ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2012Universitätsklinikum Giessen und Marburg: Weiter in heftigen Turbulenzen

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Universitätsklinikum Giessen und Marburg: Weiter in heftigen Turbulenzen

Dtsch Arztebl 2012; 109(16): A-795 / B-689 / C-685

Flintrop, Jens

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Wieder eine neue Geschäftsführung, eine „Gewinnwarnung“ an die Investoren und ein zweiter „Brandbrief“ der Klinikdirektoren – Rhön bekommt die Lage am Universitätsklinikum nicht in den Griff.

Am 12. April ist die Aktie der Rhön-Klinikum AG „abgestürzt“ (Handelsblatt). In einem sonst positiven Marktumfeld verlor der MDax-Titel zeitweise mehr als fünf Prozent seines Wertes. Morgens hatte die Klinikkette den Investoren mitgeteilt, dass der Konzerngewinn in den ersten drei Monaten 2012 um fünf bis neun Millionen Euro geringer ausfallen werde als geplant – und dies mit unerwarteten Entwicklungen am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) begründet.

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Zwar liege die Leistungsentwicklung an beiden Standorten mit plus neun Prozent im ersten Quartal über den internen Planzahlen im Konzern, schreibt Rhön in der Ad-hoc-Mitteilung. Doch Mehrerlösausgleiche und Mehrleistungsabschläge sorgten dafür, dass die Leistungsausdehnungen auch „margen- und ergebnisverwässernd“ wirkten. Zudem habe sich die Kostenrestrukturierung am UKGM im Personalbereich zuletzt verzögert. Auch warte man auf Erträge aus vereinbarten Leistungsverrechnungen für entstandene Aufwendungen mit den Medizinischen Fakultäten („Trennungsrechnung“).

Bemerkenswert ist, dass die Anleger Rhön an der Börse so abstraften, obwohl der Konzern seine Jahresprognose beibehalten hat. Die Märkte seien nervös, weil das 2006 von Rhön erworbene UKGM derzeit so in den Schlagzeilen stehe, analysierte das „Handelsblatt“.

Am 3. April hatte Rhön bekanntgegeben, dass die Vorsitzende der UKGM-Geschäftsführung, Dr. Irmgard Stippler, und die kaufmännische Geschäftsführerin am Standort Marburg, Dr. Doris Benz, ihren Posten räumen. Stipplers Nachfolger wird Martin Menger, Vorstandsmitglied im Klinikkonzern. „Wir halten das neuerliche Ausscheiden der kompletten operativen Geschäftsführung für hochdramatisch“, kommentierten die Klinikdirektoren der beiden Standorte in einer Stellungnahme diese Entwicklung. Und weiter: „Das Privatisierungsmodell der Universitätsklinika Marburg und Gießen scheint uns endgültig gescheitert.“ Auch für den Dekan des Fachbereichs Medizin der Philipps-Universität Marburg, Prof. Dr. med. Matthias Rothmund, ist das „Großexperiment“ Fusion und Privatisierung zweier Universitätsklinika „misslungen“, wie er am 11. April in einem Namensbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schrieb.

Die Klinikdirektoren setzen sich in ihrem zweiten „Brandbrief“ auch kritisch mit einem „Faktenpapier“ auseinander, das Rhön für die Presse erstellt hat. Einzelne Fakten und die Meinung der Chefärzte (kursiv) dazu:

  • Verbesserung der Versorgung durch Investitionen von 367 Millionen Euro seit 2006. Rhön stelle das Geld nicht dauerhaft zur Verfügung. Vielmehr müsse der Neubau bilanztechnisch von den Kliniken und damit den Beschäftigten erwirtschaftet werden.
  • Steigerung der Patientenzahlen um 12,4 Prozent seit 2005. Diese Entwicklung sei nur durch eine massive Arbeitsverdichtung für alle Berufsgruppen möglich gewesen.
  • Schaffung von 420 Stellen seit 2009. Auch wenn die Zahl stimmen möge, sei nicht transparent, wie die Personalfluktuation erfolgte: „Einer Personalrückentwicklung (die Rede ist vom Abbau von 500 Stellen!) ohne Mitsprache bei fachlich begründeten Stellen kann nur mit Leistungsminderung und damit Mindererlösen begegnet werden.“
  • Unterstützung der Forschung und Lehre durch bislang 13 Millionen Euro und zwei Millionen jährlich. Auch dieses Geld müsse von den Beschäftigen hart erarbeitet werden: „Wir selbst finanzieren aus der Krankenversorgung die Forschungsförderung durch Rhön.“
  • Staatliche Maßnahmen belasten die Entwicklungsperspektive. Von dieser Entwicklung seien alle Universitätsklinika betroffen.
  • Ausbleibende Einigung bei der Trennungsrechnung. Es sei erschreckend, dass die letzten Abschlüsse zwischen dem UGKM mit dem vom Land finanzierten Fachbereich Medizin 2008 stattfanden. Dies zeige, dass die Verträge auf politischen Druck hin mit zu heißer Nadel gestrickt worden seien.

Jens Flintrop

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