ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2012Barrierefreiheit: Gespräche mit Dolmetschern

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Barrierefreiheit: Gespräche mit Dolmetschern

Dtsch Arztebl 2012; 109(20): A-1045 / B-901 / C-893

Hübener, Karin

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Zum Umgang mit gehörlosen und schwerhörigen Patienten im Gesundheitswesen

Von Gehörlosigkeit sind in Deutschland circa 80 000 Menschen betroffen, weitere 200 000 sind hochgradig schwerhörig. Gehörlose Menschen verfügen über individuell sehr unterschiedliche kommunikative Fähigkeiten. In der Regel benutzen sie die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Diese ist eine vollwertige und eigenständige Sprache, die aber manuell-gestische Signale verwendet. Jeder gehörlose Patient hat seit 2002 das verbriefte Recht, mit Ärzten mittels DGS zu sprechen. Dazu wird ein Gebärdensprachdolmetscher benötigt, den die Krankenkassen finanzieren. Als hilfreich erleben gehörlose Menschen es schon, wenn Kommunikation mittels lautsprachbegleitender Gebärden (LBG) möglich ist. Dabei wird jedes gesprochene Wort mit einer Wortgebärde begleitet und damit das Verständnis der Lautsprache visuell unterstützt. LBG ist als Kommunikationsform anerkannt.

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Das gesprochene Deutsch ist für gehörlose Menschen schwer zu erlernen. Ihre Aussprache (sie sind nicht stumm) bleibt für Außenstehende oft schwer oder nicht verständlich. Nur maximal 30 Prozent des Gesprochenen kann sich ein gehörloser Menschen über das Mundbild erschließen (Lippenlesen). Den übrigen Inhalt muss er sich aus dem Kontext „zusammenreimen“. Das ist für die Betroffenen anstrengend, viele Missverständnisse sind die Folge. Die Verständigung mit gehörlosen Menschen benötigt mehr Zeit als mit hörenden, schon weil man nicht gleichzeitig etwas anderes machen und miteinander kommunizieren kann. Folgende allgemeine Hinweise für den Umgang mit gehörlosen Patienten lassen sich aus dieser Problematik ableiten:

Fotos: dapd
Fotos: dapd
  • Vermerk der Gehörlosigkeit/Schwerhörigkeit auf der Krankenakte des Patienten
  • Patient muss persönlich angesprochen werden, um ihn ins Behandlungszimmer zu rufen. Dazu ist mindestens Blickkontakt nötig. Dem Patienten sollte der Weg gezeigt werden, oder er sollte begleitet werden.
  • Vor einer Untersuchung oder Behandlung sollten dem Patienten alle Schritte genau erklärt werden.
  • Wenn während der Behandlung kein Blickkontakt möglich ist, kann nicht kommuniziert werden. Notwendige Anweisungen oder Erläuterungen erfordern eine Unterbrechung und die Wiederherstellung des Blickkontakts. Vor Beginn der Untersuchung oder Behandlung können bestimmte Zeichen (zum Beispiel Tippen auf die Schulter) für die Verständigung mit dem Patienten vereinbart werden.
  • Der Patient sollte umfassend und klar über die gestellte Diagnose und den weiteren Behandlungsverlauf informiert werden.
  • Bildgebende Untersuchungsmethoden wie Computer- oder Magnetresonanztomographie sind für den gehörlosen Patienten oftmals sehr beängstigend. Es muss ihm vorab genau erklärt werden, was auf ihn zukommt, und es muss ihm deshalb die Möglichkeit aufgezeigt werden, notfalls in den Verlauf einzugreifen. Eine Spiegelbrille ermöglicht ihm den Sichtkontakt nach „draußen“.
  • Es sollte geklärt werden, wie man mit dem Patienten Kontakt aufnehmen soll, ob per Fax, E-Mail oder SMS. Wichtig sind möglichst frühzeitige Terminvereinbarungen, damit der gewünschte Gebärdensprachdolmetscher bestellt werden kann. Außerdem ist zu klären, wer sich um die Organisation des Gebärdensprachdolmetschers kümmert, so dass auch die Kostenübernahme geregelt wird.
  • Gebärdensprachdolmetscher sorgen für eine barrierefreie Kommunikation zwischen Arzt und dem gehörlosen Patienten. Sie übersetzen gesprochenes Deutsch in Gebärdensprache und umgekehrt, sind unparteiisch und neutral. Als hinzugezogene Dolmetscher sind sie an die besondere Schweigepflicht gebunden. Sie sollen nicht als „Erklärer“ oder „Sozialassistenten“ oder gar „Betreuer“ missbraucht werden.
  • Der gehörlose Patient hat einen gesetzlichen Anspruch auf Nutzung eines Gebärdensprachdolmetschers bei der Inanspruchnahme und Ausführung von Sozialleistungen. Darin eingeschlossen sind die ärztliche und psychotherapeutische Behandlung.
  • Die Kosten für den Dolmetschereinsatz tragen die zuständigen Sozialleistungsträger. Bei ambulanten Behandlungen sind das in der Regel die Krankenkassen, bei stationären Behandlungen sind die Kosten bereits in der Fallpauschale enthalten.
  • Häufig bringen gehörlose Patienten einen Dolmetscher bereits zum Termin mit. Wünscht der gehörlose Patient zum vereinbarten Termin einen Dolmetscher, kann er auch den Arzt oder Psychotherapeuten mit der Bestellung eines Dolmetschers beauftragen.
  • Wird ein gehörloser Patient als Notfall eingeliefert, sollte eine Liste mit Gebärdensprachdolmetschern bereitstehen.

Notwendigkeiten beim gedolmetschten Gespräch:

  • Der Dolmetscher sitzt meist neben dem Arzt/Psychotherapeuten, dem Patienten gegenüber, dabei sollte auf gute Beleuchtung und Vermeidung von Gegenblendwirkung geachtet werden.
  • Gesprächspartner des Arztes/Psychotherapeuten ist der gehörlose Patient, nicht der Dolmetscher. Der gehörlose Patient sollte direkt angesprochen werden, nicht indirekt über den Dolmetscher.
  • Der Dolmetscher sollte nicht in das Gespräch einbezogen werden.
  • Der Arzt sollte nicht irritiert sein, wenn er zu einem Menschen spricht, der nicht ihn, sondern den Dolmetscher ansieht. Der Blickkontakt sollte dennoch mit dem Patienten gehalten werden.
  • Bei Gesprächen oder Vorträgen, die länger als eine Stunde dauern, sind zwei Dolmetscher nötig, die im Team zusammenarbeiten.

Dr. Karin Hübener

Im Sinne der besseren Lesbarkeit wurde im weiteren Text nur die männliche Form verwendet. Die Autorin verfasste den Artikel unter Verwendung der Broschüre „Der gehörlose Patient“, hrsg. v. Deutschen Gehörlosen-Bund e.V. (www.gehoerlosen-bund.de).

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