ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2012AMNOG: Das Tauziehen geht weiter

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AMNOG: Das Tauziehen geht weiter

Dtsch Arztebl 2012; 109(20): A-1010 / B-872 / C-864

Osterloh, Falk

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Die Rahmenvereinbarungen stehen, doch der Streit hält an. So fordern Union und Pharmaindustrie die Vertraulichkeit der Erstattungsbeträge. Und Pharmafirmen kritisieren die Vergleichstherapie und bringen ihre Arzneimittel nicht auf den Markt.

Foto: Fotolia/shoot4u
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Die Regelungen des Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetzes (AMNOG) sind im Jahr zwei nach dessen Inkrafttreten im gesundheitspolitischen Alltag angekommen. Etwa 60-mal hat der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) Pharmafirmen bislang darüber beraten, welche Informationen die vom Hersteller eines neuen Arzneimittels einzureichenden Dossiers enthalten müssen. 17 frühe Nutzenbewertungen hat der G-BA bis heute abgeschlossen, elf werden zurzeit bearbeitet; mit insgesamt 40 rechnet der Ausschuss in diesem Jahr.

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Vier Verhandlungstermine

Zu neun der 17 neuen Arzneimittel finden derzeit Preisverhandlungen statt. Grundlage dafür sind Rahmenvereinbarungen zwischen dem GKV-Spitzenverband und den vier großen Pharmaverbänden, die Mitte März nach langem Tauziehen und unter Anrufung der Schiedsstelle verabschiedet wurden. Festgelegt ist darin zum Beispiel, dass die Verhandlungen zwischen dem GKV-Spitzenverband und dem jeweiligen Arzneimittelhersteller innerhalb von vier Verhandlungsterminen, „in begründeten Fällen“ in fünf, zu einem Abschluss gekommen sein müssen. Gibt es dann kein Ergebnis, wird die Schiedsstelle tätig.

Bei diesen Terminen verhandeln die Vertragspartner einen Rabatt auf den vom Hersteller bei Markteinführung festgelegten Abgabepreis. Dafür herangezogen werden neben der vom G-BA festgelegten zweckmäßigen Vergleichstherapie, dem Dossier des Herstellers und den Jahrestherapiekosten vergleichbarer Arzneimittel auch die Abgabepreise in anderen europäischen Ländern. Um diesen Punkt hatten GKV-Spitzenverband und Pharmaverbände am längsten gestritten. Die Schiedsstelle hat schließlich einen Korb aus 15 Ländern festgelegt, zu dem Griechenland und Spanien ebenso zählen wie Frankreich und Schweden.

Nach diesem Streitpunkt hat sich nun ein weiterer ergeben: die Frage, ob die ausgehandelten Rabatte veröffentlicht werden sollen oder nicht. Der GKV-Spitzenverband ist dafür. „Wir sehen keinen Grund für Geheimniskrämerei“, sagt der Sprecher des Verbandes, Florian Lanz. „Transparenz ist gut für das System.“ Die Pharmaindustrie sieht das anders. „Die meisten Länder arbeiten mit einem allgemein bekannten Listenpreis, verhandeln Rabatte und denken nicht daran, diese Verhandlungsergebnisse öffentlich auf den Markt zu tragen“, argumentiert die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller, Birgit Fischer. So werde ja auch bei den Rabattverträgen seit Jahren erfolgreich Geld gespart.

Dieser Ansicht sind auch die Gesundheitspolitiker der Union. Eine Veröffentlichung des Erstattungsbetrags sei grundsätzlich nicht notwendig für die Preisverhandlungen, heißt es in einem Positionspapier der Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Das Problem ist: Gemäß AMNOG müssen alle ausgehandelten Rabatte auch für die private Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) gelten. Die PKV muss die Höhe der Rabatte also erfahren. Bis jetzt hat die Union für dieses Problem noch keine Lösung, fordert aber, dass gesetzlich ein Verfahren festgelegt wird, dass die Umsetzung beider Aspekte ermöglicht.

Verhandlungen abgebrochen

Einen weiteren Streitpunkt stellen die zweckmäßigen Vergleichstherapien dar, die der G-BA in der frühen Nutzenbewertung heranzieht. Für das neue Arzneimittel Trajenta mit dem Wirkstoff Linagliptin, einem Dipeptidylpeptidase-4-Inhibitor, hat der G-BA Sulfonylharnstoffe als Vergleichstherapie herangezogen, die als Generika vorliegen. Statt des vom Hersteller Boehringer Ingelheim angesetzten Abgabepreises von 1,20 Euro lagen die Kosten für die Vergleichstherapie damit im zweistelligen Centbereich. Boehringer Ingelheim hat daraufhin die Preisverhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband abgebrochen. Trajenta wird es in Deutschland zunächst nicht geben.

Und auch die ersten Preisverhandlungen auf deutschem Boden zu dem Medikament Brilique mit dem Wirkstoff Ticagrelor haben noch nicht zu einem Ergebnis geführt. Hersteller Astra-Zeneca und der GKV-Spitzenverband haben nach vier Verhandlungsterminen einen fünften vereinbart. Das Tauziehen geht weiter.

Falk Osterloh

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