ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2012DDR-Geschichte: Familientreffen der Aufarbeiter

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DDR-Geschichte: Familientreffen der Aufarbeiter

Dtsch Arztebl 2012; 109(21): A-1086 / B-932 / C-924

Jachertz, Norbert

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Vor 20 Jahren beauftragte der Deutsche Bundestag eine Kommission mit der „Aufarbeitung der SED-Diktatur“. Das Ergebnis, das nach sechs Jahren vorlag, kann sich heute noch sehen lassen. Falls man die 32 Berichtsbände irgendwo findet

Den letzten Anstoß, 1992 die Enquetekommission des Deutschen Bundestages „zur Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ einzurichten, lieferten 1991 das Stasi-Unterlagen-Gesetz oder auch, um das Thema zu personalisieren, der „Fall“ des brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD) und dessen Verbindungen zur Staatssicherheit der DDR. Damals kursierten Forderungen, ein Tribunal einzurichten, das über die SED-Herrschaft und deren Akteure richten sollte, erinnert sich Markus Meckel (SPD), einer der Initiatoren der Enquete. Er hielt ein Tribunal für falsch, weil zu personenbezogen. Zunächst habe man sich die nötigen Kenntnisse über die DDR verschaffen müssen, so Meckel am 8. Mai 2012.

Auf 30 000 Seiten trugen zwei Enquetekommissionen eine unglaubliche Fülle an Fakten über das DDRSystem zusammen. Foto: Stiftung Aufarbeitung
Auf 30 000 Seiten trugen zwei Enquetekommissionen eine unglaubliche Fülle an Fakten über das DDRSystem zusammen. Foto: Stiftung Aufarbeitung
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Die Stiftung Aufarbeitung hatte die Enqueteure zu einem Jubiläumstreffen nach Berlin eingeladen. Eine Art Familienfeier. Bei Meckel mögen auch personelle Rücksichtnahmen eine Rolle gespielt haben, den Enqueteauftrag zu versachlichen. Die Enquetekommission habe jedenfalls den Auftrag gehabt, „nicht Personen, sondern Strukturen zu behandeln“, bestätigt Rita Süßmuth (CDU), seinerzeit Präsidentin des Deutschen Bundestages. Meckel, der 1990 vier Monate lang Außenminister der DDR und bis 2009 SPD-Bundestagsabgeordneter war, sitzt heute dem Rat der Stiftung Aufarbeitung vor, während Rainer Eppelmann, 1990 Verteidigungsminister der DDR und bis 2005 CDU-MdB und zeitweilig Vorsitzender der CDU-Sozialausschüsse, ehrenamtlich deren Vorstand leitet. „Wir wollten lernen für die Zukunft“, begründete Eppelmann die Mühen um die Aufarbeitung.

Auf jeden Fall lässt sich daraus lernen, wie das DDR-System funktionierte. In 32 Bänden, auf insgesamt 30 000 Seiten haben zwei Enquetekommissionen – die erste von 1992 bis 1994, die zweite von 1994 bis 1998 – das Herrschaftssystem der SED untersucht und bei der Gelegenheit auch eine unglaubliche Fülle von Fakten zusammengetragen – ein wahrer Steinbruch des Wissens, der sich heute noch sehen lassen kann, mag die wissenschaftliche Forschung punktuell auch fortgeschritten sein. Der Vorzug der Enquete ist und bleibt die unmittelbare Anschauung, die aus den Aussagen der DDR-erfahrenen Sachverständigen und der Zeitzeugen mit ihren frischen Erinnerungen spricht.

Obwohl das Gesundheitswesen in der DDR allgegenwärtig war und dessen Mängel zur Untergangstimmung in der Endphase des SED-Staates erheblich beitrugen, wird es in den beiden Enqueten geradezu abseitig behandelt: Eine kurze Übersicht, aber fast 400 Seiten Doping, verstreute Informationen unter Politikbereichen wie Frauen, Familien, Jugend, Wissenschaft, ausführlich wiederum die Schilderung der gewaltsamen Erziehung „schwieriger“ Jugendlicher. Dank der Analyse der Machtstrukturen, die im Mittelpunkt der Enqueten steht, lässt sich das Gesundheitswesen besser verstehen. Vor allem die Rolle der Partei, die parallel zu den staatlichen und fachlichen Einrichtungen ihre eigenen Strukturen unterhielt, bis in die Kreise, Betriebe, Polikliniken und wissenschaftlichen Institute hinein.

Dem Interessenten wird die Suche nach den Berichten nicht leicht gemacht. Sie sind nur in großen oder spezialisierten Bibliotheken (wie der der Stiftung Aufarbeitung) einzusehen, obwohl sie doch für eine breite Öffentlichkeit gedacht sind. Die CD, die die Recherche ungemein erleichtern würde, ist vergriffen. Wünschenswert wäre es, das gesamte Werk, einer Anregung von Bundestagspräsident Norbert Lammert folgend, ins Internet zu stellen. Doch das ist „momentan nicht in Planung“, wie die Stiftung Aufarbeitung auf Anfrage mitteilte. Immerhin, die Schlussberichte (nicht aber die aufschlussreichen Materialien) sind als Bundestagsdrucksachen 12/7820 und 13/11000 auf der Website des Bundestages zu finden.

Norbert Jachertz

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