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Freiheitsentziehende Maßnahmen (FEM) sind nur dann berechtigt, wenn sie nach Ausschöpfung aller anderen Möglichkeiten zum Wohl der Pflegebedürftigen unerlässlich sind. Sie stellen eine ultima ratio dar und sind auf das unbedingt notwendige Maß zu beschränken. Je freiheitsberaubender ihr Einsatz ist, desto strengere Maßstäbe sind für die Betreuung der Betroffenen anzulegen. Insofern kommt bei der Indikationsstellung der ärztlichen Mitverantwortung große Bedeutung zu. Nur durch ärztliche und pflegerische Achtsamkeit können gesundheitliche und letztlich auch verletzungsbedingte Gefahren rechtzeitig erkannt und ausgeräumt werden. Herrn Dr. Endrikats Meinung wird damit uneingeschränkt geteilt.

Herr Prof. Dr. Steinert weist zu Recht auf unsere unpräzisen Angaben über den Einsatz von FEM in der Psychiatrie hin. Tatsächlich werden Fixierungen zur Verhütung von Selbstbeschädigungen und suizidalen Handlungen nur in Ausnahmefällen eingesetzt, häufiger aber bei Patienten mit hoher Sturzgefährdung oder aggressivem Verhalten. Vielen Dank für den Hinweis auf die ergänzenden rechtlichen Voraussetzungen zur Anwendung von FEM.

Zu den Beiträgen von Herrn Prof. Dr. Köpke und Frau Prof. Dr. Meyer ist anzumerken, dass von rechtsmedizinischer Seite kein wissenschaftlicher Standard zu unserer Thematik existiert. Da bislang nur einzelne Falldarstellungen publiziert wurden, sind unsere Ergebnisse nicht durch vergleichbare Literatur zu belegen.

Schwerpunkt unserer Studie war die Frequenzerhebung von Todesfällen nach FEM im Einzugsgebiet des Rechtsmedizinischen Instituts München. Neben der Feststellung der Todesursachen sind durch aufwendige Rekonstruktionen die jeweiligen Unfallursachen analysiert worden. Unsere Daten können lediglich Grundlage für eine Verbesserung bereits existierender Präventionsstrategien sein. Die Vorgabe wissenschaftlicher Pflegestandards überschreitet die Aufgaben des Fachgebiets Rechtsmedizin.

Ziel unserer Diskussion war unter anderem, vermehrtes Problembewusstsein des medizinischen Fachpersonals in Bezug auf FEM als eine Form der Gewalt gegen pflegebedürftige Menschen zu schaffen und die Kenntnis über gewaltfreie Alternativen zu fördern. Wie die breite mediale Berichterstattung zeigt, ist es sogar gelungen, die Öffentlichkeit für das Problem zu sensibilisieren. Die von uns angeführten alternativen Maßnahmen haben sich in der Praxis „bewährt“, sind jedoch – wie richtig kommentiert wird – „nicht evaluiert“.

Die zitierte Beobachtungsstudie ist uns bekannt, sie beschränkt sich auf Pflegeheimbewohner in Hamburg. Deutschlandweite flächendeckende Untersuchungen über die Anzahl der fixierten Personen und über die Art der jeweils angewandten FEM sind bis dato nicht verfügbar. Deshalb wurde von uns 2008 eine bayernweite Fragebogenerhebung über die Anwendung von FEM in allen Altenpflegeeinrichtungen durchgeführt. Aufgrund des hohen Rücklaufs wurden 2009 und 2010 erweiterte Umfragen vorgenommen. Was den Einsatz von FEM betrifft, hat in Bayern inzwischen ein Umdenken eingesetzt. Während früher jeder vierte Heimbewohner fixiert wurde, ist es jetzt „nur“ noch jeder fünfte – mit sinkender Tendenz. Ausschlaggebend dafür sind vielfältige zielgerichtete Aktionen sowie das verantwortungsvolle Zusammenwirken aller Beteiligten. Auch diese „ambitionierten“ Aktivitäten „sind nicht evaluiert“, aber nicht alles was wirkt, ist Evidence based nachgewiesen (1). Für die konstruktiven Leserbriefe und die anerkennenden persönlichen Anschreiben, die die Aktualität unseres Artikels untermauern, bedanken wir uns vielmals.

DOI: 10.3238/arztebl.2012.0377

Prof. Dr. med. Andrea Berzlanovich

Forensische Gerontologie

Department für Gerichtsmedizin, Medizinische Universität Wien

andrea.berzlanovich@meduniwien.ac.at

Dr. med. Jutta Schöpfer, Prof. Dr. med. Wolfgang Keil

Institut für Rechtsmedizin, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Mühlgassner A: Entmündigt durch EBM? ÖÄZ 2012; 4: 18–9.
2.
Berzlanovich AM, Schöpfer J, Keil W: Deaths due to physical restraint. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(3): 27–32. VOLLTEXT
1. Mühlgassner A: Entmündigt durch EBM? ÖÄZ 2012; 4: 18–9.
2.Berzlanovich AM, Schöpfer J, Keil W: Deaths due to physical restraint. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(3): 27–32. VOLLTEXT

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