ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2012Arbeitsumfang in Praxen: Grüne kritisieren Fallzahl-Statistik

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Arbeitsumfang in Praxen: Grüne kritisieren Fallzahl-Statistik

PP 11, Ausgabe Mai 2012, Seite 202

Rieser, Sabine

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„Die Bundesregierung will eine neue Bedarfsplanung umsetzen, ohne dass zuverlässige Zahlen über das Ist existieren.“ Birgitt Bender, Foto: picture alliance
„Die Bundesregierung will eine neue Bedarfsplanung umsetzen, ohne dass zuverlässige Zahlen über das Ist existieren.“ Birgitt Bender, Foto: picture alliance

Aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage im Bundestag geht hervor, dass Ärztinnen und Ärzte in einzelnen Facharztgruppen auf relativ wenig Behandlungsfälle kommen. Warum – dazu gibt es unterschiedliche Erklärungen.

Birgitt Bender hat der Bundesregierung und den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) vorgehalten, sich nur ungenügend darum zu kümmern, ob Vertragsärztinnen und -ärzte eine Mindestzahl an Sprechstunden anbieten und genügend Patienten behandeln. Anlass zu der Kritik der gesundheitspolitischen Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen war die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage zu „Tätigkeitsumfängen in der vertragsärztlichen Versorgung“.

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Die 17 Tabellen, die den Erläuterungen zum Tätigkeitsumfang von Vertragsärzten und -psychotherapeuten angefügt sind, enthalten Angaben zu hälftigen Zulassungen (2 800), zu in Praxen angestellten (5 854) oder ermächtigten Kolleginnen und Kollegen (875) sowie zur Anzahl der Vertragsärzte und -psychotherapeuten, die an mehr als einem Ort tätig sind (16 107). Doch nicht diese Informationen haben so viel Aufsehen erregt, sondern jene, aus denen hervorgeht, dass „6,4 Prozent der hausärztlichen, 12,2 Prozent der radiologischen und 20,8 Prozent der anästhesistischen Praxen weniger als ein Viertel der durchschnittlichen Fallzahlen der jeweiligen ärztlichen Fachgruppe“ erreichen.

Vertragsärzte und -psychotherapeuten mit weniger als 25 Prozent der durchschnittlichen Fallzahl ihrer Bedarfsplanungsgruppe
Vertragsärzte und -psychotherapeuten mit weniger als 25 Prozent der durchschnittlichen Fallzahl ihrer Bedarfsplanungsgruppe
Tabelle
Vertragsärzte und -psychotherapeuten mit weniger als 25 Prozent der durchschnittlichen Fallzahl ihrer Bedarfsplanungsgruppe

Die Grünen-Politikerin Bender schließt daraus, „dass nicht davon ausgegangen werden kann, dass alle Vertragsärzt(inn)e(n) ihrem Versorgungsauftrag nachkommen: Wenn jede(r) dritte Anästhest(in) in Hessen, jede(r) dritte Fachinternist(in) und Chirurg(in) in Westfalen-Lippe, jede(r) dritte Nervenarzt/-ärztin und Radiologe(in) in Bremen weniger als 25 Prozent der durchschnittlichen Fallzahlen abrechnen, dann ist das ein deutliches Signal dafür, dass dort genauer hingeschaut werden müsste.“

Die Angaben, auf die Bender sich bezieht, stammen von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Sie hat auf Nachfrage der Bundesregierung hin für das Jahr 2009 aufgeschlüsselt, zu welchen Teilen Ärztinnen und Psychologische Psychotherapeuten in den einzelnen Bundesländern mehr beziehungsweise weniger Fälle als der Durchschnitt ihrer Facharztgruppe abgerechnet haben. Zum Teil erreichen diese weniger als ein Viertel der durchschnittlichen Fallzahlen.

Der KBV-Vorstandsvorsitzende, Dr. med. Andreas Köhler, hatte zwar kürzlich Kritik an „Hobbyarztpraxen“ geäußert. Nach Ansicht der KBV lassen die eigenen Daten aber nur begrenzt Schlüsse über den Arbeitsumfang zu, wie sie der Bundesregierung auch erläuterte: So unterschieden sich manche Arztgruppen intern erheblich, zum Beispiel operativ und konservativ tätige Augenärzte. Auch sei die Fallzahl wenig geeignet, den Versorgungsumfang abzubilden, unter anderem wegen des hohen Pauschalierungsgrads vieler Leistungen sowie der „technischen“ Generierung von Fällen beispielsweise durch Überweisungen.

Der Berufsverband Niedergelassener Chirurgen (BNC) verwies ebenfalls auf Unterschiede: „Ein Chirurg, der viel operiert, kann nicht gleichzeitig Sprechstunde halten und hat daher automatisch weniger Fälle“, hieß es. BNC-Präsident Dr. med. Dieter Haack ergänzte: „Operationen werden pauschal mit allen Begleitleistungen sowie Vorsorgeuntersuchung und Nachbehandlung abgerechnet, egal wie oft der Patient die Praxis aufsucht. Ein Chirurg, der viel operiert, rechnet also relativ wenig Ziffern ab – trotzdem widmet er Kassenpatienten einen Großteil seiner Arbeitszeit.“ Die KV Niedersachsen erläuterte, dass zu den Anästhesisten auch Schmerztherapeuten gezählt würden, die aber auf weit unterdurchschnittliche Fallzahlen kämen.

Ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten sind hingegen erfreut, dass die Daten eine Annahme nicht bestätigen: dass sie zu wenig arbeiten. „Grundsätzlich stehen Psychotherapeuten für gesetzlich krankenversicherte Patienten überdurchschnittlich zur Verfügung“, heißt es in einer Einschätzung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer. „Der Anteil sogenannter Hobbypraxen ist geringer als bei vielen anderen Arztgruppen.“

Dass bestimmte Gruppen zu wenig Kassenpatienten behandeln und stattdessen bevorzugt Privatversicherte, lässt sich nicht ohne weiteres aus den Daten schließen. Darauf hat der Bundesvorsitzende des NAV-Virchow-Bundes, Dr. med. Dirk Heinrich, hingewiesen: „Die von der KBV vorgelegten Zahlen lassen die von Grünen und Krankenkassen gezogenen Schlüsse nicht zu. Weder geht aus den Daten hervor, ob hälftige Zulassungen entsprechend umgerechnet wurden, noch berücksichtigen die Zahlen die Vielfältigkeit der Arzttätigkeit.“

Heinrich verweist darauf, dass es auch Praxen gebe, die mit relativ geringer Scheinzahl schwerstkranke Patienten mit einer hohen Behandlungstiefe versorgten. „Ebenso findet man Praxen, die fast ausschließlich leicht erkrankte Patienten behandeln und daher sehr hohe Scheinzahlen produzieren“, ergänzte der NAV-Bundesvorsitzende. Darüber hinaus hält er durch den häufigen Wechsel bei größeren Berufsausübungsgemeinschaften statistische Verzerrungen für denkbar.

„Hobbypraxen“, in denen trotz voller Zulassung nur wenig Patienten behandelt werden, sieht auch er kritisch: „Solche Praxen sind nicht erwünscht.“ Dennoch gehe die Diskussion am Ziel vorbei, meint Heinrich: „Würde man versuchen, alle niedergelassenen Kassenärzte zu zwingen, eine durchschnittliche Scheinzahl zu erreichen, so würde vermutlich eine größere Anzahl ihre Tätigkeit aufgeben.“ Ärzte seien Freiberufler. Dazu gehöre auch die eigenständige Gestaltung der Arbeitszeiten.

In der Tat wissen Fachleute um die Vielfalt: Neben echten „kleinen“ Praxen, in denen junge Ärztinnen mit Kindern arbeiten oder ältere Ärztinnen und Ärzte, die langsam an den Ruhestand denken, gibt es nur scheinbar „kleine“ Praxen. Deren Inhaber sind zum Beispiel noch belegärztlich tätig. Oder sie sind gerade erst gestartet und haben noch nicht den gewünschten vollen Tätigkeitsumfang erreicht. Genauere Angaben hierzu, so die KBV, lägen nicht vor.

Deren Vorstandsvorsitzender findet gleichwohl, man müsse sich innerärztlich der Diskussion um den Behandlungsumfang jeder Praxis stellen: „Nehmen alle niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten entsprechend ihres Zulassungsumfangs an der Versorgung teil? Diese Frage betrifft alle Fachgruppen und muss angegangen werden.“ Der Grund für diese Forderung sind die Arbeiten an einem neuen Konzept der Bedarfsplanung, wie Köhler selbst einräumt: „Tatsache ist, dass wir insbesondere in ländlichen Gegenden teilweise lange Wartezeiten haben. Wir sprechen uns daher dafür aus, neue Niederlassungssitze in denjenigen Gegenden einzurichten, wo die Versorgungssituation am prekärsten ist. Zweifelsohne stellt es aber kein Patentrezept dar, einfach mehr Sitze zu fordern. Dabei müssen wir uns innerärztlich der Diskussion um den Versorgungsbeitrag jeder Praxis stellen.“

So sieht es auch die Opposition. Die Bundesregierung wolle eine neue Bedarfsplanung umsetzen, ohne zuverlässige Zahlen zur Ist-Situation zu besitzen, kritisierte Bender. „Wer dieses Manko nicht beheben will, der muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ärztliche Klientelpolitik zu betreiben, statt dafür zu sorgen, dass die Realität des Versorgungsalltags in den Blick genommen wird“, sagt die Grünen-Politikerin. Eine ausgewogenere Verteilung von Fallzahlen sei nicht nur im Interesse der Patienten, sondern auch in dem der Ärzte: Sie verhindere die Überbelastung einzelner.

Sabine Rieser

Vertragsärzte und -psychotherapeuten mit weniger als 25 Prozent der durchschnittlichen Fallzahl ihrer Bedarfsplanungsgruppe
Vertragsärzte und -psychotherapeuten mit weniger als 25 Prozent der durchschnittlichen Fallzahl ihrer Bedarfsplanungsgruppe
Tabelle
Vertragsärzte und -psychotherapeuten mit weniger als 25 Prozent der durchschnittlichen Fallzahl ihrer Bedarfsplanungsgruppe

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