ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2012Wichtiges Thema, unzureichend berichtet
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Der Artikel von Berzlanovich et al. (1) hat hierzulande für ein breites Echo gesorgt. Zu Recht greifen die Medien die berichteten tödlichen Folgen der Anwendung freiheitsentziehender Maßnahmen (FEM) auf. Leider entspricht die Berichterstattung des Artikels nicht dem wissenschaftlichen Standard, der aktuelle Forschungsstand wird nicht zur Kenntnis genommen.

Die Angemessenheit und Validität der Studie kann nicht beurteilt werden, ein Methodenteil und eine Methodenkritik fehlen gänzlich, dabei sind bei einer retrospektiven Analyse von Sektionsprotokollen die Limitierungen offensichtlich. Aktuelle Forschungsliteratur wird ausgespart. So basieren zum Beispiel die Prävalenzangaben auf veralteten oder unpassenden Quellen. Die Behauptung, dass erstmals mit einer eigenen Fragebogenstudie Art und Anzahl von FEM erhoben wurden, ist falsch. Nicht nur unsere eigene Beobachtungsstudie mit 2 367 Bewohnern in Hamburger Pflegeheimen bietet verlässliche Ergebnisse zur Häufigkeit und Art von FEM und den mit ihrer Anwendung assoziierten Charakteristika (2).

Auch bei den Präventionsstrategien vernachlässigen die Autoren die aktuellen Entwicklungen. So findet die aktuelle Cochrane-Review zum Thema (3) keine Berücksichtigung. Darüber hinaus gibt es seither in randomisierten Studien evaluierte Interventionsprogramme zur Reduktion von FEM wie zum Beispiel „Redufix“ (www.redufix.de) oder die „Leitlinie FEM“ (www.leit linie-fem.de). Die Autoren verweisen lediglich auf eine Broschüre und eine DVD des Bayrischen Staatsministeriums. Diese sind sicher ambitioniert, wurden jedoch nicht evaluiert, ebenso wenig wie die von den Autoren dargestellten „bewährten Alternativen“ zu FEM wie zum Beispiel Hüftprotektoren oder Kraft- und Balancetrainings.

Das abschließende Plädoyer für die „richtige Anwendung“ von FEM ist kontraproduktiv, da der Korpus der Evidenz nahelegt, dass FEM stets mehr schaden als nützen.

DOI: 10.3238/arztebl.2012.0376c

Prof. Dr. phil. Sascha Köpke

Institut für Sozialmedizin, Universität zu Lübeck

Sascha.koepke@uksh.de

Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer

Fakultät für Gesundheit, Universität Witten/Herdecke

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Berzlanovich AM, Schöpfer J, Keil W: Deaths due to physical restraint. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(3): 27–32. VOLLTEXT
2.
Meyer G, Köpke S, Haastert B, Mühlhauser I: Restraint use among nursing home residents: cross-sectional study and prospective cohort study. J Clin Nurs 2009; 18: 981–90. CrossRef MEDLINE
3.
Möhler R, Richter T, Köpke S, Meyer G: Interventions for preventing and reducing the use of physical restraints in long-term geriatric care. Cochrane Database Syst Rev 2011: CD007546. MEDLINE
1.Berzlanovich AM, Schöpfer J, Keil W: Deaths due to physical restraint. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(3): 27–32. VOLLTEXT
2. Meyer G, Köpke S, Haastert B, Mühlhauser I: Restraint use among nursing home residents: cross-sectional study and prospective cohort study. J Clin Nurs 2009; 18: 981–90. CrossRef MEDLINE
3. Möhler R, Richter T, Köpke S, Meyer G: Interventions for preventing and reducing the use of physical restraints in long-term geriatric care. Cochrane Database Syst Rev 2011: CD007546. MEDLINE

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