ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2012Ärzte in den Medien: Wie es wirklich ist

SEITE EINS

Ärzte in den Medien: Wie es wirklich ist

Dtsch Arztebl 2012; 109(21): A-1047 / B-903 / C-895

Stüwe, Heinz

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Normalerweise läuft es so: Kurz vor dem Deutschen Ärztetag erscheinen Medienberichte, in denen angebliche Skandale mit Ärzten als Hauptdarstellern enthüllt werden. Dreister Abrechnungsbetrug, unfassbare Behandlungsfehler, überflüssige, aber teure Diagnostik – aus dieser Themenpalette ist alles willkommen. Das Kalkül: Die meisten Medien konzentrieren sich dann in der Berichterstattung über den Ärztetag auf vermeintliche Skandale, und die ärztlichen Anliegen treten in den Hintergrund. Auch in den vergangenen Monaten gab es solche Berichte. Sie hatte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Köhler, vor Augen, als er von „medialem Pranger“ für Ärzte und „Verunglimpfungen fast schon mit System“ sprach.

Aber unmittelbar vor dem 115. Deutschen Ärztetag in Nürnberg war es in dieser Hinsicht relativ ruhig. Ja, es erschienen sogar ausgesprochen arztfreundliche Beiträge in den Medien. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ widmete eine ganze Seite der jungen Arztgeneration und ihren Erwartungen an Beruf und Privatleben. Und das renommierte „Zeit-Magazin“ schilderte den oft bedrückenden Krankenhausalltag aus der Sicht von fünf Ärzten. Das ließ den Spitzenverband der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung nicht ruhen. Parallel zur Eröffnungsveranstaltung des Ärztetags in Nürnberg präsentierte er in Berlin ein Umfrageergebnis. Tenor: Fangprämien, also Zuweisungen gegen Entgelt, sind nicht Ausnahme, sondern gängige Praxis. Ein durchsichtiger Versuch, gegen Ärzte Stimmung zu machen.

Man kann nur hoffen, dass er nicht verfängt. Bisher jedenfalls sind veröffentlichte und öffentliche Meinung nicht deckungsgleich, wie Köhler auf der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung herausstellte. Umfragen belegen: Die Menschen haben Vertrauen zu ihrem Arzt. Und in der Berufsprestige-Skala von Allensbach steht der Arzt nach wie vor an der Spitze, gefolgt von der Krankenschwester. Hoffnung machen gerade auch Medien, die anprangern. So könnten die authentischen Fallbeispiele aus dem „Zeit-Magazin“ (Nr. 21/2012) durchaus aufklärerisch wirken, auch in der Politik. Da ist der Unfallchirurg aus einem gemeinnützigen Krankenhaus, der schildert, wie sich durch Zielleistungsvereinbarungen mit Chef- und Oberärzten zur Verbesserung des Case- Mix die Stimmung in den Konferenzen geändert hat. Zitat: „Es ist ein System, das Ärzten Geld dafür anbietet, dass sie ihre Entscheidungen zugunsten des Betriebsergebnisses auslegen.“ Da ist die Notärztin auf dem Rettungswagen, die lieber verschweigt, dass ihre 85 Jahre alte Schlaganfallpatientin aus einem Heim kommt, um überhaupt ein freies Bett für sie zu finden. Und da ist die sehr geschwächte Patientin, Ende 40, mit Krebs im Endstadium, die nicht in Ruhe sterben darf, bevor sie nicht die für das private Krankenhaus lukrative Strahlentherapie über sich hat ergehen lassen. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr kennt diesen Bericht und hat das Problem verstanden. Unter dem Beifall des Ärztetages kritisierte er in Nürnberg den Druck für die Kliniken, in die Menge zu gehen. Denn die Folgen würden auf dem Rücken der Klinikbeschäftigten und der Patienten ausgetragen. Der FDP-Politiker plädierte für eine „solide Grundfinanzierung“, wie immer die konkret aussehen wird.

Anzeige
Heinz Stüwe, Chefredakteur
Heinz Stüwe, Chefredakteur

Aus dem Alltag Niedergelassener ließe sich das Bild ergänzen: um Beispiele dafür, wie sich Budgetdruck konkret auswirkt. Was es heißt, dass der Arzt die Erwartungen seiner Patienten oft enttäuschen muss, weil ihm die Zeit für ein Gespräch fehlt. Zwei von drei Haus- und Fachärzten sagen, sie hätten nicht ausreichend Zeit für ihre Patienten – und das, obwohl sie im Schnitt mehr als 55 Stunden in der Woche arbeiten. Vielleicht sollten auch die Vertragsärzte häufiger mit Fällen aus dem Praxisalltag argumentieren. Im Interesse der Aufklärung.

Heinz Stüwe
Chefredakteur

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema