THEMEN DER ZEIT

Wiedereinsteigerseminare: Zurück in die Klinik

Dtsch Arztebl 2012; 109(18): A-908 / B-778 / C-774

Hibbeler, Birgit

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Der Frauenanteil bei den Wiedereinstiegskursen ist hoch. Foto: Fotolia/Vladimir Kolobov
Der Frauenanteil bei den Wiedereinstiegskursen ist hoch. Foto: Fotolia/Vladimir Kolobov

Ob nach Kindererziehung oder Arbeit in anderen Berufsfeldern: Wiedereinstiegskurse helfen bei der Rückkehr in den Arztberuf. Sie bringen auf den aktuellen medizinischen Stand und bauen Hemmschwellen ab.

Wäre die Knie-OP nicht gewesen, dann würde Dr. med. Ilsemarie Horst (51) heute wohl immer noch als Berufsschullehrerin für Gesundheitsberufe arbeiten – so, wie die letzten 16 Jahre. Doch bei der Narkoseaufklärung vor dem Eingriff kam sie mit dem Anästhesisten ins Plaudern. Er sprach sie auf den Doktortitel an und erkundigte sich nach ihrer Fachrichtung. Sie erzählte von ihrer Arbeit als Lehrerin, fügte hinzu, dass sie beruflich in eine Sackgasse geraten sei. Daraufhin schlug der Narkosearzt vor: „Dann kommen Sie doch zu uns.“ Ilsemarie Horst war zunächst sprachlos, war sie doch schon so lange heraus aus der Klinik. Allerdings merkte sie schnell: „Der meinte das ernst.“

Nach 16 Jahren wieder Ärztin

Die Idee war da: zurück in den Arztberuf. Unterstützt wurde sie vor allem von langjährigen Freundinnen, die als Ärztinnen berufstätig sind. Die ermunterten sie und erinnerten sie daran, dass sie immerhin fast sieben Jahre als Ärztin gearbeitet hatte. Eine Facharztbezeichnung hatte sie zwar nicht erworben. Aber sie konnte unter anderem Erfahrungen in Chirurgie, Innerer Medizin und Dermatologie vorweisen. Zum Berufsschullehramt war sie damals vor allem gewechselt, weil sie im Gesundheitswesen keine Perspektive für sich sah, die mit ihrer Familie auf Dauer vereinbar gewesen wäre.

Ilsemarie Horst stieß auf ein Seminarangebot der Kaiserin-Friedrich-Stiftung in Berlin. Der Titel: „Wiedereinstiegskurs für Ärztinnen und Ärzte nach berufsfreiem Intervall“. Das schien geradezu für sie gemacht zu sein. Sie meldete sich an. Gemeinsam mit etwa 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern – die meisten Frauen – fand sie sich schließlich Anfang Januar dieses Jahres in Berlin ein. Zahlreiche Vorträge von zum Teil sehr renommierten Referenten standen auf dem Programm, mit denen die Teilnehmer auf den neuesten Stand der Medizin gebracht wurden. Die Themen reichten vom Vorhofflimmern über Diabetologie bis hin zur HIV-Therapie. „Die Vorträge waren fachlich sehr gut“, sagt Ilsemarie Horst. Die Vortragenden hätten auch viel von ihrer Persönlichkeit gezeigt und ihrer Art, den Arztberuf auszuüben. Außerdem sei die Atmosphäre sehr entspannt gewesen, völlig ohne Druck. „Es war jede Frage erlaubt.“ Fachlich habe sie einen guten Überblick erhalten. Dadurch fühle sie sich heute sicherer. „Das Seminar hat mir sehr viel gebracht“, berichtet sie.

Profitiert hat Ilsemarie Horst auch von den persönlichen Gesprächen. Die Kursteilnehmer hätten sich über ihre Erfahrungen und Schwierigkeiten austauschen können. Interessant waren für sie auch die unterschiedlichen Biografien. „Es waren einige Teilnehmer dabei, die zu Zeiten der Ärzteschwemme in andere Berufsfelder gewechselt sind“, erläutert sie. Dort seien sie zum Teil sehr erfolgreich gewesen. Zu einigen Kolleginnen aus dem Wiedereinsteigerseminar hat sie weiterhin Kontakt.

Der Kurs der Kaiserin-Friedrich-Stiftung findet jedes Jahr statt, das nächste Mal Anfang 2013. Er läuft über zwei Wochen und beinhaltet 70 Stunden Unterricht. Inhaltlich geht es um die wichtigsten Gebiete der ärztlichen Grundversorgung. Gegebenenfalls wird auch ein Hospitationsplatz vermittelt. Es handelt sich um eine industrieunabhängige Fortbildung. Die Nachfrage ist groß, die Seminare sind meist ausgebucht. Dank der Unterstützung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) kostete der Kurs im Januar nur 250 Euro. Die KBV stellte auch eine begrenzte Kapazität von Übernachtungsmöglichkeiten in ihrem Seminarhaus zur Verfügung. Voraussichtlich wird es im nächsten Jahr dabei bleiben.

Neben der Kaiserin-Friedrich-Stiftung bieten auch Lan­des­ärz­te­kam­mern Wiedereinsteigerseminare an (Tabelle 1). Eine Vorreiterin ist die Ärztekammer Westfalen-Lippe, die regelmäßig solche Kurse veranstaltet. Sie bestehen aus zwei einwöchigen Seminaren. Auch in Westfalen-Lippe nehmen besonders Ärztinnen das Angebot in Anspruch. Dort ergab eine Evaluation, dass die Teilnehmer das Seminar als sehr motivierende Hilfe erleben. Weitere Kammern, in denen regelmäßig Wiedereinsteigerkurse stattfinden, sind Bayern, Hamburg und die Bezirksärztekammer Nordbaden. Ebenso wie in Westfalen-Lippe sind dort noch für 2012 Seminare geplant. Eine Teilnahme ist auch möglich, wenn man aus einem anderen Kammergebiet kommt.

Wiedereinsteigerseminare
Tabelle 1
Wiedereinsteigerseminare

Ungenutzte Potenziale

Neben speziellen Wiedereinstiegskursen gibt es noch weitere Fortbildungsmöglichkeiten. Die Ärztekammer Nordrhein empfiehlt Interessenten beispielsweise einen Besuch der Fortbildungswoche auf Norderney. Hier können sich die Teilnehmer ihr Programm individuell zusammenstellen. Bei nachgewiesener Berufspause und geplantem Wiedereinstieg sind die Gebühren ermäßigt. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns bietet in diesem Jahr erstmals ein Seminar zum Wiedereinstieg in die Praxis an. Hier geht es aber nicht um ein medizinisches Update, sondern in erster Linie um Praxisführung und -organisation.

Angesichts des Ärztemangels könnten Wiedereinsteiger künftig immer gefragter sein. Etwa 100 000 Ärztinnen und Ärzte in Deutschland sind nicht ärztlich tätig (Tabelle 2). Einer der Hauptgründe dafür ist natürlich der Ruhestand. Doch es gibt auch andere Ursachen. Immerhin circa 1 000 Ärztinnen und 1 500 Ärzte arbeiten in anderen Berufsfeldern. Bemerkenswert ist: Fast 4 700 Ärztinnen gaben „Haushalt“ als Grund dafür an, dass sie nicht ärztlich tätig sind. Das Potenzial dieser Fachkräfte bleibt derzeit ungenutzt.

Ärztinnen und Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit
Tabelle 2
Ärztinnen und Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit

Gute Chancen auf eine Stelle

Dabei werden Ärzte vielerorts händeringend gesucht. Die Chancen, dass der Wiedereinstieg gelingt, sind hoch. Das ist die Erfahrung, von Dr. med. Bärbel Kuhnert-Frey, die seit vielen Jahren an der Organisation der Kurse in Nordbaden beteiligt ist. Aus Teilnehmerbefragungen weiß sie: Anfang der Neunzigerjahre war es schwierig, in den Arztberuf zurückzukehren. „Heute gelingt der Wiedereinstieg bei fast allen, die wirklich wollen und etwas flexibel sind“, sagt Kuhnert-Frey. Es gebe aber auch Einzelfälle, wo die Lücken zu groß seien. Die Voraussetzungen seien unterschiedlich. Bei den Kursen in Nordbaden lag die Dauer der Berufspause zwischen einem und 27 Jahren. Manche Teilnehmerinnen waren Fachärztinnen, andere haben nach dem Examen nie praktiziert.

Nicht immer kommt eine Tätigkeit im Akutkrankenhaus infrage – unter anderem weil sich Wiedereinsteiger mitunter nicht vorstellen können, im Schicht- oder Wochenenddienst zu arbeiten. In der Kaiserin-Friedrich-Stiftung werden auch Alternativen vorgestellt. Beim Kurs im Januar referierte ein Mitarbeiter der Rentenversicherung über die sozialmedizinische Gutachtertätigkeit. Eine Rehabilitationsmedizinerin berichtete über ihre Arbeit.

Ilsemarie Horst arbeitet nun wieder als Ärztin. Sie hat eine halbe Stelle in der geriatrischen Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses Celle – und ist sehr zufrieden damit. „Als Wiedereinsteigerin hilft es mir, dass wir ein sehr kollegiales Klima haben“, berichtet sie. Von ihrem Chef und den Oberärzten fühlt sie sich unterstützt. Sie kann sich sogar vorstellen, eine Facharztbezeichnung zu erwerben, vielleicht Allgemeinmedizin oder Arbeitsmedizin. Ihre früheren Weiterbildungszeiten werden zum Teil anerkannt. Den Wechsel zurück in die Klinik hat sie nicht bereut.

Dr. med. Birgit Hibbeler

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Ärztinnen und Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit
Tabelle 2
Ärztinnen und Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit

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Andreas Skrziepietz
am Montag, 7. Mai 2012, 19:15

Angesichts des Ärztemangels könnten Wiedereinsteiger künftig immer gefragter sein.

Klar, Leute, die quasi zum Nulltarif anschaffen sind immer gefragt. Man braucht nur mal das Gehalt und die Arbeitszeit eines Berufsschullehrers mit dem eines Arztes zu vergleichen. Und nicht vergessen: Eine "halbe Stelle" bedeutet 40 Wochenstunden.

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