ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2012Hypertonie-Selbstmessung: Patienten werden zu wenig geschult

MEDIZINREPORT

Hypertonie-Selbstmessung: Patienten werden zu wenig geschult

Dtsch Arztebl 2012; 109(19): A-972 / B-836 / C-828

Jörgens, Viktor; Grüßer, Monika

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20 Prozent der Bevölkerung haben eine arterielle Hypertonie. Dass eine strukturierte Schulung der Betroffenen im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung zu besseren Therapieerfolgen führt, ist inzwischen vielfach bewiesen.

Schon seit zehn Jahren sind eine strukturierte Schulung und Therapie bei Hypertonie im Rahmen der Disease-Management-Programme (DMP) Diabetes mellitus und koronare Herzkrankheit in Deutschland Bestandteil der vertragsärztlichen Versorgung. Zwei Millionen Schulungen für Versicherte mit Diabetes mellitus stellen die weltweit größte Schulungsaktion für diese Stoffwechselerkrankung dar. Im Gegensatz dazu werden Schulungen bei Hypertonie noch zu selten genutzt, obwohl vielfach bewiesen ist, dass die effektive Senkung des erhöhten Blutdrucks eine sehr günstige Wirkung auf Lebenserwartung und Folgeerkrankungen wie Apoplexie, Niereninsuffizienz und Myokardinfarkt hat. Kaum eine Therapie einer internistischen Erkrankung ist so gut durch wissenschaftliche Studien mit harten Endpunkten gesichert.

Akademische Diskussionen um Blutdruckzielwerte

Die in der jüngsten Vergangenheit geführten akademischen Diskussionen um noch normale und supernormale Blutdruckzielwerte bei Hypertonie hatten sich leider nicht nur von der wissenschaftlichen Evidenz, sondern auch von der Praxisrealität entfernt. Immer noch sind viele Fälle von Hypertonie in Deutschland unentdeckt oder unzureichend therapiert. Immer noch könnten zahlreiche Schlaganfälle mit immensen Folgekosten vermieden werden. Hierzu ist die Patientenschulung bei Hypertonie eine sehr wirksame Hilfe.

Eine wegweisende Studie zur Blutdruckselbstmessung publizierte bereits vor einigen Jahren die Gruppe um Prof. Dr. Guillaume Bobrie (JAMA 2004; 291: 1342–9), in deren Verlauf 4 939 Hypertoniker mit einem Durchschnittsalter von 70 Jahren neben der hausärztlichen Blutdruckkontrolle eine Selbstmessung durchführten. Die Ergebnisse wurden mit der Zahl der kardiovaskulären Ereignisse in den folgenden 3,2 Jahren in Beziehung gesetzt. Es zeigte sich, dass die Ergebnisse der Selbstmessung von größerer prognostischer Aussagekraft waren als die Blutdruckmessung in der Praxis.

Bei 324 Patienten kam es zu einem oder mehreren kardiovaskulären Ereignissen (kardiovaskulärer Tod, Herzinfarkt, Schlaganfall, Angioplastie oder Bypass-Operation). Das Risiko ließ sich durch die von den Patienten selbst bestimmten Blutdruckwerte vorhersagen. Pro Anstieg des systolischen Wertes um zehn mmHg stieg das Risiko um 17,2 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall 11,0–23,8 Prozent). Jede fünf mmHg im diastolischen Druck steigerten das Risiko um 11,7 Prozent (5,7–18,1 Prozent). Die Blutdruckbestimmung in der Praxis hatte dagegen keine signifikante prognostische Bedeutung. Bei neun Prozent aber wurde eine schlechte Prognose übersehen, weil die Werte in der Praxis normal waren, während die Selbstmessung einen erhöhten Blutdruck ergeben hatte.

Da eine umfassende Aufklärung und Motivierung im Praxisalltag selten geleistet werden kann, steigert eine strukturierte Schulung die Qualität dieser Messungen. Im Rahmen der DMP Diabetes mellitus und koronare Herzkrankheit wird in der vertragsärztlichen Versorgung in Deutschland eine strukturierte Therapie und Schulung von Patienten mit Hypertonie – regional unterschiedlich – vergütet. Meist liegt sie bei 25 Euro pro Patient pro Unterrichtseinheit. Das Begleitmaterial für die Patienten wird ebenfalls von den Kostenträgern erstattet.

Curriculum kann in vier Wochen absolviert werden

Voraussetzung ist ein Seminar für Ärzte und Arzthelferinnen. Das am weitesten verbreitete Schulungsprogramm ist im Deutschen Ärzte-Verlag erschienen (www.patientenschulungsprogramme.de). Es umfasst vier Unterrichtseinheiten in wöchentlichem Abstand, so dass das Curriculum in vier Wochen absolviert wird. Die Schulung wird in Kleingruppen von bis zu vier Patienten durchgeführt. Alle Teilnehmer erhalten zudem kostenlos ein Patientenbuch.

Anfragen beantwortet das Projektbüro für Schulungsprogramme im Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung, Telefon: 030 40052437 und per E-Mail: NGillwaldt@zi.de.

Dr. med. Viktor Jörgens,
Dr. med. Monika Grüßer

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