ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2012Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung: Ordnungspolitische Brüche

EDITORIAL

Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung: Ordnungspolitische Brüche

Bühring, Petra

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Der Diotima-Ehrenpreis der deutschen Psychotherapeutenschaft wurde in diesem Jahr an Prof. Dr. Dietmar Schulte verliehen. Ausgezeichnet wurde der Wissenschaftler und langjährige Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie für seine herausragenden Verdienste um die wissenschaftliche Fundierung der Psychotherapie und sein mehr als 40-jähriges berufspolitisches Engagement (siehe Seite 250).

In diesen 40 Jahren hat Schulte weitreichende Veränderungen hinsichtlich der Professionalisierung des Psychotherapeutenberufes miterlebt und selbst vorangetrieben. Er weiß, wovon er spricht, wenn er eine Direktausbildung in „Psychotherapie“, analog zur Ausbildung von Ärzten, fordert. Und dazu hat er seinen Vortrag anlässlich der Preisverleihung im Vorfeld des 20. Deutschen Psychotherapeutentages in Berlin nutzen können. Konkret stellt Schulte sich einen Masterstudiengang an Hochschulen vor, der mit der Approbation abschließt. Anschließend würde eine Spezialisierung als Weiterbildung an den Instituten erfolgen, die heute die postgraduale Ausbildung anbieten, und mit dem Erwerb der Fachkunde und der sozialrechtlichen Zulassung abschließen.

Schulte begründet seinen Vorstoß vor allem mit der Bereitschaft des Gesetzgebers, Psychotherapeuten jetzt als eindeutig akademischen Heilberuf anzuerkennen. Zwar würden sie seit dem Psychotherapeutengesetz (PsychThG) von 1999 wie akademische Heilberufe behandelt; die Ausbildungs- und Prüfungsordnung entspreche jedoch immer noch der von nichtakademischen Heilberufen. Dass der Gesetzgeber, in dem Fall das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG), eine Direktausbildung „aus ordnungspolitischen Gründen“ favorisiert, ist seit langem bekannt. Eine Korrektur des PsychThG auf Grundlage der bestehenden postgradualen Ausbildung sei wenig wahrscheinlich, heißt es aus dem Ministerium. Viel mehr als dies ist aus dem BMG seit eineinhalb Jahren hinsichtlich einer dringend notwendigen Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung nicht zu hören – Ende 2010 hatte die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) dem BMG bereits ein Reformkonzept vorgelegt.

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In dem BPtK-Konzept wird die Direktausbildung auf Grundlage der Entscheidungen des 16. Deutschen Psychotherapeutentages abgelehnt. Sie sei ein „starker Eingriff in die Hochschullandschaft mit ungewissem Ausgang“. Allerdings sind aufgrund einer Erprobungsklausel Modellstudiengänge möglich. Auch das vom BMG in Auftrag gegebene Forschungsgutachten (Strauß et al., 2009) empfahl, an einer postgradualen Ausbildung nach dem Studium festzuhalten. Die Bundes­ärzte­kammer lehnt die Direktausbildung ebenfalls ab – der 115. Deutsche Ärztetag fasste dazu gerade eine Entschließung.

Die eindeutige Positionierung des Diotima-Preisträgers regt zum Nachdenken an. Sorgen und Befürchtungen, die mit der Vorstellung einer Direktausbildung bei vielen Psychotherapeuten einhergehen, dürfen nicht vom Tisch gekehrt werden. Doch vielleicht sollte diese Option, die eine Stärkung im Sinne eines „richtigen“ akademischen Heilberufes ist, noch einmal ernsthaft geprüft werden. Der Bereitschaft des BMG, ernsthaft ein Gesetzesvorhaben zur Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung zu initiieren, ist dies sicher nicht abträglich.

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