ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2012Ovarialkarzinome: Wichtige Risikofaktoren sind quantifiziert worden

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Ovarialkarzinome: Wichtige Risikofaktoren sind quantifiziert worden

Dtsch Arztebl 2012; 109(17): A-865 / B-744 / C-740

Siegmund-Schultze, Nicola

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Jährlich erhalten fast 10 000 Frauen in Deutschland die Diagnose „Ovarialkarzinom“. Da es kaum spezifische Beschwerden im Frühstadium gibt, werden die Tumoren häufig spät erkannt. Die noch bis Mai geltende AWMF-S2-Leitlinie stellt fest, ein generelles Screening mit Vaginalsonographie oder regelmäßiger Bestimmung des Tumormarkers CA125 könne derzeit mangels belegtem Vorteil für eine Früherkennung nicht empfohlen werden.

Die Bestimmung der prädiktiven Werte von Risikofaktoren und die Entwicklung eines evidenzbasierten Algorithmus, der für den niedergelassenen Arzt geeignet ist, Frauen mit erhöhtem Risiko zu erkennen, war das Ziel einer prospektiven Studie an der britischen Universität Nottingham (1). Grundlage für die Erfassung und Validierung von Risikofaktoren für das Ovarialkarzinom waren Daten von 1 158 723 Patientinnen zwischen 39 und 84 Jahren (2,03 Millionen Personenjahre), die innerhalb von 10 Jahren (bis 2010) in 564 Praxen der Primärversorgung behandelt worden waren. Ausgeschlossen wurden Frauen mit bereits diagnostiziertem Ovarialkarzinom oder Hinweisen darauf aus den letzten 12 Monaten.

Unabhängige und altersadjustierte Risikofaktoren waren abdominelles Spannungsgefühl mit einer Hazard Ratio von 23,1, Familienanamnese mit einem Ovarialkarzinom (HR 9,8), Schmerz im Abdomen (HR 7,0), postmenopausale Blutung (HR 6,6), Appetitverlust (HR 5,2), Hämoglobin unter 110 g/l in den letzten 12 Monaten (HR 2,3) und unbeabsichtigter Gewichtsverlust sowie Blutung im Rektum mit jeweils einer HR von 2,0.

Die Daten unterstützen die im April 2011 überarbeiteten Richtlinien des britischen National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) zur Diagnostik von Ovarialkarzinomen und Erstversorgung der Patientinnen (2), so die Autorinnen. Anämie, postmenopausale und rektale Blutungen, die sich in der aktuellen Studie als unabhängige Risikofaktoren für die Entwicklung eines Ovarialkarzinoms erwiesen hätten, seien in der NICE-Richtlinie allerdings nicht eingeschlossen.

Fazit: In einer prospektiven britischen Studie sind unabhängige Risikofaktoren für die Entwicklung eines Ovarialkarzinoms qualitativ und quantitativ beschrieben worden. „Der entwickelte Score gibt dem Allgemeinarzt Hinweise, wann er an die Diagnose Ovarialkarzinom denken muss und eine weitere Abklärung zu erfolgen hätte“, erläutert Prof. Dr. med. Barbara Schmalfeldt, Frauenklinik der Technischen Universität München. „Bei den abgefragten Beschwerden handelt es sich um Spätsymptome, die für fortgeschrittene Ovarialkarzinome typisch sind.“ Der Algorithmus ermögliche also wahrscheinlich nicht die Früherkennung mit der Option prophylaktischer Maßnahmen, sondern lediglich, die Patientinnen schneller einer Therapie zuzuführen. Ob sie davon profitierten und sich dadurch die Mortalität reduziere, lasse sich auf Basis dieser Daten nicht beurteilen.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Hippisley-Cox J, Coupland C: Identifying women with suspected ovarian cancer in primary care: derivation and validation of algorithm. BMJ 2011; 344: d8009, doi: 10.1136/bmj.d8009; published online January 4, 2012 MEDLINE
  2. www.nice.org.uk/guidance/CG122

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