ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2012Sicherheit von Fluorchinolonen: Risiko für eine Netzhautablösung ist kurzfristig erhöht

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Sicherheit von Fluorchinolonen: Risiko für eine Netzhautablösung ist kurzfristig erhöht

Dtsch Arztebl 2012; 109(20): A-1030 / B-887 / C-879

Heinzl, Susanne

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Orale Fluorchinolone zeichnen sich durch ein breites Wirkungsspektrum und eine sehr gute Gewebegängigkeit aus. Immer wieder wird jedoch über unerwünschte Wirkungen am Auge berichtet, wie Hornhautperforationen, optische Neuropathien oder Retinablutungen. In einer kanadischen Fall­kontroll­studie wurde nun untersucht, ob die Behandlung mit Fluorchinolonen das Risiko für eine Netzhautablösung erhöht.

Schon lange ist bekannt, dass Fluorchinolone das Risiko für eine Sehnenruptur erhöhen. Das legte die Vermutung nahe, dass die Antiinfektiva auch auf Bindegewebe im Auge wirken und hierdurch das Risiko für eine Netzhautablösung steigt. Netzhautablösungen gelten als medizinischer Notfall, bei bis zu 40 % der betroffenen Patienten kann es zu einem deutlichen Verlust der Sehfähigkeit kommen. In British Columbia in Kanada wurden alle Patienten, die in den Jahren 2000 bis 2007 einen Augenarzt aufsuchten, in eine Fall­kontroll­studie aufgenommen. In dieser Kohorte von 989 591 Patienten waren 4 384 Fälle von Netzhautablösung aufgetreten, die mit 43 840 als Kontrollen ausgewählten Patienten verglichen wurden. In 445 Fällen hatten die Patienten mit Netzhautablösung ein Fluorchinolon eingenommen. Im Mittel dauerte es nach Beginn der Fluorchinolon-Therapie 4,8 Tage bis zur Netzhautablösung.

Die aktuelle Einnahme von oralen Fluorchinolonen erhöhte damit das Risiko für eine Netzhautablösung signifikant um das 4,5-Fache. Insgesamt war jedoch das Risiko für eine Netzhautablösung durch die aktuelle Einnahme eines Fluorchinolons gering, die absolute Erhöhung des Risikos betrug 4 pro 10 000 Personenjahre, was einer Number needed to harm (NNH) von 2 500 entspricht. Bei Patienten, die vor kurzem oder früher Fluorchinolone verwendet hatten, war das Risiko nicht erhöht.

Verteilung der Fluorchinolone, die von Patienten (n = 445) mit Netzhautablösung eingenommen wurden
Verteilung der Fluorchinolone, die von Patienten (n = 445) mit Netzhautablösung eingenommen wurden
Tabelle
Verteilung der Fluorchinolone, die von Patienten (n = 445) mit Netzhautablösung eingenommen wurden

Fazit: Die aktuelle Einnahme von Fluorchinolonen kann kurzfristig das Risiko für eine Netzhautablösung erhöhen. Dies lässt sich möglicherweise mit der Wirkung dieser Antiinfektiva auf Bindegewebsstrukturen erklären. Weil die Studie jedoch ausschließlich mit Patienten von Augenärzten durchgeführt wurde, kann daraus keine Aussage zum tatsächlichen Risiko abgeleitet werden. Zur genaueren Klärung des tatsächlichen Risikos sind weitere pharmakoepidemiologische Studien erforderlich. Nach Aussage von Prof. Dr. med. Ralf Stahlmann, Berlin, passen die Ergebnisse zum Gesamtbild der Effekte von Chinolonen auf Bindegewebsstrukturen. Auf diese mögliche Nebenwirkung sollte hingewiesen werden. Es wäre aus seiner Sicht sehr wünschenswert, dass man Risikofaktoren besser kennen würde, um Patienten zu identifizieren, die für solche unerwünschten Wirkungen ein erhöhtes Risiko haben.

 Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

Etminan M, et al.: Oral Fluoroquinolones and the risk of retinal detachment. JAMA 2012; 307: 1414–9. MEDLINE

Verteilung der Fluorchinolone, die von Patienten (n = 445) mit Netzhautablösung eingenommen wurden
Verteilung der Fluorchinolone, die von Patienten (n = 445) mit Netzhautablösung eingenommen wurden
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Verteilung der Fluorchinolone, die von Patienten (n = 445) mit Netzhautablösung eingenommen wurden

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