ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2012Psychiatrie-Entgeltsystem: Hohe Anforderungen an die Leistungsdokumentation

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Psychiatrie-Entgeltsystem: Hohe Anforderungen an die Leistungsdokumentation

Dtsch Arztebl 2012; 109(20): A-1008 / B-870 / C-862

Clade, Harald

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Mit dem neuen Psychiatrie-Entgeltsystem müssen künftig erbrachte Leistungen genauer erfasst werden als bisher. Dies stellt psychiatrische Einrichtungen vor große Herausforderungen.

Die für das Jahr 2013 geplante Einführung eines leistungsorientierten und pauschalisierenden Vergütungssystems auf der Grundlage von tagesbezogenen Entgelten in den Krankenhäusern und Einrichtungen der Psychiatrie und Psychosomatik erfordert „kongeniale“ Systeme moderner IT-Lösungen bei der Leistungserfassung und -dokumentation in diesem Sektor. Die wirtschaftliche Situation und Prosperität der psychiatrischen und psychosomatischen Einrichtungen werden künftig stark davon abhängen, welche Leistungen mit welchen Programmen möglichst komplett dokumentiert und exakt kodiert werden.

Bei dem Fachseminar „Update Controlling“ während des 34. Deutschen Krankenhaustages in Düsseldorf, veranstaltet vom Deutschen Verein für Krankenhaus-Controlling e.V., wies Oberarzt Dr. med. Claus Wolff-Menzler, Controller und Gesundheitsökonom in der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsmedizin Göttingen, auf die Anforderungen und Einsatzmöglichkeiten von speziellen IT- Lösungen im Fachbereich Psychiatrie und Psychotherapie hin. Zugleich berichtete er über erste Erfahrungen mit modernen Controllingverfahren in der Psychiatrie der Universität Göttingen.

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Neues Entgeltsystem ab dem Jahr 2013

Grundlage des neuen leistungsorientierten und pauschalierenden Vergütungssystems in psychiatrischen Einrichtungen ist der im Zuge des Krankenhaus­finanzierungs­reform­gesetzes 2010 geänderte § 17 d Absatz 1 Satz 1 des Krankenhaus­finanzierungs­gesetzes. Vorgesehen ist eine budgetneutrale Einführung des neuen, pauschalisierenden Vergütungssystems zum Jahr 2013. Allerdings ist die Ausweitung der Konvergenzphase bis 2017 möglich.

Dessen ungeachtet ist das neue System bereits im Laufe des Jahres 2012 auf der Basis von Kalkulations- und Leistungsdaten des Datenjahres 2011 zu vereinbaren. Damit vorbereitende Kalkulationen durchgeführt werden können, gilt seit 2010 eine erweiterte Dokumentationspflicht. Außerdem ist Voraussetzung für die Entwicklung und Anwendung des Psychiatrie-Entgeltsystems, die Kodierung zu vereinheitlichen. Hierzu wurden inzwischen Kodierrichtlinien für Psychiatrie und Psychosomatik vereinbart. Die Anstrengungen müssen darauf konzentriert werden, die internen Arbeits- und Prüfabläufe zu durchleuchten und auf einem einheitlichen Niveau zu etablieren, sagte Wolff-Menzler. Entsprechend sind die bisher eingesetzte IT-Struktur und alle computergestützten Erfassungs- und Leistungsprozesse anzupassen.

Das neue Entgeltsystem soll es mit Hilfe einer systematisierten Dokumentation und des Controllings ermöglichen, dass sämtliche Leistungen zeitnah erfasst werden und nach standardisierten Maßstäben interne und externe Leistungsvergleiche regelhaft durchgeführt werden. Damit soll eine effiziente Leistungs- und Personalplanung in der Psychiatrie und Psychosomatik realisiert werden. Eine frühzeitig einsetzende Therapieplanung, das Controlling dieses zentralen Betriebsführungsinstruments, die Auslastungssteuerung von Therapiegruppen und Werkstätten und eine permanente betriebswirtschaftliche Analyse des gesamten Leistungsgeschehens sind künftig unverzichtbar. Sie bestimmen den betrieblichen Erfolg.

Auch psychiatrische Kliniken und Einrichtungen unterliegen ökonomischen und gesetzlichen Zwängen, insbesondere der Notwendigkeit zur Kosten- und Erlösoptimierung und zur ständigen Verweildauerüberwachung und gegebenenfalls -verkürzung. Eine verbesserte Leistungstransparenz fördert nicht zuletzt den Wettbewerb und eine weitere Arbeitsverdichtung – allerdings mit allen negativen Konsequenzen für die Behandlungsqualität und den medizinethischen Impetus des ärztlichen und klinischen Handelns.

Beispiel für eine Leistungsdokumentation
Beispiel für eine Leistungsdokumentation
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Beispiel für eine Leistungsdokumentation

Bisher war die Kodierqualität in der Psychiatrie der neuralgische Punkt der Krankenhauswirtschaft. Wegen der Komplexität der Leistungserstellung muss hier angesetzt werden, um nicht Gefahr zu laufen, dass tatsächlich erbrachte Leistungen nicht oder nur teilweise vergütet werden, erklärte Wolff-Menzler.

In vielen universitären Psychiatrieeinrichtungen werden bereits leitliniengestützte spezifische „Therapiesettings“, „Therapieschemata“, „Behandlungsstandards“ und „klinische Behandlungspfade“ eingesetzt. Daraus lassen sich OPS-relevante Leistungen isolieren. Falls dies IT-gestützt erfolgt, ist eine umfassende Leistungsdokumentation relativ einfach. Die Qualität der erfassten und übermittelten Daten ist entscheidend für den neuen Entgeltkatalog Psychiatrie.

Unverzichtbar ist eine systematische und ausreichende Schulung des OPS-Projektteams, der Kodierer und der Leistungscontroller.

Das neue Entgeltsystem, die Anschaffung und Erweiterung von komplexen IT-Verfahren und die interne Bestellung von Controllern und Kodierern binden zusätzlich personelle Ressourcen, verursachen erhebliche zusätzliche Kosten, die im Klinikbudget gedeckt werden müssen. Dies sollte allerdings nicht zu weniger Patientenkontakten und Einbußen bei der Behandlungsqualität führen. Auch sollten Ängste und Abwehrhaltungen der Mitarbeiter ausgeschaltet werden.

Beispiel Göttingen: IT-Netze und -Strukturen

Die Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Göttingen definierte folgende Schwerpunkte/Ziele bei einem erweiterten Einsatz von IT-Netzen und -Strukturen:

  • Haupt- und Nebendiagnosen werden direkt in das Krankenhausinformationssystem SAP eingetragen (SAP-ISH-Schnittstelle).
  • Die OPS-SAP-Eintragung übernimmt das Modul ID-Diacos-Spezial Psychiatrie seit dem 1. Juli 2010.
  • Die Leistungserfassung orientiert sich an den vorhandenen Therapieplänen und leitet die Leistungsdaten des Routinebetriebs direkt in die Software ab.
  • Neben der Leistungserfassung sollte aus der Software heraus die gesamte Terminverwaltung abgebildet werden.
  • Die erbrachten Leistungen sollen bereits bei einem Zeitbedarf von idealerweise fünf Minuten dokumentiert werden. Eine möglichst „feingranulare“ Leistungs-/Aufwandserfassung erfordert zwar einen zusätzlichen Dokumentationsaufwand. Dieser konnte aber in Göttingen erheblich minimiert werden, nachdem die Software optimiert wurde, die technischen Lösungen weiter verbessert und die Arbeitsabläufe verschlankt wurden.
  • Mit Hilfe eines hohen koordinativen Aufwands ist es gelungen, das Leistungsspektrum vor Ort zu berücksichtigen. Wolff-Menzler empfiehlt, die IT-Dokumentation so zu verfeinern, dass sie eine hohe Prüfsicherheit auch gegenüber Externen gewährleistet. Handlungsmaxime für die Klinikleitung ist die Anwendung einer ausgereiften, flexiblen IT-Software und Updates. Ausreichende Freitextmöglichkeiten erlauben die Einbeziehung individueller Therapie- und Krankheitsverlaufsbeschreibungen.

Eine feingranulare Leistungserfassung hat beim Pilotversuch in Göttingen zu folgenden Verbesserungen und Erfolgen geführt:

  • Möglichkeit zur detaillierten Beschreibung von Behandlungsprozessen
  • Identifikation von Patientenströmen, mit der Möglichkeit, das Case-Management zu verbessern
  • Unterstützung der Kalkulation von spezifischen Behandlungspfaden
  • Erleichterung einer Schwerpunktbildung
  • Kalkulation und Erfassung von Personalreserven
  • wachsende Mitarbeiterakzeptanz

Der Anpassungsdruck wächst kurzfristig

Fazit: Kurzfristig wächst der Anpassungsdruck infolge des geplanten Entgeltsystems im Bereich der Einrichtungen und Krankenhäuser für Psychiatrie und Psychotherapie spürbar. Unverzichtbar sind eine umfassende IT-gestützte Kodierung und eine zielgerechte Weiterentwicklung des Controllings in der „sprechenden Medizin“.

Die direkte Erlösrelevanz der kompletten Leistungserfassung und -dokumentation und damit der internen wie überbetrieblichen Transparenz und Vergleichbarkeit führen zu einem Paradigmenwechsel in der klinischen Kodierpraxis in einem Sektor, in welchem die Leistungserfassung bisher kaum Entgeltrelevanz hatte.

Dr. rer. pol. Harald Clade

Beispiel für eine Leistungsdokumentation
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