hin zu Selbstverletzungen, Essstörungen und Suizidgedanken. Das ergab die repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland, die das Bundesfamilienministerium bereits 2003 durchführen ließ. 40 Prozent der mehr als 10 000 befragten Frauen zwischen 16 und 85 Jahren gaben an, körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt zu haben, überwiegend durch Partner und im häuslichen Umfeld.

„Weil das Thema Misshandlung immer noch ein Tabuthema ist, fällt es auch Ärzten schwer, es bei Verdacht gegenüber ihren Patientinnen anzusprechen“, sagte Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer. Doch Ärzte könnten durch Fortbildung sensibilisiert und durch Trainings in der Gesprächsführung unterstützt werden. Genau das war ein Ziel des Bundesmodellprojekts „Medizinische Interventionen gegen Gewalt an Frauen“ (MIGG).

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Im Rahmen von MIGG wurde auch die Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen ambulanter ärztlicher Versorgung und den regional bestehenden Frauennotrufen und Frauenhäusern erprobt. Denn sie funktioniert nicht so, wie es für die betroffenen Frauen notwendig wäre. „Die Frauenhäuser hatten vor dem Start unseres Projekt kaum Vermittlungen durch Ärzte“, berichtet Marion Steffens vom GESINE-Netzwerk. Sie und ihre Kollegin sind deshalb aktiv auf die Ärzte im Ennepe-Ruhr-Kreis zugegangen und haben für ihr Projekt geworben. „Die Akquise war nicht immer einfach“, erinnert sich Steffens, aber es hat sich gelohnt. Heute vernetzt GESINE über eine Internetplattform (www.gesine-intervention.de) Ärzte, Psychotherapeuten und Pflegekräfte mit den beiden Interventionsstellen in der Region, bietet Fortbildungen und Arbeitshilfen zum Umgang mit gewaltbetroffenen Frauen für die Praxis an.

Die Gynäkologin und Psychotherapeutin Dr. med. Sabine Vielhaber hat mit ihrer Praxis im Ennepe-Ruhr-Kreis am GESINE-Netzwerk teilgenommen. Sie hat eine schriftliche Routinebefragung für häusliche Gewalt eingeführt. „Unauffällige Patientinnen fielen dadurch auf, und wir konnten ihnen Gespräche anbieten und sie bei Bedarf an GESINE weitervermitteln.“ Die Patientinnen hätten das Angebot begrüßt. In der Region ist die Praxis inzwischen für ihren sensiblen Umgang mit gewaltbetroffenen Frauen bekannt, so dass Krankenhäuser Patientinnen dorthin verweisen.

Auch Dr. med. André Schumacher, Allgemeinarzt in Düsseldorf, ist überzeugt: „Das Projekt ist eine Bereicherung für die ärztliche Tätigkeit und verbessert deutlich die Versorgung der betroffenen Frauen.“ Er war in das MIGG-Projekt eingebunden über das Düsseldorfer Opferhilfe-Netzwerk. Schumacher hat von „hochinteressanten Fortbildungen, Schulungen seiner Angestellten und regem Austausch“ profitiert. Ihm bleiben nach der Modellphase ein „zeitintensives Engagement“ und die weitere gute Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle.

„Netzwerke helfen, die eigene Angst zu überwinden“, antwortet Dr. med. Christoph Junge, Allgemeinmediziner in Herdecke, auf die Frage, warum sich Ärzte dem MIGG-Projekt anschließen sollten. Er hat ebenfalls bei GESINE mitgemacht und festgestellt, dass die Aufarbeitung von Gewalt lange dauert und „die Honorierung dafür miserabel ist“. Trotzdem will er weitermachen, denn: „Wir brauchen mehr Menschlichkeit.“

Die Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin appellierte an die Lan­des­ärz­te­kam­mern, sich an MIGG zu beteiligen. Der Bundes­ärzte­kammerpräsident versprach, sich für die bundesweite Implementierung der medizinischen Interventionen gegen Gewalt einzusetzen: „Ärzte haben eine wichtige Schlüsselrolle, und sie sollten Teil eines helfenden Netzwerks werden.“ Wesentliche Ergebnisse und die Erfahrungen aus den Modellprojekten zeigt der nachfolgende Artikel.

Petra Bühring

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