ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2012Novelle der Approbationsordnung: Ein Sieg für die Studierenden

POLITIK

Novelle der Approbationsordnung: Ein Sieg für die Studierenden

Dtsch Arztebl 2012; 109(20): A-1002 / B-866 / C-858

Richter-Kuhlmann, Eva

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Zwang schafft keine neuen Hausärzte: Dies verdeutlichten Stephan Irannejad (3. v. l.) und seine Kommilitonen vor dem Bundesrat in Berlin. Foto: dpa
Zwang schafft keine neuen Hausärzte: Dies verdeutlichten Stephan Irannejad (3. v. l.) und seine Kommilitonen vor dem Bundesrat in Berlin. Foto: dpa

Medizinstudenten und Berufsverbände hatten sich gegen einen Zwangsabschnitt Allgemeinmedizin im praktischen Jahr gewehrt – mit Erfolg. Der Bundesrat lehnte ihn ab und erhöhte die interuniversitäre Mobilität. Auch das „Hammerexamen“ ist vom Tisch.

Das Aufstehen noch in der Nacht und die Reise nach Berlin am 11. Mai haben sich für Stephan Irannejad und seine Kommilitonen gelohnt. Der Medizinstudent vom Allgemeinen Studierenden Ausschuss Hannover gehörte zu den knapp 100 Studierenden aus Berlin und Hannover sowie der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd), die an dem Freitagmorgen vor dem Bundesratsgebäude lautstark gegen den Zwang protestierten, im praktischen Jahr (PJ) das Fach Allgemeinmedizin absolvieren zu müssen. „Die Versäumnisse der Politik bei der Allgemeinmedizin dürfen nicht auf den Rücken der Studierenden ausgetragen werden“, erklärte Irannejad gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Durch Zwang kann kein Wohlfühlen in einem Fachgebiet erreicht werden.“

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Dies sahen die Ländervertreter offensichtlich auch so: Am Nachmittag stimmte der Bundesrat in seiner Plenarsitzung der von der Bundesregierung erstellten Novelle der Approbationsordnung für Ärzte unter Auflagen zu. Die Anträge von Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen, die Studierenden während ihres PJ zu drei Monaten Allgemeinmedizin zu verpflichten, lehnte er ab. Ebenso war der Vorschlag gescheitert, einen viermonatigen Pflichtabschnitt in der Allgemeinmedizin einzuführen und das Wahltertial abzuschaffen.

PJ deutschlandweit möglich

Abgesegnet von der Länderkammer ist nun auch eine erhöhte Mobilität im PJ – eine langjährige Forderung der Medizinstudierenden und der Bundes­ärzte­kammer. Das PJ soll ab dem nächsten Jahr an jeder Universitätsklinik in Deutschland und deren Lehrkrankenhäusern absolviert werden können. Sofort nach dem Inkrafttreten der Novelle soll es möglich sein, das PJ in Teilzeit zu absolvieren. Abgeschafft wird ferner das bei den Studenten verhasste „Hammerexamen“, indem das schriftliche Staatsexamen wieder vor das PJ gelegt wird. Zudem müssen Studierende künftig einen Leistungsnachweis in „Schmerzmedizin“ erwerben.

Ein Sieg auf ganzer Linie – für die Studierenden, aber auch für viele Fachgesellschaften und Berufsverbände war der 11. Mai ein Grund zum Feiern. Denn auch die Berufsverbände der Anästhesisten, Augenärzte, Chirurgen, Internisten, Frauenärzte, Kinder- und Jugendärzte, Radiologen und Pathologen hatten vor einem vierteiligen praktischen Jahr gewarnt, um die Qualität der medizinischen Ausbildung zu wahren. Das Wahltertial bietet ihnen zudem die Möglichkeit, Studenten ihr Fach näher zu bringen. Eine Famulatur kann dies nach ihrer Ansicht nicht ersetzen. Auch der Medizinische Fakultätentag (MFT) hatte im Vorfeld zu bedenken gegeben, dass jegliche Evidenz für die Erwartung fehle, dass sich mehr Absolventen für die Allgemeinmedizin entschieden, wenn man alle PJ-Studierenden in dieses Fachgebiet zwinge.

Mehr Lehrstühle für Allgemeinmedizin und eine engagierte Ausbildung wünscht sich Andreas Kühn (hier mit Megafon), möglicherweise künftiger Hausarzt. Foto: dapd
Mehr Lehrstühle für Allgemeinmedizin und eine enga­gierte Ausbildung wünscht sich Andreas Kühn (hier mit Megafon), möglicherweise künftiger Hausarzt. Foto: dapd

Mit dieser Rückendeckung durch die Verbände hatte die bvmd in der vergangenen Woche in 15 Universitätsstädten zum Protest aufgerufen: Studentenvertreter hatten zahlreiche Demonstrationen im Vorfeld der Bundesratsentscheidung organisiert und in einer Online-Petition Tausende Unterschriften gegen den Zwangsabschnitt Allgemeinmedizin im PJ gesammelt. Auch im Sozialen Netzwerk Facebook hatten sich circa 2 000 Medizinstudenten organisiert. „Man kann Nachwuchsmediziner besser für die Allgemeinmedizin motivieren, indem man qualitativ hochwertige Famulaturen und Praktika auf freiwilliger Basis anbietet sowie die Lehre und die flächendeckende Einführung von Lehrstühlen für Allgemeinmedizin verbessert“, erklärte Melissa Camara Romero, Präsidentin der bvmd, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Motivation statt Zwang

Von der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), die sich in den vergangenen Wochen hinter die Studierenden gestellt hatte, wird die Entscheidung des Bundesrates ebenfalls begrüßt. „Glücklicherweise wird es keinen Zwang zu einem Pflichttertial in der Allgemeinmedizin geben“, sagte BÄK-Präsident Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Dies hätte nur unnötig die Möglichkeiten der Studierenden verringert, individuelle Ausbildungsprioritäten zu setzen.

Auch der Bundesrat setzt offensichtlich lieber auf positive Motivation statt auf Zwang. In einer begleitenden Entschließung weist er nämlich darauf hin, dass in der Tat die in der Novelle vorgeschlagenen Maßnahmen zur Stärkung der Allgemeinmedizin in der ärztlichen Ausbildung noch nicht ausreichend sind. Er plädiert deshalb dafür, die Studenten bereits zu einem früheren Zeitpunkt der Ausbildung in Einrichtungen der hausärztlichen Versorgung zu schicken, um diese an das Gebiet zu binden. Zur Verbesserung der psychosozialen und kommunikativen Fähigkeiten der angehenden Ärzte möchte er auch die Vermittlung ärztlicher Gesprächskompetenz in der Ausbildung festgeschrieben sehen.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) greift diesen Ansatz jetzt auf. Da von ihr der Kompromissvorschlag stammte, ein Pflichtquartal statt ein Pflichttertial Allgemeinmedizin einzuführen, hätte sie es zwar für „einen Sieg der Vernunft“ gehalten, wenn das Pflichtquartal Realität geworden wäre, doch jetzt wolle man die Herausforderung annehmen, den Ärztenachwuchs für einen freiwilligen Abschnitt in der Allgemeinmedizin zu begeistern. „Wir werden Herz und Hirn der Studierenden gewinnen und durch eine neue, für viele Studierende noch unbekannte Ausbildungsqualität überzeugen“, sagte der Präsident der DEGAM, Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach.

Als Schritt in die richtige Richtung wertet die DEGAM die Tatsache, dass nun aufgrund der Novelle die Universitäten bis Oktober 2019 gewährleisten müssen, dass alle Studierenden der jeweiligen Universität ein Wahltertial in der Allgemeinmedizin freiwillig absolvieren können. Zudem soll dem Bundesrat zufolge die Vorgabe in die Novelle aufgenommen werden, dass die Universitäten ab sofort zehn, später 20 Prozent der Studierenden einen Platz für das Wahltertial Allgemeinmedizin einräumen müssen. Nach Angaben des MFT ist dies auch zu realisieren.

Um die Allgemeinmedizin zu stärken, schreibt die neue Approbationsordnung zudem für das Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin eine Dauer von zwei Wochen statt bisher einer Woche verbindlich vor. Ferner sollen die Studierenden für einen Monat in der hausärztlichen Versorgung sowie für einen weiteren Monat in der ambulanten Krankenversorgung famulieren. Alle Studenten könnten von einer Zeit in einer Hausarztpraxis profitieren – auch wenn sie später nicht diesen Beruf ergreifen wollen, erklärte Gerlach. „Die Studierenden werden die Vielfalt des Fachgebiets, die Chance zur eigenständigen Patientenbetreuung und die intensive 1:1-Betreuung kennen- und schätzen lernen.“ Studierende in zahlreichen europäischen Nachbarländern hätten aktiv eine breite Ausbildung in der ambulanten Grundversorgung eingefordert. Die Chancen einer vielfältigen und praxisnahen Ausbildung seien hierzulande offenbar noch nicht genügend bekannt, bedauert der Hausarzt. Mit der Umsetzung des DEGAM-Kompromissvorschlags sei lediglich das nachgeholt worden, was in vielen anderen Ländern schon lange selbstverständlich sei.

Enttäuscht ist der Hausärzteverband. „Die Allgemeinmedizin im PJ zu stärken, ist eine der dringlichsten Aufgaben, um Medizinstudierenden an den Beruf des Hausarztes heranzuführen“, hatte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, zuvor erklärt. Anfang Mai hatte sich zudem die Delegiertenversammlung für ein Pflichtquartal Allgemeinmedizin ausgesprochen.

Andreas Kühn von der Fachschaft der Berliner Medizinstudierenden kann sich durchaus vorstellen, künftig einmal Hausarzt zu werden und befürwortet eine Stärkung der Allgemeinmedizin in der Ausbildung, wie sie die neue Approbationsordnung jetzt vorsieht. Dennoch hatte er den Protest vor dem Bundesrat mit organisiert. „Ein Zwang hätte alle guten Ansätze ins Gegenteil verkehrt“, ist er überzeugt. Notwendig seien aber noch mehr Lehrstühle für Allgemeinmedizin, ein Qualitätsmanagement der Ausbildung sowie gut trainierte und motivierte Hausärzte in den Lehrpraxen, erklärte er gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Nur so werden mehr Studenten Lust darauf bekommen, im PJ in eine Hausarztpraxis zu gehen“, betonte Kühn.

Bevor die Approbationsordnung jedoch in Kraft treten kann, muss das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium den Änderungen noch zustimmen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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