ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2012Praxisführung: Andere Länder, andere Gesten

STATUS

Praxisführung: Andere Länder, andere Gesten

Dtsch Arztebl 2012; 109(21): A-1111 / B-955 / C-947

Kutscher, Patric P.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Fotolia/FotolEdhar
Foto: Fotolia/FotolEdhar

Körpersprachliche Fallen im Gespräch mit ausländischen Patienten

Wir können nicht nicht kommunizieren – das geflügelte Wort des Kommunikationspsychologen Paul Watzlawick verweist auf die Tatsache, dass wir zu nur sieben Prozent über den Inhalt des gesprochenen Wortes wirken, die Stimme macht immerhin 38 Prozent aus. Zu 55 Prozent jedoch entscheidet die Körpersprache über unsere Wirkung auf andere Menschen.

Anzeige

Die Zahlen gehen auf Untersuchungen des Psychologen Albert Mehrabian zurück. Der Forscher zog daraus den Schluss, dass Sympathie und Antipathie vor allem über die Körpersprache entstehen. Auch wenn die genaue prozentuale Verteilung strittig ist: Die Bedeutung der Körpersprache für das Gelingen und Misslingen der menschlichen Kommunikation wird von niemandem in Abrede gestellt.

Die meisten Ärztinnen und Ärzte verlassen sich im Patientengespräch hingegen auf ihre verbalen Fertigkeiten. So sind Missverständnisse programmiert. Wenn der Mund Ja sagt, der Körper aber widerspricht und Nein signalisiert, wenn also verbale und nonverbale Signale nicht übereinstimmen, kann kein Vertrauen zwischen Patient und Arzt entstehen.

Was sich schon in der Kommunikation mit dem deutschsprachigen Patienten als schwierig herausstellt, droht sich im Gespräch mit dem ausländischen Patienten zu einem Quell tiefgreifender Missverständnisse zu entwickeln. Denn dann genügt es nicht, die eigene Körpersprache im Zaum zu halten, um keine ungewollten Signale auszusenden. Selbst die genaue Beobachtung und Interpretation der nonverbalen Signale des Patienten hilft nur bedingt weiter. „Hinzu kommen muss das Wissen um die spezifische Bedeutung körpersprachlicher Zeichen, die von Kultur zu Kultur anders ausgeprägt ist“, sagt Dr. med. Ingo Schmehl, Direktor der Klinik für Neurologie am Unfallkrankenhaus Berlin.

Eine Geste bedeutet nicht in jedem Land dasselbe. Wenn der Arzt zum Beispiel mit dem Daumen nach oben zeigt, um den Patienten für sein aus medizinischer Sicht vorbildliches Verhalten zu loben, wird der Japaner nur „Bahnhof verstehen“ – denn der „Daumen nach oben“ bedeutet dort die Zahl „fünf“. Und der nigerianische Patient wird die Geste gar als Beleidigung auffassen.

Zwei Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, sich mit der unterschiedlichen Bedeutung körpersprachlicher Signale zu beschäftigen. Die asiatischen Eltern suchen den Arzt mit ihrem kranken Kind auf. Der Arzt streichelt dem Kind über den Kopf. Diese aus Sicht des Arztes wertschätzende Geste, die auch dazu dienen soll, Vertrauen zu dem kleinen Patienten aufzubauen, wird von den Eltern mit einem bitterbösen Blick quittiert. Im asiatischen Kulturraum gilt das Kopfstreicheln als Tabu, weil nach dem buddhistischen Glauben Geist und Seele im Kopf leben. Die Eltern des asiatischen Kindes haben die ganz konkrete Angst und Befürchtung, durch die ärztliche Berührung des Kopfes könnten Geist und Seele des Kindes in Mitleidenschaft gezogen werden.

Das zweite Beispiel betrifft die Kopfbewegungen, mit denen wir ein Ja oder Nein zum Ausdruck bringen. Wenn der Arzt den Patienten fragt, ob er seine Ausführungen zur Krankheitstherapie verstanden habe, bedeutet das nur anscheinend bestätigende Kopfnicken des indischen, pakistanischen oder bulgarischen Patienten genau das Gegenteil. Das Seitwärtsschütteln des Kopfes hingegen signalisiert Zustimmung. Und in Griechenland oder der Türkei sowie im arabischen Kulturraum drücken die Menschen ihre Verneinung aus, indem sie den Kopf zurückwerfen.

Selbst wenn der Arzt mit einem indischen Patienten zu tun hat, der die körpersprachlichen Signale des deutschen Gesprächspartners kennt und dem bekannt ist, dass er sein Ja mit einem Kopfnicken zum Ausdruck bringen sollte, kann er sich nicht darauf verlassen. Schmehl: „Der Arztbesuch stellt für viele Patienten einen Stressfaktor dar, zumal wenn sie die deutsche Sprache zwar gut verstehen, sie jedoch nur schlecht sprechen. In dieser Situation kann es passieren, dass der indische Patient wider besseres Wissen mit dem Kopf nickt, obgleich er es verneinen will, dass er den ärztlichen Ausführungen folgen konnte.“

Natürlich können der Arzt und seine Mitarbeiter nicht die Bedeutung aller körpersprachlichen Signale aus allen möglichen Kulturkreisen lernen. Allerdings, meint Schmehl: „Wenn ein Praxisteam weiß, dass es von überdurchschnittlich vielen Patienten aus einem bestimmten Kulturkreis frequentiert wird, lohnt es sich, sich mit der Bedeutung zumindest der elementaren gestischen und mimischen Signale auseinanderzusetzen. So lassen sich Missverständnisse vermeiden.“

Es ist nicht zwingend notwendig, ein Seminar zu besuchen, in dem Arzt und Mitarbeiter mit den kulturspezifischen Eigenheiten vertraut gemacht werden. Eventuell genügt eine kultur-sensible Einstellung, die sich die Unterschiedlichkeit zwischen den Kulturen bewusst macht. Überdies kann das Team die Körpersprache der ausländischen Patienten beobachten und nachfragen, was genau das – zum Beispiel – Kopfnicken bedeutet.

Patric P. Kutscher
MasterClass Education, Zellertal

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.