ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2012Diabetes mellitus: Gutachten identifiziert Mängel

PHARMA

Diabetes mellitus: Gutachten identifiziert Mängel

Dtsch Arztebl 2012; 109(21): A-1106

Nickolaus, Barbara

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

23 Jahre nach Festlegung der St.-Vincent-Deklaration konnte die Versorgung von Diabetikern in Deutschland zwar punktuell verbessert werden, die meisten Ziele wurden jedoch verfehlt, so eine Erhebung des IGES-Instituts.

Als 1989 die Ziele der St.-Vincent-Deklaration formuliert wurden, war es das politische Anliegen, innerhalb von fünf Jahren die Zahl der Diabetespatienten mit terminaler Niereninsuffizienz mindestens um ein Drittel, die Amputationszahl um 50 Prozent oder die Erblindungsrate um circa 30 Prozent zu vermindern. In den darauffolgenden Jahren stellte man fest, dass die Ziele keineswegs so zügig erreichbar waren, wie ursprünglich angenommen. Stattdessen ist die Diabeteshäufigkeit in der Erwachsenenbevölkerung signifikant gestiegen, bei Frauen auf 9,3 und bei Männern auf 8,2 Prozent.

„Für 2012 sind zwar ein Präventionsgesetz und ein nationaler Aktionsplan Diabetes angestrebt, aber nicht durchgesetzt“, sagte Hans-Holger Bleß bei der Vorstellung des Gutachtens „Diabetes-Versorgung in Deutschland“ vom IGES-Institut in Berlin. Noch immer sei eine ungenügende Datenlage in vielen Bereichen zu bemängeln und erlaube dementsprechend auch keine exakte Planungsgrundlage. Notwendig hierzu wäre eine systematische Analyse und umfassende Bewertung mittels Versorgungs­forschungsstudien und Health Technology Assessment (HTA).

Anzeige

Zahl der Todesfälle durch Nierenversagen steigt weiter

Punktuell lassen sich seit den 1990er Jahren in einigen Bereichen Verbesserungen nachweisen. So wurde das St.-Vincent-Ziel der Reduktion der diabetesbedingten Erblindungen um mehr als ein Drittel erreicht. In Deutschland sei durch das Disease-Management-Programm (DMP) ab 2002 klar geworden, dass die Teilnehmer häufiger (als Nichtteilnehmer) an Augenuntersuchungen teilnähmen.

Auch bei der Nierenfunktionskontrolle (Mikroalbuminurie-Screening) seien DMP-Teilnehmer häufiger einbezogen. In Bezug auf die Niereninsuffizienzrate gebe es zwischen DMP-Teilnehmern und Nichtteilnehmern keine Unterschiede. Insgesamt sei die Zahl der Todesfälle aufgrund von chronischer Niereninsuffizienz steigend (1998 gab es 3,6 Fälle auf 100 000 Einwohner, 2010 sechs Fälle auf 100 000 Einwohner – Zahlenangabe: altersstandardisiert). Nach den St.-Vincent-Zielen ist die Reduktion des terminalen Nierenversagens nicht erreicht.

Die Zahl der Amputationen ist laut Krankenhausstatistik 2006 bis 2010 (untere Extremität/Fuß) unverändert bis leicht ansteigend. Auch hier ist das St.-Vincent-Ziel der Reduktion um wenigstens die Hälfte nicht erreicht. Bleß erläuterte, es sei eine nationale Strategie bei der Diabetesversorgung erforderlich. Dringend bedürfe es der Evaluation der Daten. Ob das DMP-Programm richtig oder falsch sei, ließe sich aus der unklaren Datenlage bisher nicht hinreichend entscheiden.

Dr. med. Jens Kröger (Diabetes-Schwerpunktpraxis und Vorstand Deutsche Diabeteshilfe) erklärte: „Ärzte wollen in Bezug auf Diabetes die Folgeschäden vermeiden, Patienten aber wünschen sich eine gute Lebensqualität.“ An DMP nähmen 50 Prozent der Typ-II-Diabetiker nicht teil, in Schwerpunktpraxen sei der Anteil der Nichtteilnehmer sehr viel geringer. Eindeutig klar sei jedoch: Mit oder ohne DMP sei der Body-mass-Index in der Gesamtbevölkerung gestiegen, und der Insulinverbrauch bei Diabetikern habe sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Wesentlich, sagte Kröger, sei in erster Linie eine dauerhafte Lebensstilveränderung (Ernährungsumstellung, Sport, Bewegungserhöhung, eventuell Verhaltenstherapie), die Freude und Erfolgserlebnisse vermittele. Ein oder zwei Beratungen allein seien völlig unzureichend. Kröger forderte, die Kinder von Diabetikerinnen auf Diabetes zu screenen und immer wieder zu beraten. Dies sei echte Primärprävention und Früherkennung. Er begrüßte, dass seit März 2012 alle Schwangeren auf Gestationsdiabetes gescreent werden, was in der Mutterschutzrichtlinie verankert sei.

Universitäre Ausbildung gilt als völlig unzureichend

Aus Sicht des Bundesverbandes der niedergelassenen Diabetologen erklärte Dr. med. Eva-Maria Fach, mittels DMP hätten sich erste punktuelle Verbesserungen in der Diabetesversorgung in Bezug auf die St.-Vincent-Deklaration gezeigt. Die Früh- und Primärprävention bedürften noch großer Anstrengungen. Sie sprach sich für einen Nationalen Diabetesplan aus, der im Entwurf vorliege, aber Probleme in der Umsetzung habe, ebenso für ein Diabetesregister.

Die universitäre Ausbildung zu Diabetes mit 1,5 Stunden sei völlig unzureichend, es bedürfe vermehrter Lehrstühle für Forschungsprojekte. Die Versorgungsforschung müsse intensiviert werden. Die flächendeckende Verteilung von angestrebt 1 200 Schwerpunktpraxen Diabetes bundesweit müsse auch zum Beispiel in unterversorgten Bundesländern wie Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern erhöht werden.

Dr. phil. Barbara Nickolaus

Presseveranstaltung: „Diabetes-Versorgung in Deutschland: Anspruch und Wirklichkeit im 21. Jahrhundert“, Veranstalter: Novo-Nordisk-Pharma

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema