ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2012Jugendliche Gewalttäter: Therapie statt Strafe

POLITIK

Jugendliche Gewalttäter: Therapie statt Strafe

PP 11, Ausgabe Mai 2012, Seite 215

Osterloh, Falk

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Foto: dpa
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Internationale Erfahrungen zeigen, dass eine Therapie jugendlicher Gewalttäter wirkungsvoller ist als eine Inhaftierung. In Berlin tauschten Wissenschaftler aus 30 Ländern ihre Erfahrungen aus.

Gewalt emotionalisiert. Wenn in den Medien Bilder von Überwachungskameras gezeigt werden, auf denen Jugendliche anderen Jugendlichen gegen den Kopf treten, wird in Politik und Gesellschaft schnell der pauschale Ruf nach harten Strafen laut. Erfahrungen aus verschiedenen Ländern zeigen jedoch, dass lange Inhaftierungen jugendlicher Gewalttäter nicht zu weniger Gewalttaten führen. Das Gegenteil ist der Fall.

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Großbritannien beispielsweise hat 1998 den „Crime and Disorder Act“ verabschiedet, mit dem die Plätze für Inhaftierungen von Jugendlichen von 3 000 auf 2 000 reduziert wurden. In der Folge seien sowohl die Anzahl der Inhaftierungen als auch der Rückfälle jugendlicher Straftäter um je ein Drittel zurückgegangen, erklärte die Präsidentin des Royal College of Psychiatrist, Sue Bailey, auf dem dritten Kongress der „European Forensic Child and Adolescent Psychiatry, Psychology and other involved Professions” (EFCAP) Anfang März in Berlin. Infolge des Gesetzes seien mehr Therapeuten besser ausgebildet worden als bislang. „Heute versuchen wir, junge Straftäter wie Kinder und Jugendliche zu behandeln und nicht wie Straftäter“, sagte Bailey. Der Wandel in Großbritannien habe jedoch Zeit gebraucht.

Berufsausbildungen in der Psychiatrie

Im Rahmen des EFCAP-Kongresses kamen in Berlin Wissenschaftler und Praktiker aus 30 Ländern zusammen, um neue Erkenntnisse aus der forensischen Jugendpsychiatrie und -psychotherapie auszutauschen. Aus der Schweiz berichtete der Chefarzt und Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, Prof. Dr. med. Klaus Schmeck. Dort liege die Strafmündigkeit bei zehn Jahren; zudem gebe es keine Jugendgefängnisse. „Auf diese Weise kann man bei jungen Straftätern früh intervenieren und sie mit abgestimmten Maßnahmen positiv beeinflussen“, erklärte Schmeck. Das sei jedoch nur sinnvoll, wenn man nicht mit einem hohen Strafmaß, sondern mit Therapie auf ihre Straftaten reagiere. In den psychiatrischen Einrichtungen werde auch Wert darauf gelegt, dass die Inhaftierten eine Schul- und Berufsausbildung machen. „Denn wenn sie wieder frei sind, ist das für ihre Reintegration in die Gesellschaft von großer Bedeutung“, so Schmeck.

Der Ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm und Präsident des diesjährigen EFCAP-Kongresses, Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert, relativierte die gängigen Ansichten über Strafe und Therapie. „Therapie heißt nicht immer weichspülen. Und Arrest bedeutet nicht immer die harte Linie“, sagte er. Im Gegenteil: In der Therapie werde der Gewalttäter mit seiner Tat konfrontiert. Dort müsse er sich seine Schuld eingestehen. Das sei für die meisten Straftäter schwieriger, als eine Arreststrafe abzusitzen.

In diesem Zusammenhang kritisierte Fegert auch die Entscheidung des Koalitionsausschusses, sogenannte Warnschussarreste für Jugendliche einzuführen. Dabei werden Jugendliche, die zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurden, für kurze Zeit inhaftiert, um sie auf diese Weise abzuschrecken. „Schon heute haben die meisten jugendlichen Straftäter bereits Arresterfahrungen, die sie offensichtlich nicht abgeschreckt haben“, sagte Fegert. Innerhalb seiner Gang könne der Straftäter durch seine Inhaftierung sogar geadelt werden. Zudem komme er während seiner Inhaftierung mit anderen verurteilten Jugendlichen in Kontakt, die auf seine Entwicklung einen weiteren negativen Einfluss ausüben könnten.

Die unterschiedlichen Entwicklungen in Europa erlauben den Wissenschaftlern einen Vergleich von „politischen Experimenten“ im Umgang mit jugendlichen Straftätern, so Fegert. Wichtig sei es, die gesundheitliche und psychische Situation der betroffenen Jugendlichen zu stabilisieren. Bei diesem Anliegen müsse Wissenschaft und Menschlichkeit miteinander verbunden werden, ergänzte Bailey. Und genau das mache EFCAP.

Falk Osterloh

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