ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2012Von schräg unten: Frühlingsblumen

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Frühlingsblumen

Dtsch Arztebl 2012; 109(18): [80]

Böhmeke, Thomas

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Bei mir zu Hause herrscht praktische Demokratie, angewandte Gleichberechtigung und akribische Arbeitsteilung zwecks Erhaltung eines harmonischen Haushalts. De facto sieht das so aus, dass meine geliebte Frau im Garten ackert und ich mich dem Literaturstudium hingebe. Chérie, hör mal zu, so rufe ich sie herbei, Arztehen werden immer häufiger geschieden! Das ist doch nicht zu glauben, wir sind doch schon von Berufs wegen erfüllt mit Empathie, saturiert mit Sensibilität und ausuferndem Altruismus! Uns muss man einfach gernhaben! Sie reagiert nicht. Also raffe ich mich auf und gehe zu ihr in den Garten. Chérie, hör mal . . .

„Hast du überhaupt schon einen Blick auf meine Iris geworfen?!“ Ich habe das Gefühl, dass die intrafamiliäre Stimmungslage vom Descensus bedroht ist und gebe mir alle Mühe, die liebevoll gezogene Flora meiner Frau gebührend zu würdigen. In der Tat, so rufe ich begeistert, dies dunkle Blau erinnert an das klinische Bild einer respiratorischen Globalinsuffizienz mit CO2-Narkose! Diese kann im Rahmen einer schweren obstruktiven Lungenerkrankung auftreten, auch bei Lungenentzündung, therapeutisch steht die Sauerstoffgabe unter Kohlendioxidkontrolle im Vordergrund! „Was du nicht sagst“, meint meine Holde mit kohlensäuresaurem Unterton. Damit feuert sie meine Bemühungen an. Diese wunderschöne Rose, so mein entzückter Kommentar, mit diesem leuchtenden Rot, durchwirkt von feinen weißlichen Streifen, gleich einer Urticaria mit Dermographismus! Autoreaktivität, chronische Infekte als auch eine Histaminabbaustörung können hierzu führen, daher kommen verschiedene Antihistaminika zum Einsatz. Man unterscheidet eine chronische und eine akute Form! Mein Chérie guckt mich akut verärgert an, also war das Kompliment zu kachektisch, demzufolge muss ich meine Bemühungen steigern. Und dieses wunderschöne Veilchen, rufe ich und zeige auf die Lupine, das sich zart der Sonne entgegenreckt, welche der in Pracht aufgehenden Blüte irisierende Gelbtöne entlockt, die an nichts anderes denken lassen als an einen Sklerenikterus bei posthepatischem Gallengangsverschluss! Hier liegt in den meisten Fällen eine mechanische Obstruktion durch einen eingekeilten Stein vor dem Musculus sphincter oddi vor, ein Tumor oder eine narbige Veränderung, welche operative Interventionen . . .

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„Was wolltest du mir eigentlich sagen?“ Ach ja. Also, dass Arztehen, ähm, ja, also die Scheidungsraten . . . „Also, wenn du mich fragst, solange du keine Iris intubierst, keiner Rose etwas rezeptierst und keine Lupine operierst, kann man dich ganz gerne haben.“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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