ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2012Medizinprodukte: Die Perspektive der Patienten

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Medizinprodukte: Die Perspektive der Patienten

Dtsch Arztebl 2012; 109(20): A-1012 / B-873 / C-865

Krüger-Brand, Heike E.

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Unabhängige Informationen und ehrliche Aufklärung sind aus Sicht der Patienten für die persönliche Entscheidung unbedingt erforderlich. Foto: BVMed
Unabhängige Informationen und ehrliche Aufklärung sind aus Sicht der Patienten für die persönliche Entscheidung unbedingt erforderlich. Foto: BVMed

Für medizintechnische Innovationen fordern Patientenvertreter ein verpflichtendes Endoprothesenregister und unabhängige Patienteninformationen.

Viele Patienten setzen große Erwartungen in die Medizintechnologie. Einer repräsentativen Umfrage* des Meinungsforschungsinstituts Forsa zufolge schreiben drei Viertel der Deutschen der Medizintechnik eine entscheidende Rolle dabei zu, ihnen ein längeres Leben zu ermöglichen. Mehr als 90 Prozent schätzten die Entwicklungen bei Vorsorge, Diagnose und Behandlung als positiv ein, berichtete Joachim M. Schmitt, Geschäftsführer und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Medizintechnologie, bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Blickpunkt Patientenperspektive: Wie ist die Erwartungshaltung an innovative Medizinprodukte?“ in Berlin. „Der Patient erwartet, dass Medizinprodukte sicher, leistungsfähig und wirksam sind und dass sie ihm nutzen“, erklärte Schmitt. Der Rechtsrahmen für Medizinprodukte werde dem gerecht. Die Regelungsdichte sei der bei Arzneimitteln vergleichbar.

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Telemonitoring wird akzeptiert

Ein Beispiel für eine Innovation, die sich bewährt hat und die bei der Überwindung von Ressourcenengpässen künftig eine große Rolle spielen wird, ist nach Meinung von Dr. med. Volker Leonhardt das Telemonitoring von Patienten mit implantierten Herzschrittmachern und Defibrillatoren. Der niedergelassene Kardiologe betreut circa 1 000 seiner 8 000 Patienten inzwischen zusätzlich telemedizinisch. Dadurch müssen die Patienten nur noch einmal jährlich in seine Praxis kommen, alles Übrige wird über die Online-Betreuung und regelmäßige Anrufe gesteuert. Die Sicherheit der Patienten insgesamt sei gewachsen, betonte Leonhardt. Die Betreuung sei „hochwertig und kosteneffektiv“, die Telemedizin werde „absolut akzeptiert“.

Weitaus skeptischer ist dagegen die Sicht der Patientenvertreter, nicht zuletzt nach Ereignissen wie dem Skandal um schadhafte Brustimplantate oder Berichten über fehleranfällige Hüftprothesen. Patienten erwarten einen transparenten Zusatznutzen von Innovationen. Medizinprodukte sollten einer Qualitätssicherung mit einer „Volldokumentation“ unterliegen, forderte Marion Rink, Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe und Vizepräsidentin der Deutschen Rheuma-Liga Bundesverband. In der Endoprothetik beispielsweise sollten sämtliche Revisionen dokumentiert werden, als Bestandteil eines umfassenden Versorgungsprogramms mit Vorsorge, Behandlung und Nachsorge. Rink hält ein verpflichtendes Endoprothesenregister für unerlässlich, um die Revisionsrate zu senken. In Schweden habe dies zu einer 25-prozentigen Revisionssenkung innerhalb von drei Jahren geführt. Ganz oben auf der Wunschliste stehen außerdem unabhängige Informationen zu Medizinprodukten – die Herstellerinformationen allein reichten nicht aus, bemängelte sie.

Patienten als „Medizintechnik-Endverbraucher“ lassen sich nicht alle über einen Kamm scheren, betonte Ilona Schlegel, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Spina Bifida und Hydrocephalus e.V. Geht es um das eigene Überleben, ist der Patient auch bereit, ein höheres Risiko zu akzeptieren. Aber: „Die Menschen sind unterschiedlich risikofreudig“, sagte Schlegel, das sei eine persönliche Abwägung. Wenn es nicht um die Frage des Überlebens, sondern um die Lebensqualität geht, wollen die Patienten in Entscheidungen einbezogen werden. Hier sei ehrliche Aufklärung wichtig, denn jeder Eingriff sei mit Nebenwirkungen verbunden. „Weil Lebensqualität ein individueller Begriff ist, geht es letztlich für den Patienten immer um die Frage: Was ist das Ziel?“

Frage nach der Evidenz

Dr. Martin Kluxen vom Verband der Ersatzkassen verwies darauf, dass aus Sicht der Kostenträger Innovationen notwendig sind und gefördert werden müssen, dabei aber die Spreu vom Weizen getrennt werden muss. „Bei vielen Methoden fällt es dem Gemeinsamen Bundes­aus­schuss schwer zu beurteilen, wie es mit der Evidenz aussieht“, erläuterte Kluxen. Er konzedierte zudem, dass sich die Strukturen für unabhängige Patienteninformationen erst im Aufbau befänden.

Der multimorbide ältere Patient werde künftig zum beherrschenden Thema, resümierte Dr. Rolf Koschorrek, Mitglied des Deutschen Bundestages (CDU). „Das ist eine extrem große Herausforderung für die Medizintechnologie. Es fehlt aber an sektorübergreifenden vernetzten Konzepten.“ Auch sei die Versorgungsforschung noch zu verbessern.

Heike E. Krüger-Brand

*Quelle: http://tiny.cc/b1z0w (befragt wurden im August 2010 im Auftrag von Philips 1 000 Bundesbürger)

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