ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 2/2012Internetportal www.washabich.de: Medizinerdeutsch verständlich gemacht

Supplement: PRAXiS

Internetportal www.washabich.de: Medizinerdeutsch verständlich gemacht

Dtsch Arztebl 2012; 109(16): [26]

Spielberg, Petra

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Laborbefunde oder die Ergebnisse von Röntgen-, CT- oder MRT-Untersuchungen sind für die meisten Patienten nur schwer nachvollziehbar. Ein Online-Portal hilft, das Medizinerdeutsch in verständliche Worte zu übersetzen, und will so den mündigen Patienten unterstützen.

An der dorsalen Zirkumferenz des Glenoids deutliches Knochenmarködem mit blutiger Imbibierung der angrenzenden Muskelmanschette.“ Jeder Arzt weiß, was damit gemeint ist. Patienten hingegen, die einen solchen Befund lesen, benötigen in aller Regel eine Übersetzungshilfe, um das Medizinerdeutsch verstehen zu können.

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Das brachte zwei Medizinstudenten aus Dresden auf die Idee, kostenfreie Befundübersetzungen via Internet anzubieten. Ein befreundeter Informatiker aus Trier half, die Idee in die Tat umzusetzen. Mitte Januar letzten Jahres gingen Anja Kersten und Johannes Bittner schließlich mit ihrem Online-Portal unter der Adresse https://washabich.de an den Start.

Doch schon bald war klar: Allein konnten Kersten und Bittner die Flut an Anfragen nicht bewältigen. Denn innerhalb kürzester Zeit kamen einige Hundert Befunde zusammen. „Mit einer solchen Resonanz hatten wir überhaupt nicht gerechnet“, berichtet Bittner.

Die beiden Dresdner bemühten sich daher in Studentenkreisen um Verstärkung. Inzwischen ist das Team auf 409 Medizinstudierende angewachsen. 90 Ärzte und zwei Diplom-Psychologen stehen ihnen rund um die Uhr beratend zur Seite, damit sich in die Befundübersetzungen keine Fehler einschleichen.

Als Arbeitsumgebung dient den Medizinstudierenden und Ärzten eine selbst entwickelte, von außen nicht zugängliche virtuelle Plattform. Dieses interne Netzwerk bietet den Teammitarbeitern auch die Möglichkeit zur Diskussion sowie zum fachlichen Austausch.

Seit 15. Januar 2011 hat das Portal schon mehr als 5 500 Übersetzungen geleistet. Pro Woche kommen im Schnitt 150 neue Befunde und Entlassungsbriefe hinzu. „Ungefähr die Hälfte der eingesandten Dokumente stammt aus den Bereichen Innere Medizin, Orthopädie und Radiologie“, erklärt Bittner. Der Rest verteilt sich auf verschiedene andere Fachgebiete.

Zurzeit ist der Dienst derart ausgelastet, dass keine neuen Befunde angenommen werden können, bis der angehäufte Berg an Anfragen abgearbeitet ist. Neue Teammitarbeiter sind daher willkommen. Bittners Wunsch ist es, das Team auf bis zu 2 000 Studenten aufzustocken.

Alle Medizinstudierende und Ärzte arbeiten ehrenamtlich für „Was hab ich?“. Voraussetzung für die Teilnahme der Human- und Zahnmedizinstudenten ist, dass sie sich mindestens im achten Fachsemester befinden.

Das Übersetzungsportal für Medizinerdeutsch ist so gefragt, dass die Betreiber des Portals mit der Bearbeitung der Übersetzungen kaum nachkommen und zeitweise einen Annahmestopp neuer Befunde einlegen müssen.
Das Übersetzungsportal für Medizinerdeutsch ist so gefragt, dass die Betreiber des Portals mit der Bearbeitung der Übersetzungen kaum nachkommen und zeitweise einen Annahmestopp neuer Befunde einlegen müssen.

Um den Dienst in Anspruch nehmen zu können, müssen die Patienten ihren anonymisierten medizinischen Befund oder Entlassungsbrief auf der Internetseite lediglich hochladen. Wahlweise können sie ihn auch per Fax senden. Innerhalb weniger Tage erhalten sie per Mail Antwort. Die Übersetzungen können passwortgeschützt online abgerufen werden.

Die Teammitarbeiter übersetzen dabei meist nicht nur die medizinischen Fachbegriffe, sondern erläutern zum Beispiel auch, wie das Verfahren der Kernspintomographie funktioniert und erklären medizinisch-anatomische Zusammenhänge, wie den Aufbau der Schulter oder die Ursachen von Bluthochdruck und ähnliches.

Fachliche Qualität positiv bewertet

Wie die Stiftung Warentest, die den Dienst Ende letzten Jahres kritisch unter die Lupe genommen hat, berichtet, stand die schnellste Übersetzung schon nach wenigen Stunden zur Verfügung, die langsamste nach fünf Tagen. Das Portal sei ein nützliches Angebot für Patienten, die ihre Krankheit besser verstehen wollen, urteilt die Stiftung. „Zwar waren nicht alle Befundübersetzungen übersichtlich und klar aufgebaut, doch die fachliche Qualität war insgesamt in Ordnung und verständlich“, so die abschließende Bewertung des Dienstes.

Auch Corinna Schäfer, Bereichsleiterin Patienteninformation bei der Ärztlichen Zentralstelle Qualitätssicherung, beurteilt das Angebot positiv: „Der Dienst befriedigt das große Bedürfnis seitens der Patienten, verständlich informiert zu werden.“ Darüber hinaus sei erkennbar, dass „Was hab ich?“ keine eigenen wirtschaftlichen Interessen verfolge und sich um ein Qualitätsmanagement bemühe.

Dabei profitieren nicht nur die Patienten von dem Angebot. Auch die Studierenden, die die Übersetzungen vornehmen, ziehen einen Nutzen aus ihrer Tätigkeit. „Man erweitert den eigenen Horizont“, betont Katja Niekrawietz. So setzt sich die Medizinerin, die sich seit April zur Internistin weiterbildet, durch ihr Engagement für „Was hab ich?“ auch mit Fachgebieten auseinander, mit denen sie sich sonst nicht so intensiv beschäftigen würde, wie der Neurologie und der Orthopädie.

Und selbst der pensionierte Neurologe und Psychiater Dr. med. Martin Schoppenhorst aus Berlin ist erstaunt, wie oft er nachschlagen muss, um Begriffe, die ihm eigentlich geläufig sind, in verständliches Deutsch zu übersetzen. Schoppenhorst ist seit Mitte Februar dabei und übersetzt neben seiner Konsiliartätigkeit für den Dienst auch fleißig neurologische, internistische und radiologische Befunde, weil er, wie er sagt, gerne schreibt und forscht.

Von den Patienten gebe es fast ausnahmslos ein positives Feedback, berichtet Luise Bergner, die an der Technischen Universität Dresden im 9. Semester Medizin studiert. 15 bis 20 Stunden pro Woche widmet Bergner neben ihrem Studium den Übersetzungen. Der Arbeitsaufwand betrage je nach Länge zwischen einer halben bis zu mehreren Stunden. Wie viele Übersetzungen die Teammitarbeiter machen wollen, können sie selbst entscheiden.

Kein Ersatz für das Gespräch mit dem Arzt

In vielen Fällen belohnen die Nutzer des Dienstes ihre Übersetzer mit einer kleinen Spende. Darüber hinaus finanziert sich „Was hab ich?“ über Werbung und Sponsoren, darunter das Deutsche Krebsforschungszentrum, der Marburger Bund sowie die unabhängige Patientenberatung Deutschland.

Auf ihrer Homepage weisen die Anbieter des Portals ausdrücklich darauf hin, dass die Übersetzer den jeweiligen Befund nicht in Zusammenhänge setzen können, da sie keinen Überblick über die gesamte Krankengeschichte eines Patienten haben. Bittner macht ferner deutlich, dass der Online-Service keinen Arztbesuch ersetzen soll und auch keine Therapieempfehlungen ausspricht. „Wir wollen die ärztlichen Leistungen nicht infrage stellen, sondern durch einen besser aufgeklärten und fachlich gut informierten Patienten unterstützen“, betont der Student. Petra Spielberg

Foto: Fotolia

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