ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2012Von schräg unten: Bücherregal

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Bücherregal

Dtsch Arztebl 2012; 109(20): [76]

Böhmeke, Thomas

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Sag mir, was du isst, wer deine Freunde sind, welche Tabletten du einwirfst, und ich sage dir, wer du bist. So die allgemeine Empfehlung zur differenzierten Ergründung facettenreicher Persönlichkeiten. Dabei entstehen, weil das Abgefragte so fragmentarisch ist wie eine Trümmerfraktur, natürlich nur fahrlässige Fehldiagnosen. Sehr viel präziser ist der Blick in das Bücherregal, das zuverlässig Auskunft gibt über die geistige Bandbreite des Eigners und seinen mentalen Mastbetrieb. Dem Betrachter müssen feingeistige Elaborate vor Augen geführt werden, die dermaßen intellektuell daherkommen, dass sie sowohl Respekt einflößen als auch Nachfragen verbieten. Hier meine ich explizit das Bücherregal, welches sich hinter unseren weißen Kitteln auftürmt. Damit bei einer kurzen Unterbrechung, beispielsweise einer Absence durch eingehende Telefonate, der Patient Gelegenheit hat, sowohl unsere Vielsprachigkeit als auch Vielseitigkeit zu bewundern.

Zuerst wird ein ziemlich betagter, dafür unberührter Jahrgang des „New England Journal“ platziert, um Weltläufigkeit zu suggerieren. Kontrapunktisch gesellt sich Reich-Ranickis deutschsprachiger Literaturkanon dazu, gefolgt von meiner Doktorarbeit. Als niedergelassener Arzt darf man schließlich ein bisschen Mut aufbringen. Daneben platziere ich die aktuellen Meldungen aus dem Reich der Pharmaindustrie, die sich lieber mit Potenzmitteln beschäftigt als mit der Synthese neuer Antibiotika. Passend dazu habe ich „Das Schweigen der Lämmer“ von Thomas Harris ausgewählt. Die aktuellen Meldungen über die Kosten der Bürokratie in der Medizin, mittlerweile auf ein Viertel der Gesamtausgaben angestiegen, paaren sich gerne mit Niccolò Machiavellis „Der Fürst“. Oder sollte ich doch zu Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ greifen? Ich kann mich nicht entscheiden. Einfacher ist es mit dem Kompendium der aktuellen Leitlinien mit all ihren Therapievorschriften, das unbedingt neben den Jahresbilanzen der pharmazeutischen Industrie stehen möchte. Die aktuelle PRISCUS-Liste passt hier überhaupt nicht und verschwindet in der Ablage P. Zahlreiche bunte Werbebroschüren für Anti-Aging-Präparate, vulgo Konservierungsmittel, fühlen sich neben „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ von Fritz Wöss gut aufgehoben.

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Tja, und dann sind da noch die Ordner mit meinen vielen Abrechnungsbescheiden. Und die Erläuterungen ebendieser. Und meine schriftlich festgehaltenen Tränen zum Honorarverlust. Und meine Einsprüche. Und die Ablehnungen der Einsprüche. Ja, in diesen Schriftbergen finde ich mich wieder, damit habe ich mein Hirn abgerieben, meine Gedankenkraft erschöpft. Das soll auch jeder sehen können. Aber wie meint Dan Ariely? „Denken hilft zwar, nützt aber nichts.“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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