MEDIZIN: Originalarbeit

Septische und aseptische Komplikationen in Verbindung mit Kortikoid-Injektionen

Eine Auswertung von 278 einschlägigen Fällen der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Jahre 2005–2009

Septic and aseptic complications of corticosteroid injections: an assessment of 278 cases reviewed by expert commissions and mediation boards from 2005 to 2009

Dtsch Arztebl Int 2012; 109(24): 425-30; DOI: 10.3238/arztebl.2012.0425

Holland, Christian; Jaeger, Lothar; Smentkowski, Ulrich; Weber, Beate; Otto, Christina

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Hintergrund: Lokale Kortikoid-Injektionen können schwere septische und aseptische Komplikationen zur Folge haben.

Methode: Im Zeitraum 2005–2009 überprüften ärztliche Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen 1 528 Verfahren wegen vermeintlicher Behandlungsfehler nach einer Injektion.

Ergebnisse: Es wurden 278 Fälle identifiziert, in denen Komplikationen nach Injektion von Glukokortikoiden auftraten. Bei den Injektionen handelte sich um intraartikuläre, wirbelsäulennahe, intramuskuläre und andere lokale Injektionen. In 39,6 Prozent der Fälle wurden folgende Behandlungs- und/oder Aufklärungsfehler festgestellt: Die Asepsis wurde nicht eingehalten, die Indikation fehlte, die Injektionen erfolgten in zu dichter Folge und zu hoher Dosierung, Infektionen wurden verkannt, Fehlinjektionen wurden verabreicht, die Risikoaufklärung fehlte und es gab Organisations- und Dokumentationsfehler.

Schlussfolgerung: Die Injektion von Glukokortikoiden muss streng den Angaben der Hersteller zur Galenik, zu den Mengen pro Injektion und den Injektionsintervallen folgen. Injektionen in zu kurzen Abständen erhöhen das Infektionsrisiko. Dies ist auch bei der Indikation wirbelsäulennaher Injektionen strenger als bisher zu beachten. An die Asepsis sind hohe Anforderungen zu stellen. Die Indikation muss sich aus der ärztlichen Dokumentation nachvollziehen lassen. Bei Infiltrationen und Injektionen in kleine Gelenke und Sehnenfächer ist die Applikation von Kristallen ins Unterhaut- und Fettgewebe zu vermeiden. Die intramuskuläre Gabe von Depot-Glukokortikoiden sollte vermieden werden. Über die möglichen Komplikationen einer Infektion und/oder einer Gewebeatrophie ist der Patient ebenso aufzuklären wie über mögliche Behandlungsalternativen.

Parenteral applizierbare Kortikoide werden als systemische (intravenös/intramuskulär) und als lokale (intraartikulär/als Infiltration) Therapie eingesetzt. Handelsüblich stehen sie in wässrigen Lösungen oder als Kristallsuspension zur Verfügung. Diesen Darreichungsformen wird eine längere Wirkungsdauer (Depotwirkung) zugeschrieben.

Seit Beginn der lokalen Anwendung durch Injektion sind auch Komplikationen bekannt wie etwa Gelenkempyeme (1, e1) und Abszessbildungen. Diese Komplikationen sind nicht selten mit einer Sepsis verbunden und enden gelegentlich tödlich. Im Bereich der Wirbelsäule können auch Lähmungen bis zur Querschnittsymptomatik auftreten.

Aseptische Gewebeschäden ohne Infektion als Folge oder in Begleitung von Kortikoid-Injektionen haben am Weichteilmantel ein unterschiedliches Ausmaß. Es reicht von einer leichten Hautabblassung mit dellenförmiger Verringerung des darunter liegenden subkutanen Fettgewebes bis zu ausgedehnten Nekrosen umfangreicher Weichteilgewebeschichten.

Den Infektionen und den aseptischen Gewebeatrophien gilt der vorliegende Beitrag. Fälle von Knochennekrosen nach intramuskulären und intraartikulären Injektionen (2, 3, e2, e3) sind nicht berücksichtigt. Unerwähnt bleiben zudem die gleichfalls seit vielen Jahren bekannten Sehnenrisse (4, e4) nach einer Infiltration mit Kortikoiden, systemische Nebenwirkungen (5), eine mögliche sekundäre Nebenniereninsuffizienz als sehr seltene Folge (6) sowie das mit der Injektion mitunter verbundene Tachon-Syndrom (7).

Methode

Im Begutachtungszeitraum 2005–2009 wurden bundesweit von den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Lan­des­ärz­te­kam­mern (nachfolgend kurz: Gütestellen) insgesamt 36 575 Fälle medizinisch-rechtlich begutachtet (Tabelle 1). 1 528 Verfahren bezogen sich auf Komplikationen nach Injektionen. Davon waren 278 bekannt gewordene lokale Kortikoid-Injektionen. Unter diesen Fällen gingen 223 mit einer Infektion und 55 mit einem aseptischen Gewebeschaden einher.

Lokale Kortikoid-Injektionen mit nachfolgender Infektion oder Gewebeatrophie in den bundesweit abgeschlossenen Begutachtungen der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen (MERS) der Jahre 2005–2009
Tabelle 1
Lokale Kortikoid-Injektionen mit nachfolgender Infektion oder Gewebeatrophie in den bundesweit abgeschlossenen Begutachtungen der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen (MERS) der Jahre 2005–2009

Die Gütestellen führen die Ergebnisse ihrer Begutachtungen nach bundesweit einheitlichen Kriterien in der Datenbank MERS (Medical Error Reporting System) zusammen. Auch wenn dieses selektive Datenmaterial keine Hochrechnung auf die Gesamtzahl einschlägiger Injektionszwischenfälle erlaubt, gibt es durchaus Aufschluss über die Art derartiger nicht seltener Komplikationen sowie über vermeidbare Behandlungsfehler.

In der Literatur suchten die Autoren unter den Stichworten „Cortison“, „Injektion“ und „Infektion“ auch nach Angaben über die Häufigkeit der Komplikationen. Zwangsläufig gelangten dabei weitere Informationen über die Wirksamkeit einzelner Behandlungsverfahren zur Kenntnis.

Behandlungsfehlervorwürfe

Die in den Begutachtungsverfahren erhobenen Beanstandungen der Patienten betrafen folgende Vorwürfe:

  • unzureichende Diagnostik vor der Injektion
  • fehlerhafte Injektion (besonders: unzureichende Asepsis)
  • Verwendung eines falschen Medikamentes
  • Übertherapie
  • unterlassene Risikoaufklärung über mögliche Komplikationen und nichtinvasive alternative Behandlungen
  • zu spätes Erkennen einer nach der Injektion eingetretenen Infektion.

Falldarstellungen

Fall 1: Multiple Abszesse durch WS-nahe Injektionen

Eine 74 Jahre alte Frau suchte eine Neurochirurgische Gemeinschaftspraxis auf wegen „Rückenschmerzen mit Ausstrahlung in die Rückseite der Beine und Krämpfe in den Füssen“. Weitere Angaben zur Anamnese sind nicht dokumentiert. Es wurde ein neun Jahre altes Computertomogramm der Lendenwirbelsäule (LWS) befundet mit „ausgeprägten Wirbelgelenkveränderungen“.

Zunächst erfolgten innerhalb von vier Tagen drei „Sacrale Blockaden“. Fünf Wochen später wurden wegen „erneuter Schmerzen der LWS“ innerhalb von acht Tagen vier Injektionen paravertebral, als „Blockaden L3–S1“ bezeichnet, verabreicht.

Im gesamten Behandlungszeitraum ist nur ein einziger klinischer Befund dokumentiert: „LWS steil, fixiert, keine Paresen, MER rechts = links, Sens. o. B.“ (MER, Muskeleigenreflexe; Sens., Sensibilität).

Die Injektionen schlossen immer ein Lokalanaesthetikum und ein Kortikoid ein. Dabei konnten die Ärzte zum einen die verwendete Menge nicht präzise angeben (wahrscheinlich insgesamt 240 mg Triamcinolon) und zum anderen die Frage, ob ein Kanülenwechsel bei Seitenwechsel der paravertebralen Injektionen vorgenommen wurde, nicht beantworten. Eine Formularaufklärung ist belegt.

Zwei Tage nach der letzten Injektion erfolgte eine Notfallaufnahme. Während der anschließenden vierwöchigen stationären Behandlung wurde die Patientin dreimal operiert wegen Abszessen in der WS-Muskulatur, in einem Psoasmuskel und im Spinalkanal. Als Erreger wurde ein Staphylococcus aureus identifiziert. Es lag eine Paraparese der Beine vor, die sich in der anschließenden stationären Rehabilitation langsam zurückbildete.

Als Behandlungsfehler wurde vor allem angesehen, dass die Injektionen mit einer zu großen Kortikoid-Menge in zu kurzen Abständen erfolgten und dadurch das Risiko einer Infektion begünstigt wurde. Die fehlende Dokumentation einer Auseinandersetzung mit der Vorgeschichte und die Nichterörterung alternativer Behandlungen, die hier mit Sicherheit in Frage gekommen wären, wurden gerügt.

Fall 2: Ausgedehnte Nekrosen bei Injektion intraglutaeal bei Rückenschmerzen

Eine 49 Jahre alte adipöse Antragstellerin erhielt mehrfach wegen eines „chronisch rezidivierenden Wirbelsäulensyndroms“ Injektionen mit 4 mg Dexamethasondihydrogenphosphat, 4 mg Dexamethason und Diclofenac (intraglutaeal appliziert). Etwa sechs Wochen nach der letzten Injektion einer der genannten Wirkstoffe musste eine insgesamt 500 g schwere Nekrose von Haut und Unterhautfettgewebe entfernt werden. Nachfolgend entstand im Resektionsbereich eine Infektion, die mehrere stationäre Behandlungen erforderlich machte.

Als Behandlungsfehler wurde die Injektion ins Fettgewebe – statt tiefer in die Muskulatur – bewertet (Anscheinsbeweis Kasten 1), aber auch die wiederholte parenterale Anwendung der Wirkstoffe statt eines Umstiegs auf eine orale Gabe.

Der Anscheinsbeweis
Kasten 1
Der Anscheinsbeweis

Ergebnisse

Aus Tabelle 1 ist die Verteilung der Komplikationen durch Infektionen und aseptische Gewebeschäden, geordnet nach dem Applikationsort, in absoluter und prozentualer Häufigkeit abzulesen.

In etwa der Hälfte der 55 Fälle von Gewebeatrophien nach Kortikoid-Injektionen waren intramuskuläre Injektionen zur Depotbildung – vor allem bei Allergien – erfolgt, hier waren Behandlungsfehler überproportional häufig.

Das Kortikoid konnte nach Art und Dosierung bei der Archivierung nicht immer erfasst werden, weil Angaben hierzu in den ärztlichen Unterlagen fehlten. Soweit feststellbar, wurde vor allem Triamcinolon verwendet.

Die Begründungen für die einzelnen festgestellten Behandlungsfehler der Gütestellen, die der Datenbankdokumentation (MERS) entnommen wurden, gehen für die Infektionsfälle aus der Tabelle 2 und für die Fälle eines aseptischen Gewebeschadens aus der Tabelle 3 hervor. Häufigste Fehler waren demnach:

  • nicht zeitgerecht erkannte Infektion (24-mal)
  • die fehlende Indikation (19-mal)
  • mangelhafte Asepsis (18-mal)
  • die nicht genügend tiefe glutaeale Injektion sowie
  • Injektionen in zu dichter Folge (je 14-mal).
Festgestellte Behandlungsfehler mit Gewebeatrophie nach Kortikoid-Injektion
Tabelle 3
Festgestellte Behandlungsfehler mit Gewebeatrophie nach Kortikoid-Injektion

Versäumnisse bei der Risikoaufklärung wurden insgesamt 20-mal festgestellt, darunter neunmal bei ansonsten sachgerechter Behandlung. In diesen Fällen ergab sich somit eine Haftung des Arztes für alle nachteiligen gesundheitlichen Folgen der beanstandeten Injektion, weil es an einer rechtswirksamen Einwilligung des Patienten fehlte.

Diskussion

Die Injektion von Kortikoiden in Gelenke, die einen entzündlichen Reizzustand zeigen, ist eine seit Jahrzehnten bewährte Behandlungsmethode (e5e7). Begleitend ist die Entstehung von Gelenkinfektionen nach Kortikoid-Injektionen, mitunter verbunden mit schweren septischen Allgemeinerkrankungen. Gleichfalls seit Jahrzehnten bekannt und gefürchtet ist die Abszessbildung nach intramuskulärer Gabe. Eine Sonderform der Infektion ist die nekrotisierende Fasziitis (8, e8). Die Angaben zur Häufigkeit von Gelenkinfektionen nach Injektionen schwanken zwischen 1 : 3 000 und 1 : 100 000 (9, e2, e6, e9e12). Als Hauptursache wird eine unzureichende Asepsis bei der Injektion angesehen. Die Infektion wird von den Gütestellen regelmäßig dann als schicksalhafte Realisierung eines eingriffsimmanenten Risikos anerkannt, wenn sie sich trotz regelrechter aseptischer Maßnahmen ereignet. Als Ursache gilt im Allgemeinen eine Keimverschleppung aus tiefer gelegenen Hautbereichen, die durch die Asepsis nicht erreicht wurden (9, e1, e13).

Dass Kortikoide bei der lokalen Anwendung Hautschäden verursachen können, ist gleichfalls seit 50 Jahren bekannt (1012, e14e18). Gewebeschäden wurden am Auge (e19), im Bereich der behaarten Kopfhaut (e20), an den Unterkiefern und an der Fußsohle (e21) beschrieben. Außerdem kamen sie begleitend vor bei einer beabsichtigten intraartikulären Injektion (e22) und auch bei Injektionen in Sehnenfächer (12).

Diese Einzelbeobachtungen wurden meist beschrieben als leichte, vor allem kosmetische Komplikationen oder ausgedehnter als Embolia cutis medicamentosa (e23), aber auch als Fälle schwerster ausgedehnter Gewebenekrosen in der Form des Nicolau-Syndroms (13, e24e28).

Fast immer handelt es sich bei der lokalen Anwendung um ein Gemisch aus einem Lokalanästhetikum und einem Kortikoid, bei den intramuskulären Injektionen um ein Kortikoid allein oder auch um die Mischung mit einem Analgetikum (jeweils intraglutaeal appliziert wie in Fall 2 dargestellt). Intraartikuläre Injektionen von Kortikoiden erfolgen ohne Zusatz oder nach Stichkanalanästhesie durch ein Lokalanästhetikum, häufig aber auch im Zusammenhang mit einem sogenannten Knorpelaufbaupräparat.

Die häufigste nicht intraartikuläre Anwendung (hier als Injektion ins Gewebe bezeichnet) der Kortikoid-Injektionen sind Infiltrationen

  • von Muskel-, Sehnen- und Bandursprüngen und -ansätzen
  • in Sehnengleitgewebe und -fächer
  • in den Karpaltunnel
  • von Schleimbeuteln, besonders am Schultergelenk subacromial (aufgrund der ab 50. Lebensjahr zunehmenden Defekte der Rotatorenmanschette aber häufig eine unbeabsichtigte intraartikuläre Injektion) und am Trochanter major.

Diese Injektionen in Schleimbeutel erfolgten immer unter der Annahme eines „Reizzustandes“, wobei die Diagnose gesichert wurde durch das Beschwerdebild und den klinischen Befund, zum Beispiel als Epicondylopathia humeri, als Tendovaginitis de Quervain und als Achillodynie unter Beteiligung des Gleitgewebes.

Weit verbreitet sind auch die wirbelsäulennahen Injektionen und Infiltrationen. Sie werden durchgeführt in Form der nervenwurzelnahen Injektion, zu denen auch die Facetteninfiltration zu zählen ist, weil damit der Ramus posterior (unmittelbar aus dem Spinalnerven abgehend) getroffen und blockiert werden soll (14, 15, e29e31). Bei nichtbildgebend gestützten Injektionen dürfte es allerdings häufig eher eine Gewebeinfiltration sein. Weniger bekannt, aber oftmals gravierend in den Folgen, sind die Infektionen bei den wirbelsäulennahen Injektionen.

Als ursächlich für die Entstehung der oberflächlichen Haut- und Fettgewebeatrophien mit zentraler Abblassung werden unter anderem genannt:

  • hemmende Wirkung auf Fibroblasten mit Reduktion der Proteinsynthese
  • Verlegung von Lymphbahnen
  • Verdrängung von Gewebewasser.

In etwa 50 Prozent der Fälle (gemittelt aus den Angaben in Einzelfalldarstellungen) erfolgt über Monate bis Jahre eine Rückbildung zu normalen Verhältnissen, wahrscheinlich dosisabhängig.

Immer wieder wird – zu Recht – darauf hingewiesen, dass auch wegen dieser möglichen Komplikation eine Aufklärung erforderlich ist.

Das seltene, aber gleichfalls unter den hier überprüften Verfahren beobachtete Nicolau-Syndrom ist das Resultat eines akuten arteriellen Gefäßspasmus oder einer akuten Thrombosierung einer Arterie durch intravasale Injektion eines unlöslichen Medikamentes mit der Folge eines Weichteilschadens im Versorgungsbereich des Gefäßes. Unmittelbar nach der Injektion treten meist heftige Schmerzen und eine livide Hautverfärbung auf. Die Komplikation kann zu kleinen zentralen oder auch ausgedehnteren Nekrosen führen, zu nervalen Schäden, zu einem Kompartmentsyndrom und zu einer Gangrän. Unter den vielen Beobachtungen sind Fälle nach einer alleinigen Kortikoid-Injektion in der Minderzahl. Bei einer oberflächlichen Infiltration resultieren ausgedehntere Schäden im Sinne der Embolia cutis medicamentosa.

Resümee

Es kann nicht Aufgabe dieses Beitrages sein, zu den pharmakokinetischen Eigenschaften der verschiedenen Glukokortikoide Stellung zu nehmen. Über die sogenannten Halbwertszeiten, die Kristallgrößen der jeweiligen Präparate, die parenteralen Auswirkungen und über die Schwellendosen und Angaben zur zeitlichen Häufigkeit von gleichen Injektionen am gleichen Ort müssen die Fachliteratur (16) eingesehen und die Angaben der Hersteller beachtet werden.

Es besteht in Deutschland zweifellos eine Übertherapie auch und besonders mit invasiven Verfahren (17, e48). Viele dieser Therapien halten aber bei den entsprechenden Überprüfungen (Cochrane Reviews) den Erwartungen nicht stand (1822, e32e36). Es besteht somit die Situation einer nicht vertretbaren Gefährdung der Patienten.

Unter der Diagnose eines Facettensyndroms bespielsweise verbirgt sich oft ein unspezifischer chronischer Rückenschmerz, der aber einer ganz anderen Behandlung bedarf, als einer Serie von Injektionen (17, 23, e22, e46). So weist die Statistik des Institutes für das Entgeltsystem im Krankenhaus für 2010 aus, dass (Zitat): „[...] interventionelle Schmerztherapieverfahren etwa zehnmal häufiger in Deutschland als im internationalen Vergleich durchgeführt werden, obwohl deren anhaltende Wirksamkeit nicht belegt, die Gefahr der langfristigen Patientenabhängigkeit aber erheblich ist“.

Bei der relativen Häufigkeit von Infektionen nach Kortikoid-Injektionen würde eine Verringerung der Zahl dieser Injektionen durch sorgfältigere Indikation entsprechend auch die Anzahl der mitunter schweren Komplikationen senken.

Aus dem Material der Gütestellen lassen sich folgende Aussagen treffen:

Nur bei dem klinischen Befund eines „Gelenk-Reizzustandes“ (aktivierte Arthrose mit Schwellung und Erguss) ist eine Kortikoid-Injektion intraartikulär zu erwägen. Das Präparat sollte in Menge und Galenik der Größe des Gelenkes angepasst werden. Dabei sollten konsequent die Angaben der Hersteller beachtet werden. Außerdem sollte eine Wiederholung der Injektion nur nach angemessenem Zeitabstand und unter Berücksichtigung einer Jahreshöchstmenge erfolgen.

Die Asepsis ist nach den Leitlinien (AWMF-Leitlinien-Register Nr. 029/006: Intraartikuläre Punktionen und Injektionen; [24, e37–e39]) einzuhalten. Das heißt auch, dass bei Gelenkpunktionen und -injektionen wie bei den wirbelsäulennahen Infiltrationen dem Arzt eine Assistenz zur Verfügung stehen muss. Hiervon sollte nicht abgewichen werden (e40). Dazu ist anzumerken, dass die Gütestellen die vom Arzt angegebene Vorgehensweise zur Einhaltung der Asepsis in der Regel nicht überprüfen können, insbesondere, weil ihnen eine Zeugenvernehmung – wie bei Gericht – nicht möglich ist. Sie haben daher zunächst davon auszugehen, dass eine Injektion entsprechend der Vorgaben des Hygieneplanes erfolgte und nicht gegen den Standard verstoßen wurde. Eine abweichende Darstellung des Antragstellers können sie der Beurteilung nicht zugrunde legen. Ein entsprechender Hygieneplan und Anweisungen für das Personal sollten grundsätzlich vorliegen.

Die Verkennung einer eingetretenen Infektion (e41, e42) wurde (Tabelle 2) mehrfach als Behandlungsfehler beurteilt. Beim geringsten Verdacht, es könne sich nach der Injektion eine Infektion entwickeln, sind sofort entsprechende diagnostische Maßnahmen (Labor/Sonographie/Magnetresonanztomographie) zu treffen, kurzfristige klinische Kontrollen vorzusehen, und es ist gegebenenfalls die frühe stationäre Einweisung zu veranlassen. Ein Gelenkpunktat ist beim geringsten Verdacht auf Vorliegen einer Gelenkinfektion bakteriologisch zu untersuchen.

Festgestellte Behandlungsfehler bei Infektionen nach Kortikoid-Injektion
Tabelle 2
Festgestellte Behandlungsfehler bei Infektionen nach Kortikoid-Injektion

Es muss immer eine durch die ärztliche Dokumentation beleg- und überprüfbare Indikation vorliegen. Kortikoide sollten für die Facetteninjektionen erst verwendet werden, wenn vorangehend eine reine Lokalanaesthetika-Injektion (Testinjektion) zu einer deutlichen Besserung führte. Wiederholungen in rascher Frequenz sind – entsprechend den Herstellerangaben – unbedingt zu vermeiden.

Die intramuskuläre Injektion von Kortikoiden als Depot ist nicht länger zu vertreten, weil das Risiko für die typischen Nebenwirkungen (durch Suppression der Hypothalamus-Adenohypophyse-Nebennierenrinde-Achse) gegeben ist. Diese Anwendungsform wurde schon vor vielen Jahren als obsolet (e43e47) bezeichnet. Auch wenn sie für bestimmte Indikationen nach der Roten Liste (laut den Angaben einzelner Hersteller) noch erlaubt ist, entbindet dies den Arzt nicht ohne Weiteres von einer Haftung bei Komplikationen, weil der allgemeine Kenntnisstand seit vielen Jahren die intramuskuläre Depotgabe im Grunde verbietet.

Bei allen Fällen umfangreicher Gewebenekrosen, besonders im Gesäßbereich, ist davon auszugehen, dass die Muskulatur wegen einer zu kurzen Injektionsnadel überhaupt nicht erreicht wurde. Das kann nach den in der Rechtsprechung zum Anscheinsbeweis (Kasten 1) entwickelten Grundsätzen zur Feststellung eines Behandlungsfehlers führen.

Bei den oberflächlichen Gewebeatrophien ist die Ursache gleichfalls in der Ablagerung von Kristallen außerhalb des Injektionszieles zu sehen, seltener sicherlich in einem teilweisen Zurücklaufen der Injektionsflüssigkeit. Wird das Kortikoid mit einem Lokalanästhetikum gemischt und die Injektion zur Schmerzverminderung schon nach der Hautperforation begonnen, ist eine teilweise Ablagerung der Kristalle unvermeidbar. Deshalb ist es sicherer, vor der Injektion des Kortikoids den Stichkanal zunächst mit einem Lokalanästhetikum allein zu beschicken.

Da jede Injektion – neben medikamentenbedingten Nebenwirkungen – zusätzliche Gefahren (Infektion, Gefäß- und Nervenverletzung) in sich birgt, ist im Sinne der Patientensicherheit die Indikation stets kritisch zu prüfen und der Patient über die damit verbundenen Risiken ebenso wie über echte Behandlungsalternativen (zum Beispiel die orale Kortikoid-Gabe statt der Depot-Injektion) aufzuklären (25).

Eine Injektion nur auf Verlangen des Patienten sollte der Arzt – auch zur Vermeidung von Schadensersatzansprüchen bei nachfolgenden Komplikationen – ablehnen.

Interessenkonflikt
Herr Smentkowski erhielt Reisekostenerstattung und Vortragshonorare von der Firma Bayer AG. Prof. Holland, Herr Jaeger, Dr. Weber und Dr. Otto erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 1. 9. 2011, revidierte Fassung angenommen: 2. 2. 2012

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Christian Holland
Ärztekammer Nordrhein, Tersteegenstraße 9
40474 Düsseldorf, gak@aekno.de

Zitierweise
Holland Ch, Jaeger L, Smentkowski U, Weber B, Otto Ch: Septic and aseptic complications of corticosteroid injections: an assessment of 278 cases reviewed by expert commissions and mediation boards from 2005 to 2009.
Dtsch Arztebl Int 2012; 109(24): 425–30. DOI: 10.3238/arztebl.2012.0425

@Mit „e“ gekennzeichnete Literatur:
www.aerzteblatt.de/lit2412

The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

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Gutachterkommission der Ärztekammer Nordrhein, Düsseldorf:
Prof. Dr. med. Holland, Jaeger, Smentkowski, Dr. med. Weber
Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Universität zu Köln: Dr. med. Otto
Der Anscheinsbeweis
Kasten 1
Der Anscheinsbeweis
Lokale Kortikoid-Injektionen mit nachfolgender Infektion oder Gewebeatrophie in den bundesweit abgeschlossenen Begutachtungen der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen (MERS) der Jahre 2005–2009
Tabelle 1
Lokale Kortikoid-Injektionen mit nachfolgender Infektion oder Gewebeatrophie in den bundesweit abgeschlossenen Begutachtungen der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen (MERS) der Jahre 2005–2009
Festgestellte Behandlungsfehler bei Infektionen nach Kortikoid-Injektion
Tabelle 2
Festgestellte Behandlungsfehler bei Infektionen nach Kortikoid-Injektion
Festgestellte Behandlungsfehler mit Gewebeatrophie nach Kortikoid-Injektion
Tabelle 3
Festgestellte Behandlungsfehler mit Gewebeatrophie nach Kortikoid-Injektion
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