ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2012Kinderärztliche Versorgung: Weites Land, wenig Ärzte

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Kinderärztliche Versorgung: Weites Land, wenig Ärzte

PP 11, Ausgabe Mai 2012, Seite 210

Osterloh, Falk

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Die Diskussion um den demografischen Wandel wird bestimmt von der drohenden Unterversorgung insbesondere älterer Menschen in ländlichen Gebieten. Doch auch bei der Versorgung von Kindern und Jugendlichen gibt es akute Probleme.

Ueckermünde ist eine beschauliche Hafenstadt am Stettiner Haff, südlich von Usedom. Im Landkreis Uecker-Randow ist sie mit ihren knapp 10 000 Einwohnern der zweitgrößte Ort; als sogenanntes Mittelzentrum soll sie das Umland auch medizinisch mitversorgen. Doch in Ueckermünde gibt es seit eineinhalb Jahren keinen Kinder- und Jugendarzt mehr. „Die einzige Kinderärztin ist im November 2010 gestorben“, erzählt Dipl.-Med. Rosemarie Miksch, Kinderärztin in dem 35 Kilometer entfernt liegenden Mittelzentrum Anklam – mit etwa 13 000 Einwohnern kaum größer als Ueckermünde. Vier Jahre lang habe diese Ärztin versucht, einen Nachfolger für ihre Praxis zu finden, doch ohne Erfolg. „Noch bis zwei Monate vor ihrem Tod hat sie gearbeitet, weil sie ihre Patienten nicht im Stich lassen wollte“, sagt Miksch. „Die Menschen in Ueckermünde wissen nun nicht mehr, wohin sie gehen sollen, wenn ihr Kind krank ist.“ Viele gingen zu den ansässigen Hausärzten. Andere setzten sich ins Auto und führen die 35 Kilometer nach Anklam.

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Uecker-Randow weist im Bereich Pädiatrie einen Versorgungsgrad von 37 Prozent auf. In den anderen Planungsbezirken Vorpommerns gibt es hingegen keine Unterversorgung mit Kinderärzten. „Aber die Daten zur Bedarfsplanung sind damals ja auch willkürlich gewählt worden“, kritisiert der Leiter des Instituts für Community Medicine, Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann. Das Institut hat die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen im nordöstlichsten Bezirk der Republik untersucht (Kasten). Fazit: Es sieht nicht gut aus. Das Durchschnittsalter der ansässigen Pädiater ist hoch, die Aussicht, einen Praxisnachfolger zu finden, gering. Auch Rosemarie Miksch möchte in vier Jahren aufhören. Dann ist sie 65 Jahre alt. „Wenn ich in der Kinderklinik der Universität Greifswald bin, frage ich heute schon die jungen Ärzte, ob sie es sich vorstellen könnten, in Anklam als niedergelassener Kinderarzt zu arbeiten“, berichtet sie. „Die Antwort war bislang immer: Nein.“

„Wir steuern das System weitgehend im Blindflug“

Als Folge der wachsenden Unterversorgung behandeln zunehmend auch Haus- und Krankenhausärzte Kinder und Jugendliche. Dabei steige der Anteil an Kindern und Jugendlichen an den Patienten eines Hausarztes proportional zur Entfernung zum nächsten Kinderarzt, sagt Hoffmann.

Um die pädiatrische Versorgung in der Region zu stabilisieren, schlagen die Autoren der Studie vor, die pädiatrischen Abteilungen der Krankenhäuser in die ambulante Versorgung einzubinden. Zum Beispiel könne eine Notfallpraxis in die Notaufnahme der Krankenhäuser integriert werden, die außerhalb der regulären Sprechzeiten mit Vertragsärzten besetzt ist. Auch könne die Delegation ärztlicher Leistungen um den Bereich der Kinderheilkunde erweitert werden, heißt es in der Studie. Konkret könnten dabei die Einschätzung des sozialen Umfelds oder die Ermittlung physischer, psychischer und sozialer Fähigkeiten der Kinder von den Ärzten delegiert werden.

„Wir werden in Zukunft weniger Ärzte in Mecklenburg-Vorpommern haben, und wir müssen uns als Gesellschaft darauf einrichten“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Mecklenburg-Vorpommern, Dr. med. Dieter Kreye, bei der Präsentation der Studienergebnisse. Es sei unrealistisch zu glauben, man könne mit Anreizen Ärzte aufs Land holen. Stattdessen müsse die Versorgung anders strukturiert werden. Zum Beispiel könne man ein Taxi organisieren, das mehrere Patienten zu einer speziellen Sprechstunde fährt. Das sei besser, als hochqualifizierte Ärzte zeitaufwendige Hausbesuche machen zu lassen. Hoffmann kritisierte abschließend, dass es in Deutschland zu wenige Daten über die Versorgungslandschaft gebe: „Studien wie diese gibt es sehr wenige. Normalerweise würde man eine Unterversorgung mit Kinderärzten, wie sie jetzt bei uns droht, gar nicht sehen. Wir steuern das System weitgehend im Blindflug.“

Probleme mit der kinderärztlichen Versorgung gibt es allerdings nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern – auch andere Flächenländer sind betroffen. „Derzeit sind in Niedersachsen 21 Kinder- und Jugendarztpraxen vakant, im Planungsbezirk Osterode zum Beispiel sind alle drei Sitze unbesetzt“, sagt der Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (bvkj), Landesverband Niedersachsen, Dr. med. Joseph Kanders. Und bis zum Jahr 2020 müssten laut KV-Prognose 250 Praxissitze neu besetzt werden. Allein um einen Versorgungsgrad von mindestens 50 Prozent zu erreichen, seien etwa 100 niederlassungswillige Kinder- und Jugendärzte notwendig. Für Kanders liegt das an der fehlenden Flexibilität des Systems: „Junge Kinder- und Jugendärzte suchen oft vergeblich nach Anstellungsmöglichkeiten in Praxen oder nach der Möglichkeit, eine Gemeinschaftspraxis zu gründen. Mit in eine bestehende Praxis einsteigen zu können, würde vielen jungen Kinderärzten die Entscheidung für die ambulante Pädiatrie erleichtern.“ Zudem fehle eine finanzielle Unterstützung der Weiterbildung in den Praxen, so wie sie es in der Allgemeinmedizin gebe.

Auch in Baden-Württemberg droht eine Unterversorgung mit Kinder- und Jugendärzten. „In ländlichen Regionen erlebe ich vermehrt Anfragen von Kollegen, die sich zur Ruhe setzen wollen und keinen Praxisnachfolger finden“, sagt der Vorsitzende des Landesverbandes Baden-Württemberg der bvkj, Dr. med. Klaus Rodens. Zugleich häuften sich die Anfragen niederlassungswilliger Kinderärzte, die sich vor dem Hintergrund von Familie und Kindern keinen Vollzeitjob in der Praxis vorstellen könnten. Erhebliche Probleme gebe es aber auch in den sozialen Brennpunkten größerer Städte. Damit einhergehe, dass sich das Aufgabenspektrum der Pädiatrie in den letzten zwei Dekaden deutlich gewandelt habe, betont Rodens. So hätten Entwicklungsfragen und die gesundheitlichen Auswirkungen psycho- und soziogener Störungsbilder einen deutlich größeren Stellenwert eingenommen.

Der Vorsitzende des bvkj-Landesverbandes Hessen, Dr. med. Josef Geisz, spricht in diesem Zusammenhang von den neuen Kinderkrankheiten: „Viele Kinder sind Opfer des gesellschaftlichen Wandels geworden, der sie überfordert.“ Die Folge sind Leistungsdruck in der Schule, Mobbing oder gesteigerte Aggressivität. „Diese neuen Krankheiten erhöhen den Arbeitsaufwand für die Kinderärzte – während beim sozialpädiatrischen Dienst gleichzeitig Stellen abgebaut werden“, kritisiert Geisz. Zwar gebe es in Hessen nominell keine Unterversorgung – stattdessen jedoch lange Wartezeiten. Und nicht wenige Kinderärzte könnten, außer Neugeborenen, keine neuen Patienten mehr aufnehmen, weil sie schlicht keine Kapazitäten dafür hätten.

„Sprechende Medizin wird nicht bezahlt“

Perspektivisch werde sich die Versorgungsstruktur in der Pädiatrie ändern, erklärt bvkj-Sprecher Dr. med. Ulrich Fegeler. „Es ist sicherlich unumgänglich, dass in den dünn besiedelten Gebieten Kinder und Jugendliche bei akuten Erkrankungen vom meist dort praktizierenden Allgemeinmediziner beurteilt und gegebenenfalls behandelt werden.“ Die Beurteilung der Kindesentwicklung im Rahmen der Vorsorge, die Indikation von Heilmittelverordnungen beziehungsweise die Indikation zur Vorstellung der Kinder in pädiatrischen Spezialambulanzen solle jedoch beim Kinderarzt verortet bleiben.

Um mehr Kinder- und Jugendärzte für eine Niederlassung zu begeistern, müsse die Attraktivität des Arztberufes wieder verbessert werden, fordert Geisz. „Ausufernde Bürokratie und die beständig drohenden Regresse rauben uns Ärzten die Motivation.“ Auch werde allerorten die sprechende Medizin propagiert, aber nicht bezahlt.

Rosemarie Miksch arbeitet trotz widriger Bedingungen gerne als Kinderärztin in Mecklenburg-Vorpommern. „Es ist einfach ein schönes Land“, sagt sie, „und Kinderärztin ist aus meiner Sicht der schönste Arztberuf. Denn es ist einfach toll, Kindern zu helfen.“

Falk Osterloh

Region Ostvorpommern

In Ostvorpommern wird die Bevölkerungszahl zwischen 2006 und 2020 voraussichtlich um 10,6 Prozent auf 97 689 sinken. Im gleichen Zeitraum geht die Anzahl von Kindern und Jugendlichen unter 20 Jahren von 18 536 auf 13 816 zurück, prognostiziert das Institut für Community Medicine in seiner Studie. Die Folge: Probleme bei der medizinischen Versorgung der verbleibenden Kinder und Jugendlichen. In Ostvorpommern praktizieren derzeit sieben Kinder- und Jugendärzte im Alter von durchschnittlich 57 Jahren. Bis 2020 werden drei dieser Ärzte in Rente gehen – das Durchschnittsalter der verbliebenen vier Ärzte betrüge dann 63 Jahre. In ganz Vorpommern wird die Zahl der Kinder- und Jugendärzte im gleichen Zeitraum von 31 auf 22 sinken. Wer in Vorpommern heute mit dem Auto zu einem Kinderarzt fährt, benötigt dafür durchschnittlich 13,2 und längstens 44 Minuten. In acht Jahren wären es durchschnittlich 17,2 und längstens 69,5 Minuten – wenn keiner der in Rente gehenden Kinder- und Jugendärzte seine Praxis neu besetzen könnte. Mit dem Bus innerhalb eines Tages zu einem Kinderarzt hin- und zurückzufahren, ist schon heute in vielen Fällen nicht möglich.

Darüber hinaus gibt es in Vorpommern sechs Krankenhäuser mit einer Pädiatrie, in Ostvorpommern sind es zwei – Wolgast und Anklam. Die Anklamer Pädiatrie wird seit 2005 von der Universität Greifswald betrieben, nachdem der damalige Betreiber des Krankenhauses die Kinderstation hatte schließen wollen.

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