ArchivDeutsches Ärzteblatt22-23/2012Interview mit Peter W. Carmel M.D., Präsident der American Medical Association: Blick über die Grenzen

POLITIK: Das Interview

Interview mit Peter W. Carmel M.D., Präsident der American Medical Association: Blick über die Grenzen

Dtsch Arztebl 2012; 109(22-23): A-1131 / B-973 / C-965

Korzilius, Heike; Osterloh, Falk

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Nach fast 30 Jahren in der Berufspolitik steht Peter W. Carmel seit Juni 2011 an der Spitze der American Medical Association. Ansonsten leitet er an der Medizinischen Fakultät der Universität New Jersey die Abteilung für Neurochirurgie. Carmel lebt in Manhattan.
Nach fast 30 Jahren in der Berufspolitik steht Peter W. Carmel seit Juni 2011 an der Spitze der American Medical Association. Ansonsten leitet er an der Medizinischen Fakultät der Universität New Jersey die Abteilung für Neurochirurgie. Carmel lebt in Manhattan.

Der New Yorker Neurochirurg über die Beliebtheit von Barack Obamas Gesundheitsreform und was man von Deutschen Ärztetagen lernen kann

Herr Dr. Carmel, Sie haben bereits zum zweiten Mal einen Deutschen Ärztetag besucht. Was interessiert Sie besonders?

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Carmel: Das deutsche Gesundheitswesen interessiert uns in den USA sehr. Es ist immerhin das größte und erfolgreichste System in Europa. Interessant fand ich die Debatte darüber, ob dieser Erfolg von einer möglichst großen Zahl an Allgemeinärzten abhängt, die die Grundversorgung sicherstellen. Im Plenum wurde gesagt, dass sich nur 15 Prozent der Ärztinnen und Ärzte für die Allgemeinmedizin entscheiden, und es wurde die Frage gestellt, ob diese Zahlen gesteigert werden müssen.

Allerdings muss man einräumen, dass es keine validen Daten über das ideale Verhältnis zwischen Primärversorgern und Spezialisten gibt. Das hängt immer vom Land, von der finanziellen Ausstattung des Gesundheitssystems und den Wünschen der Bevölkerung ab.

Wenn Sie das deutsche und das US-amerikanische Gesundheitssystem vergleichen, welche Vor- und Nachteile sehen Sie?

Carmel: Das größte Problem des amerikanischen Gesundheitswesens sind die Kosten. Wir geben inzwischen etwa 19 Prozent unseres Bruttosozialprodukts für die Gesundheitsversorgung aus. Das kann so nicht weitergehen. Die beiden staatlichen Programme Medicare für Ältere und Medicaid für sozial Schwache sind unterfinanziert. Medicaid zahlt so schlecht, dass sich kaum noch Ärzte finden, die Patienten aus diesem Programm behandeln. Das Problem des Kran­ken­ver­siche­rungsschutzes haben sie in Deutschland besser gelöst.

Dagegen haben sowohl Deutschland als auch die USA Schwierigkeiten, genügend Ärzte zu motivieren, auf dem Land zu arbeiten. Ein wirksames Rezept haben wir noch nicht gefunden.

Sie haben den fehlenden Kran­ken­ver­siche­rungsschutz für viele Amerikaner erwähnt. Ist die Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama ein richtiger Schritt zur Lösung dieses Problems?

Carmel: In den USA leben zurzeit mehr als 50 Millionen Menschen, die nicht krankenversichert sind. Das Reformgesetz von Präsident Obama wird dafür sorgen, dass von diesen Menschen 32,5 Millionen künftig versichert sind. Das ist ein großer Schritt vorwärts.

Wenn man die Zeitungen liest, könnte man den Eindruck gewinnen, die Reform sei extrem unpopulär. Aber das stimmt nicht. Die Bevölkerung will den universellen Kran­ken­ver­siche­rungsschutz, und die Ärzte wollen das auch. Jeder Amerikaner sollte Zugang zur Gesundheitsversorgung haben.

Ist das auch die Position der American Medical Association?

Carmel: Wir sprechen uns klar für eine Versicherungspflicht für alle aus. Menschen, die sich keine Kran­ken­ver­siche­rung leisten können, muss der Staat unterstützen. Wenn der Oberste Gerichtshof Ende Juni entscheidet, dass die universelle Versicherungspflicht, wie sie Obamas Reform vorsieht, gegen die Verfassung verstößt, wird das die Gesundheitsversorgung in den USA in eine ihrer größten Krisen stürzen.

Was nehmen Sie denn vom Ärztetag mit nach Hause?

Carmel: Ich fand es schon im letzten Jahr in Kiel beeindruckend, wie sich die deutschen Ärzte für die Freiberuflichkeit einsetzen und für ihre Selbstständigkeit in eigener Praxis kämpfen. Das ist nicht das, was Amerikaner mit dem deutschen Gesundheitswesen verbinden. Das gängige Vorurteil gegenüber den Sozialsystemen in Europa ist, dass es sich um monolithische Blöcke handelt, die staatlich kontrolliert werden. Das Gespräch mit Ärzteorganisationen in anderen Ländern öffnet einem die Augen.

Das Gespräch führten Heike Korzilius
und Falk Osterloh.

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