SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Lehre

Dtsch Arztebl 2012; 109(22-23): [72]

Böhmeke, Thomas

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Unsere Berufung hat viele Zierden, nicht nur die empathische Begleitung notleidender Menschen zurück zum Glück der Gesundheit, nein, auch die Weitergabe unseres unschätzbar wertvollen Wissens an hoffnungsvolle Adepten gehört dazu, genau wie das Skalpell zum Abszess oder der Zeigefinger zur Prostatadiagnostik. Ich habe mich heute einer ganz besonderen Herausforderung der medizinischen Lehre gestellt: Ich versuche, meinen frechen Neffen, die wie so viele andere Jugendliche durch die moderne Technik in einen selbst verschuldeten Autismus abdriften, die faszinierenden Facetten der medizinischen Welt zu eröffnen.

„Onkel Thomas, was fällt dir ein, wir sind im fünften Level, das geht gar nicht!“ Ruhe! Ich nehme euch jetzt mit in die reale Welt, wir gehen einfach mal in die Stadt, und ich werde euch lehren, was ein geschultes Auge erkennen kann, wenn es einen Blick auf die Menschen statt auf den Bildschirm wirft! „Ja, wirf du mal, du Blindschleiche.“ Mosernd folgen sie mir nach draußen. Da! Auf der rechten Spur steht ein Fahrzeug, der Fahrer hat regungslos den Kopf gesenkt! Ein kardialer Notfall? Gar eine Subarachnoidalblutung? Wir müssen helfen! „Ach, Onkel Thomas, das ist doch Blödsinn. Dem sein Navi hat keinen Empfang.“ Wir gehen weiter. Dort! Ein junger Mann steht zuckend an der Bushaltestelle, wirft die Arme unkontrolliert um sich. Leidet er an einer Friedreich-Ataxie? Oder liegt eine hypoglyk-ämische Agitiertheit vor? „Nee, nee, Onkel Thomas. Der hat einen Knopf im Ohr und hört Heavy Metal.“ Guckt mal, da, das junge Mädchen! Ganz regungslos sitzt es dort, in sich gekauert, starrt vor sich hin. Es scheint nichts von seiner Umgebung wahrzunehmen. Ein ketoazidotisches, gar hepatisches Koma? Ein postiktaler Dämmerungszustand? „Quatsch, die ruft ihre Simse ab.“ Aber hier! Ein junger Mann läuft gestikulierend durch die Straße und beschimpft vorbeikommende Patienten. Ein Tourette-Syndrom? „Ach was. Dem sein Handy hat ’n Bluetooth Headset, der ist am Telefonieren.“

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Mir reicht’s, den Neffen auch. „Siehst du, Onkel Thomas, für alle deine Fehldiagnosen gibt es eine technische Lösung!“ Das mag sein. Trotzdem, wenn diese Menschen dem Genuss modernster Technologie frönen, warum sehen sie alle so hilfsbedürftig aus?

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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