ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2012Schach: Schachgöttin Caissa – meine Geliebte!

SCHLUSSPUNKT

Schach: Schachgöttin Caissa – meine Geliebte!

Dtsch Arztebl 2012; 109(21): [92]

Pfleger, Helmut

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Die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur meine Geliebte. Wenn mir die eine auf die Nerven fällt, nächtige ich bei der anderen. Das ist meinetwegen unanständig, aber dafür nicht langweilig. Und darum verlieren auch beide nicht durch meinen Treuebruch. Hätte ich nicht meine Medizin, so würde ich in meinen Mußestunden meine überflüssigen Gedanken wohl kaum der Literatur widmen.“

So ähnlich wie Anton Tschechow empfanden dieses Spannungsverhältnis wohl manche Dichterärzte, von Gottfried Benn über Alfred Döblin und etliche andere bis hin zu Arthur Schnitzler.

Doch wie schaut es bei Schach spielenden Ärzten aus? Natürlich genauso. Ersetzen Sie bei Tschechow die Literatur durch die Schachgöttin Caissa und das Schachspiel, und schon schnuppern Sie am Geist, der beim 20. Ärzteturnier Ende April den Kursaal von Bad Neuenahr durchzog.

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Noch ein Beispiel gefällig?

„Ich brauchte nur die Platte, auf der die Schreibmaschine befestigt war, hochzuziehen, und schon konnte ich anfangen. Ich arbeitete mit höchster Geschwindigkeit. Kam, während ich gerade mitten in einem Satz war, ein Patient herein – schwupp, war die Maschine versenkt, und ich war wieder Arzt. Kaum war der Patient gegangen, tauchte wieder die Maschine auf.“

Bei dieser Schilderung von William Carlos Williams ist entsprechend die Schreibmaschine durch das Schachbrett in der Schublade des Schreibtischs zu ersetzen. Voilà – so einfach ist das mit diesen sich gegenseitig befruchtenden Welten!

Nun könnten Sie auf die Idee kommen, dass zumindest beim Ärzteschachturnier die alltägliche Medizin mit ihren Freuden und Leiden weitgehend außen vor war. Auch nicht immer und überall. So erleidet ein Kollege (erstmals in der Geschichte der Ärzteturniere) einen durchaus bedrohlich wirkenden Kreislaufkollaps mit wechselnden Tachyarrhythmien, doch Gott sei Dank ist der Kardiologe Dr. med. Patrick Stiller sofort da, lässt seine Partie verschieben und leistet bis zum Eintreffen der Notärzte Erste Hilfe. Nicht nur der Kollege schaut abends im Krankenhaus wieder wie das blühende Leben aus, auch Dr. Stiller wird mit einem Partiegewinn belohnt.

Doch als er in der achten und vorletzten Runde gegen Dr. med. Peter Weber, zwar nicht gewichtsmäßig, aber schachlich ein Schwergewicht, antreten musste, war er ausnahmsweise auf der erleidenden Seite.

Man sieht auf den ersten Blick, dass Dr. Weber als Weißer am Zug eine leckere Stellung sein Eigen nennt. Aber dass es gleich ein Matt in zwei Zügen würde, verwundert vielleicht doch. Wie kam’s?

Lösung:

Nach dem Turmopfer 1. Tg8+! verschmähte Dr. Stiller diese vergiftete Gabe, weil es nach 1. . . . Kxg8 2. Df8 matt aus gewesen wäre. Doch auch die Königsflucht an den Rand sollte nicht weiterhelfen: 1. . . . Kh6 2. Lf8 matt. Diagnose: unheilvoll eingeklemmter König!

Zur „Strafe“ für dieses brutale, wenn auch zugegebenermaßen schöne Ende musste sich Dr. Weber am Schluss bei gleicher Punktzahl (7,5 Punkte aus neun Partien) wie Dr. Stiller nach der sogenannten Buchholtz-Wertung mit dem zweiten Platz hinter diesem als Turniersieger begnügen – allerdings soll es sich damit auch gut schlafen lassen.

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