ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2012Médecins du Monde: Krise verschlechtert Versorgung

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Médecins du Monde: Krise verschlechtert Versorgung

Dtsch Arztebl 2012; 109(19): A-963 / B-829 / C-821

Spielberg, Petra

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Immer mehr illegale Einwanderer, mittellose EU-Bürger und Flüchtlinge haben in der Europäischen Union keinen oder nur einen beschränkten Zugang zur medizinischen Grundversorgung. Das berichtet die Hilfsorganisation Médecins du Monde.

Gesellschaftliche Randgruppen sind in Europa nach einem Bericht der Organisation Médecins du Monde (Ärzte der Welt) von der Basisgesundheitsversorgung weitgehend ausgeschlossen. Der gemeinnützige Verein setzt sich im In- und Ausland für den Zugang zur medizinischen Versorgung als humanitäres Grundrecht ein und versorgt hilfsbedürftige Menschen in Krisensituationen durch Krieg und Gewalt, Naturkatastrophen, Krankheit, Armut und Ausgrenzung.

Eine Studie der Vereinigung belegt, dass die Wirtschaftskrise die Versorgungssituation für Flüchtlinge, illegale Einwanderer und mittellose Ausländer weiter verschärft hat. „Viele Regierungen haben die Ausgaben für soziale und medizinische Leistungen gekürzt, obwohl die Zahl der Hilfsbedürftigen gegenüber den Jahren vor der Krise gestiegen ist“, kritisiert der Verein. Selbst bei akuten Erkrankungen werde den Betroffenen nicht immer medizinische Hilfe zuteil. Bei den in der Studie von Médecins du Monde dokumentierten Fällen traf dies auf knapp die Hälfte der Befragten (46,2 Prozent) zu.

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Kran­ken­ver­siche­rung können sich viele nicht leisten

Für den Bericht hat die Vereinigung Daten von circa 5 000 Patienten erhoben, die 2011 die medizinischen Zentren des Vereins in Amsterdam, Brüssel, London, München und Nizza aufgesucht haben. Dort können sich Flüchtlinge, illegale Einwanderer und mittellose Ausländer kostenlos versorgen lassen, wenn sie zum Beispiel anderweitig keine medizinische Behandlung erhalten.

Das Durchschnittsalter der Befragten lag bei 35 Jahren. In den Zentren ließen sich etwas mehr Männer (56 Prozent) als Frauen behandeln. Etwa ein Drittel von ihnen bezeichnete den eigenen Gesundheitszustand als schlecht bis sehr schlecht. Die Hälfte hatte keinen festen Wohnsitz. Nur knapp ein Drittel war erwerbstätig. Bei den meisten Patienten handelte es sich um Asylanten, Flüchtlinge oder illegale Einwanderer aus Drittländern. Nur in München lag der Anteil der EU-Bürger mit 57,9 Prozent überdurchschnittlich hoch. Im vergangenen Jahr wurden dort insgesamt 425 Patienten behandelt.

„In München gibt es sehr viele Roma aus Rumänien und Bulgarien“, berichtet Sabrina Schmitt, Projektkoordinatorin des deutschen Zweigs von Médecins du Monde. Viele von ihnen litten unter chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck. 68 Prozent der in München befragten Patienten seien gleichwohl nur in Notfällen von Krankenhäusern versorgt worden, kritisiert die Organisation.

Ein Grund hierfür sei, dass sich die wenigsten einen Kran­ken­ver­siche­rungsschutz leisten könnten. „Für die meisten dieser Menschen sind die finanziellen Hürden für den privaten Basisversicherungsschutz einfach zu hoch“, sagt Schmitt. Nur acht Prozent aller in München versorgten Flüchtlinge, illegalen Einwanderer oder mittellosen Ausländer waren krankenversichert.

Bürokratische Hürden verhindern Inanspruchnahme

Kinder von Ausländern, Flüchtlingen und Einwanderern ohne Papiere würden zudem Impfungen, die von der Ständigen Impfkommission und der Welt­gesund­heits­organi­sation als Basisschutz empfohlen werden, nicht überall kostenfrei erhalten. 79 Prozent der schwangeren Frauen hätten ferner im Befragungszeitraum keine Vorsorgeuntersuchung in Anspruch nehmen können, so ein weiteres Ergebnis des Berichts.

Für die Unterversorgung spielen neben fehlenden finanziellen Mitteln auch bürokratische Hürden, fehlendes Wissen über die Versorgungsstrukturen im Aufenthaltsstaat und die Rechte von Patienten, die Angst vor Diskriminierung, der Aufdeckung des illegalen Status sowie Verständigungsschwierigkeiten eine Rolle. Nicht nur für illegale Ausländer und bestimmte Randgruppen, sondern auch für EU-Bürger sei es inzwischen ein „bürokratischer Alptraum“ innerhalb der EU ärztliche Hilfe zu bekommen, moniert der Verein. Zu den Krankheiten, die bei den Betroffenen in allen fünf Staaten im Vordergrund standen, gehören Muskel- und Skeletterkrankungen, Magen-Darm-Beschwerden, Krankheiten der Atemwege sowie dermatologische, kardiovaskuläre und psychische Erkrankungen.

Petra Spielberg

Ärzte der Welt

Médecins du Monde ist eine international tätige, humanitäre Organisation. Die Vereinigung wurde im März 1980 gegründet. Ihr oberstes Prinzip ist es, nicht nur Hilfe zu leisten, sondern auch Verstöße gegen Menschenrechte zu dokumentieren. Médecins du Monde engagiert sich in 78 Ländern und 356 Gesundheitsprogrammen mit dem Ziel, die jeweiligen nationalen Gesundheitskapazitäten zu stärken. Der deutsche Zweig von „Ärzte der Welt“ agiert seit dem Jahr 2000 von München aus für die Organisation.

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