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Diese Ausgabe des Deutschen Ärzteblatt International stellt das Medizinstudium mit zwei Originalarbeiten in den Mittelpunkt. In Deutschland beenden circa 10 000 überwiegend weibliche Absolventen pro Jahr ihr Medizinstudium erfolgreich (1, 2). Die Zahl der Absolventen ist stabil, die Bewerberzahl übersteigt die verfügbaren Studienplätze deutlich und die Absolventenquote liegt im Vergleich zu anderen Studienfächern bundesweit an der Spitze. Die Rolle der medizinischen Fakultäten für Lehre und Forschung ist zentral. Aber mit welchen Kompetenzen verlassen die Medizinstudenten eigentlich die Fakultäten? Wie gut passen die Kompetenzen der Absolventen zu den Erfordernissen der Gesundheitsversorgung und der klinischen Weiterbildung? Die Medizin ist eine Profession auf wissenschaftlicher Grundlage. Die Rolle und Qualität der meist studienbegleitenden medizinischen Promotion wird dabei kontrovers diskutiert. Wie viel eigene Forschungserfahrung ist im Studium erforderlich für die Ärztin, die in der klinischen Regelversorgung arbeiten wird? Wie viel ist wünschenswert?

Es gibt vermehrt Hinweise darauf, dass die Motivation zur beruflichen Tätigkeit in der Patientenversorgung insbesondere in einzelnen klinischen Fächern und in ländlichen Versorgungszusammenhängen abnimmt. Möglicherweise spielen dafür die Erwartungen einer neuen Ärztegeneration eine Rolle, die sich eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben wünschen und denen akademische Titel weniger wichtig sind als vorangegangenen Generationen (3).

In der Umfrage von Gibis et al. von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in Zusammenarbeit mit der Universität Trier zu den Berufserwartungen von Medizinstudierenden wird diese Befundlage untermauert (4). Über 12 000 Fragebögen entsprechend einem Anteil von 12,7 % aller Medizinstudenten in Deutschland aus dem Jahr 2010 wurden ausgewertet; 64 % davon waren von Studentinnen eingereicht worden. Es zeigte sich, dass weiterhin eine hohe Bereitschaft für eine spätere klinische Tätigkeit besteht. Überwiegend wird eine Weiterbildung in spezialisierten Fächern im städtischen Raum angestrebt. Eine Tätigkeit in der Allgemeinmedizin auf dem Lande wird als weniger attraktiv bewertet – das überrascht nicht. Negativ wirken sich dabei auch die mit einer Niederlassung verbundenen finanziellen Risiken aus, so dass sich die überwiegende Zahl der Befragten eine angestellte Tätigkeit wünscht. Als Hindernisse für die spätere klinische Tätigkeit werden insbesondere die überbordenden administrativen Tätigkeiten und die unzureichende Vereinbarkeit von Familie und Beruf angegeben. Interessanterweise unterscheiden sich die Einkommenserwartungen der Studierenden geschlechtsbezogen deutlich: Die Frauen waren bescheidener.

Umfragen wie die von Gibis et al. (4) sind Schlaglichter auf eine komplexe bildungs- und gesundheitspolitische Konstellation. Wozu sollen die Fakultäten eigentlich ausbilden? Welche Kompetenzen zeichnen die gute Ärztin aus, die heute ihr Studium beginnt und zehn bis zwölf Jahre später als Fachärztin in der Patientenversorgung tätig sein wird? Abgesehen von der Problematik der geringen Rücklaufquoten stellt sich die Frage, welche Konsequenzen die so erhobenen Daten haben. Inwieweit werden die Erwartungen auch umgesetzt? Wäre es nicht dringend erforderlich, eine bessere Datenbasis dafür zu schaffen, wie sich die Bildungsbiografien der Ärztinnen und Ärzte nach dem Ende des Studiums tatsächlich entwickeln? Dafür wäre ein verbindliches Weiterbildungsregister bei den Ärztekammern ein wichtiges Instrument.

Die medizinische Aus- und Weiterbildung wird sich zukünftig stärker an den Erfordernissen der Gesundheitsversorgung orientieren. Für die Gestaltung von Aus- und Weiterbildungscurricula spielen dabei kompetenzorientierte Absolventenprofile eine zentrale Rolle. Das Medizinstudium könnte so nahtloser an die Erfordernisse der klinischen Weiterbildung in der Verantwortung der Lan­des­ärz­te­kam­mern anknüpfen und damit Anreize für eine Hinwendung zur Patientenversorgung schaffen. Die Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA) und der Medizinische Fakultätentag (MFT) entwickeln gemeinsam einen nationalen kompetenzorientierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM), der ein medizinisches Kerncurriculum im gesetzlichen Rahmen der ärztlichen Approbationsordnung (ÄAppO) fassen soll, um den Fakultäten die Ausgestaltung ihrer Curricula zu erleichtern (5, 6). Der NKLM greift dabei das ursprünglich für die Weiterbildung entwickelte kanadische Rahmenkonzept CanMEDS auf (7). Es soll die Medizinstudierenden auf ihre späteren Arztrollen vorbereiten. Die zukünftige Ärztin oder der Arzt in der Rolle des medizinischen Experten nutzt dabei medizinisches Wissen, klinische Fähigkeiten und professionelle Haltungen, um vermittelt über die Kompetenzen der anderen ärztlichen Rollen eine patientenzentrierte Versorgung umzusetzen.

Die ärztliche Rolle des Wissenschaftlers ist unabdingbar und Grundlage für die ärztliche Aus- und Weiterbildung. Ohne diese Kompetenzen sind die ärztliche Arbeit und die kritische Bewertung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse zu Diagnostik und Therapie nicht denkbar. Die Vermittlung von forschungsmethodischen Kompetenzen ist dabei zum Beispiel für die Literaturbewertung eine zwingende Voraussetzung. Es wäre darüber hinaus aber auch wünschenswert, möglichst vielen Medizinstudenten die Möglichkeit für eigene Forschungserfahrungen zu bieten und sie damit einerseits durch das eigene forschende Tun zu einem vertieften Verständnis für Erkenntnisgewinn und Innovation in der Medizin und andererseits für eine akademische Karriere zu begeistern.

Die Publikationstätigkeit von Promovenden an der Charité Universitätsmedizin Berlin wird in der Arbeit von Ziemann und Oestmann analysiert (8). Zwischen 1998 und 2008 nahm die Zahl der Publikationen pro Promovend und der damit verbundene Impact-Faktor zu. Die Promovenden waren dabei allerdings konstant nur bei einem Viertel der Publikationen als Erstautoren verzeichnet. Die Charité war im Untersuchungszeitraum massiven strukturellen Veränderungen unterworfen und stellt deshalb sicher einen Sonderfall im Kanon der medizinischen Fakultäten dar. Neben der Tatsache, dass die Daten monozentrisch erhoben wurden, wird kritisch angemerkt, dass die Anzahl der Publikationen noch keine Qualität impliziert. Der Impact-Faktor, der ja für eine Zeitschrift aber nicht für eine einzelne Publikation gilt, ist als alleiniger Qualitätsindikator problematisch. Aus medizinischen Promotionen hervorgegangene Publikationen in Peer-reviewed-Journalen wie bei Ziemann und Oestmann sind für die Qualitätsabschätzung sicher besser geeignet als das bloße Zählen von Promotionen. Die erhobenen Daten sind wertvoll für die Debatte um den Wert und die Zukunft der medizinischen Promotion.

Es werden bereits an vielen medizinischen Fakultäten Anstrengungen zur Verbesserung der Promovendenbetreuung und zur Etablierung von strukturierten Promotionsprogrammen mit hoher Verbindlichkeit und methodischer Qualität unternommen. Strukturierte Promotionsförderungsprogramme können dabei die intrinsische Motivation und die Qualität der Promotionen steigern (9). Die Früchte dieser Arbeit sollten besser sichtbar gemacht werden. Dafür ist eine flächendeckende Erhebung mit einheitlichen Methoden zur Qualitätsbewertung der medizinischen Doktorarbeiten wünschenswert.

In welche Richtung sich die medizinische Promotion vor dem Hintergrund der Bolognadiskussion um gestufte Studiengänge mit einer eigenen Doktoratsstufe langfristig entwickeln wird, ist offen.

Die Daten und Erkenntnisse der Bildungsforschung wie sie exemplarisch aus den beiden vorliegenden Arbeiten abgeleitet werden können, sollten stärker als bisher im Sinne einer „Best Evidence Medical Education“ (BEME) in die Diskussion um die Weiterentwicklung des Medizinstudiums und die ärztliche Weiterbildung einbezogen werden (10).

Interessenkonflikt
Der Autor hält Aktien von der Firma Instruct AG, zu der auch persönliche Beziehungen bestehen.

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Martin R. Fischer, MME (Bern)
Lehrstuhl für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin
Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München
Ziemssenstraße 1
80336 München
Martin.Fischer@med.uni-muenchen.de

Undergraduate Medical Education as a Foundation for Health Care and Research

Zitierweise
Fischer MR: Undergraduate medical education as a foundation for
health care and research. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(18): 325–6.
DOI: 10.3238/arztebl.2012.0325

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

1.
ZVS: Daten, bundesweit zulassungsbeschränkter Studiengänge an Universitäten, Sommersemester 2000 bis 2010, Wintersemester 2000/01 bis 2009/10, Angebot und Nachfrage im Studiengang (Staatsexamen) Medizin.
2.
DESTATIS-Statistisches Bundesamt, Bildung und Kultur, Studierende an Hochschulen, Fachserie 11, Reihe 4.1, Ausgabe 08/2008.
3.
Schmidt CE, Möller J, Schmidt K, et al.: Generation Y – Rekrutierung, Entwicklung und Bindung. Der Anästhesist 2011; 60: 517–24. CrossRef MEDLINE
4.
Gibis B, Heinz A, Jacob R, Müller CH: The career expectations of medical students: findings of a nationwide survey in Germany. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(18): 327–32. VOLLTEXT
5.
Frank JR, Mungroo R, Ahmad Y, Wang M, De Rossi S, Horsley T:
Toward a definition of competency-based education in medicine: a systematic review of published definitions. Med Teach 2010; 32: 631–7. CrossRef MEDLINE
6.
Hahn EG, Fischer MR: Nationaler Kompetenzbasierter Lernzielkatalog Medizin (NKLM) für Deutschland: Zusammenarbeit der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA) und des Medizinischen Fakultätentages (MFT). GMS Z Med Ausbild 2009; 26: Doc35.
7.
The CANMeds Framework. www.collaborativecurriculum.ca/en/modules/CanMEDS/CanMEDS-intro-background-01.jsp (zuletzt besucht: 10.4.2012)
8.
Ziemann E, Oestmann JW: Publication activity of doctoral candidates at a German University Hospital—trends at Charité-Universitätsmedizin Berlin from 1998 to 2008. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(18): 333–7. VOLLTEXT
9.
Pfeiffer M, Dimitriadis K, Holzer M, Reincke M, Fischer M: Die Motivation, zu promovieren: Ein Vergleich von medizinischen Doktoranden in einem Promotionsstudiengang mit individuell promovierenden Doktoranden. Dtsch Med Wochenschr 2011; 36: 876–81. CrossRef MEDLINE
10.
Harden RM, Grant J, Buckley G, Hart IR: Best Evidence Medical Education. Adv Health Sci Educ Theory Pract 2000; 5: 71–90. CrossRef MEDLINE
Lehrstuhl für
Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin,
Klinikum der Ludwig-Maximilians-
Universität München:
Prof. Dr. med. Fischer
1.ZVS: Daten, bundesweit zulassungsbeschränkter Studiengänge an Universitäten, Sommersemester 2000 bis 2010, Wintersemester 2000/01 bis 2009/10, Angebot und Nachfrage im Studiengang (Staatsexamen) Medizin.
2.DESTATIS-Statistisches Bundesamt, Bildung und Kultur, Studierende an Hochschulen, Fachserie 11, Reihe 4.1, Ausgabe 08/2008.
3.Schmidt CE, Möller J, Schmidt K, et al.: Generation Y – Rekrutierung, Entwicklung und Bindung. Der Anästhesist 2011; 60: 517–24. CrossRef MEDLINE
4.Gibis B, Heinz A, Jacob R, Müller CH: The career expectations of medical students: findings of a nationwide survey in Germany. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(18): 327–32. VOLLTEXT
5.Frank JR, Mungroo R, Ahmad Y, Wang M, De Rossi S, Horsley T:
Toward a definition of competency-based education in medicine: a systematic review of published definitions. Med Teach 2010; 32: 631–7. CrossRef MEDLINE
6.Hahn EG, Fischer MR: Nationaler Kompetenzbasierter Lernzielkatalog Medizin (NKLM) für Deutschland: Zusammenarbeit der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA) und des Medizinischen Fakultätentages (MFT). GMS Z Med Ausbild 2009; 26: Doc35.
7.The CANMeds Framework. www.collaborativecurriculum.ca/en/modules/CanMEDS/CanMEDS-intro-background-01.jsp (zuletzt besucht: 10.4.2012)
8.Ziemann E, Oestmann JW: Publication activity of doctoral candidates at a German University Hospital—trends at Charité-Universitätsmedizin Berlin from 1998 to 2008. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(18): 333–7. VOLLTEXT
9.Pfeiffer M, Dimitriadis K, Holzer M, Reincke M, Fischer M: Die Motivation, zu promovieren: Ein Vergleich von medizinischen Doktoranden in einem Promotionsstudiengang mit individuell promovierenden Doktoranden. Dtsch Med Wochenschr 2011; 36: 876–81. CrossRef MEDLINE
10.Harden RM, Grant J, Buckley G, Hart IR: Best Evidence Medical Education. Adv Health Sci Educ Theory Pract 2000; 5: 71–90. CrossRef MEDLINE

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