ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2012Medizinische Rehabilitation: Nichts als Sonntagsreden

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Medizinische Rehabilitation: Nichts als Sonntagsreden

Dtsch Arztebl 2012; 109(20): A-993 / B-857 / C-849

Hibbeler, Birgit

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Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

Die Sozialversicherung schwimmt im Geld. Rekordhalterin ist dabei die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung mit einem Überschuss von satten 9,3 Milliarden Euro 2011. Aber auch das Ergebnis der Rentenversicherung kann sich sehen lassen. Sie verzeichnete ein Plus von 4,4 Milliarden Euro. Dass die Finanzlage so gut ist, liegt nicht an einer besonders erfolgreichen Sozial- oder Gesundheitspolitik, sondern schlicht an der guten Konjunktur. Wenn mehr Menschen Arbeit haben, dann steigen auch die Beitragszahlungen.

Wo Geld übrig ist, gibt es immer jemanden, der es haben will. Diejenigen, deren Forderungen man sonst ignoriert, hoffen auf Rückenwind. So ist es auch bei der Rehabilitation. „Eine Milliarde mehr“ – das fordert die Deutsche Gesellschaft für medizinische Rehabilitation, DEGEMED (www.eine-milliarde-mehr.de). Eine gewagte, aber nicht abwegige Forderung, wenn man diese Stichworte dazu nennt: demografischer Wandel, Fachkräftemangel, Rente mit 67, mehr Erwerbsminderungsrenten. Die logische Konsequenz: Die Arbeitnehmer müssen möglichst lange gesund bleiben, um erwerbstätig zu sein. Alles andere gefährdet den Wirtschaftsstandort und führt zu Altersarmut – solche Sätze gehören zum Standardrepertoire von Politikern. Doch nun zeigt sich: Das sind nichts als Sonntagsreden.

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Denn das Ergebnis des „Rentendialogs“ spricht eine andere Sprache. Mehr Geld für Rehabilitationsmaßnahmen wird es erst ab 2017 geben. Dann sollen die Ausgaben für medizinische und berufliche Rehabilitation der Deutschen Rentenversicherung (DRV) – dem größten Kostenträger in diesem Bereich – um 100 Millionen Euro angehoben werden. So sieht es der Entwurf zum „Gesetz zur Anerkennung der Lebensleistung in der Rentenversicherung“ vor, in dem die Rehabilitation im Übrigen eher ein Randthema ist. Das Rehabudget soll künftig nicht mehr nur nach der Entwicklung der Bruttolöhne berechnet werden. Hinzu kommt ein Demografiefaktor. Der Deckel bleibt allerdings.

DEGEMED-Geschäftsführer Christof Lawall, macht keinen Hehl daraus: „Das ist außerordentlich enttäuschend für uns.“ Die Vorschläge von Gewerkschaften, Arbeitgebern und der DRV Bund seien nicht aufgenommen worden. Die Erhöhung des Budgets, das schon 2010 und 2011 ausgeschöpft worden sei, komme zu spät und falle zu niedrig aus. Fraglich ist für Lawall außerdem, wie die Bundesregierung das mit ihrer Demografie-Strategie und der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Einklang bringen will. Das Bundeskabinett soll dem Gesetzentwurf noch im Mai zustimmen.

Etwa vier Milliarden Euro gibt die DRV jedes Jahr für medizinische Rehabilitation aus. Das mag zu wenig sein. Die Blockade der Politik zeigt aber auch: Es ist der Rehabilitationsmedizin bisher nicht gelungen, ihre Bedeutung klarzumachen. Und das liegt auch an ihrer eigenen Schwerfälligkeit. Die stationäre 3-Wochen-Reha im Grünen ist sicher nicht das Erfolgsrezept der Zukunft. Wo sind neue, flexible Konzepte, an denen sich alte Schemata messen müssen? Wie kann man konsequent berufliche und vor allem psychische Problemlagen berücksichtigen? Was trägt zur funktionierenden Vernetzung mit Betriebsärzten, Akutkrankenhäusern und Hausärzten bei? Erprobte Modelle zu all diesen Fragen gibt es längst. Diese müssen endlich umgesetzt werden, wenn man es ernst meint mit dem Motto „Reha vor Rente“.

Dr. med. Birgit Hibbeler
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

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