ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/201220. Deutscher Psychotherapeutentag in Berlin: Psychiatrie-Entgeltgesetz, Patientenrechte und Bedarfsplanung

POLITIK

20. Deutscher Psychotherapeutentag in Berlin: Psychiatrie-Entgeltgesetz, Patientenrechte und Bedarfsplanung

PP 11, Ausgabe Juni 2012, Seite 248

Meißner, Marc

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Alles im Griff: die Versammlungsleitung der Psychotherapeutentage. Von links nach rechts: Gerd Hoehner, Wolfgang Schreck und Gabriela Küll. Fotos: Bundes­psycho­therapeuten­kammer
Alles im Griff: die Versammlungsleitung der Psycho­therapeutentage. Von links nach rechts: Gerd Hoehner, Wolfgang Schreck und Gabriela Küll. Fotos: Bundes­psycho­therapeuten­kammer

Trotz langer Diskussion über aktuelle Gesetzgebungsverfahren: Das drängendste Problem der Delegierten ist die Ausbildungsreform, die immer noch auf sich warten lässt.

Man weiß gar nicht genau, wofür psychiatrische Einrichtungen das Geld ausgeben, was sie damit machen und ob sie es gut machen“ – Mit dieser leicht provokanten Feststellung leitete Dr. Frank Heimig, Geschäftsführer des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK), eines der zentralen Themen des 20. Deutschen Psychotherapeutentags (DPT) ein: das Gesetz zur „Einführung des pauschalierenden Entgeltsystems für psychiatrische und psychosomatische Einrichtungen (PEP)“, das Mitte Juni im Bundestag verabschiedet werden soll.

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Heimig gab in seinem Vortrag einen Ausblick auf das, was die stationär tätigen Psychotherapeuten mit dem PEP erwarten würde. Demnach würde auch weiterhin jeder Behandlungstag eines Patienten in einer psychiatrischen Einrichtung vergütet. Fallpauschalen, wie man sie aus der Somatik kennt, werde es nicht geben, betonte Heimig. Die Höhe der Tagespauschalen werde wahrscheinlich sowohl vom Behandlungsbereich als auch von der konkreten Diagnose nach DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) abhängen. Die Behandlungsbereiche würden im wesentlichen denen der Psychiatrie-Personalverordnung (Psych-PV), wie Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie, Psychosomatik oder Gerontopsychiatrie entsprechen. „Das hat den Vorteil, dass die Krankenhäuser nicht tagesbezogene Leistungen zu kalkulieren und zu dokumentieren hätten“, erklärte Heimig und ging damit indirekt auf die andauernde Kritik ein, dass der Dokumentationsaufwand für das PEP zu hoch sei.

Leistungen von PiA bewusst nicht erfasst

Heimig stellte klar, dass mit dem PEP die Vergütung leistungsgerechter werde. Zurzeit hingen die Entgelte von historisch verhandelten Budgets ab. „Dass ein Haus 180 Euro pro Tag erhält und ein anderes 400 Euro, ist schwer zu begründen“, sagte er.

Dr. Heiner Vogel, Bayern, kritisierte, dass Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) in der neuen Abrechnungssystematik nicht abgebildet würden: „Wenn sie mit ihrem System starten, wird so eine nicht haltbare Situation festgebunden.“ Heimig erklärte, dass das InEK bewusst die Leistungen der PiA nicht in den Prozedurenkatalog aufgenommen hat. „Wenn wir die Erfassung der PiA-Leistungen zugelassen hätten, wäre das ein Anreiz gewesen, so viele Leistungen wie möglich mit PiA zu erbringen“, erklärte Heimig.

Der Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer, Prof. Dr. Rainer Richter, setzt große Hoffnungen in das PEP: „Das neue Entgeltsystem setzt so an, dass genug Geld da ist, damit die notwendigen Leistungen auch erbracht werden können. Ich denke, dass das PEP genauso eine Steuerungswirkung entfalten wird, wie damals die Psych-PV, die ja auch die Versorgung der Patienten verbessert hat.“ Er warnte aber auch davor, dass ein neues Vergütungssystem kein Selbstläufer ist. „Das neue Entgeltsystem garantiert keine leitliniengerechte Betreuung. Darauf müssen wir achten.“

Neben dem Psychiatrie-Entgeltgesetz stellte der Vorstand die aktuellen Entwicklungen beim Patientenrechtegesetz vor. Andrea Mrazek, Vorstandsmitglied der BPtK, wies in ihrem Vortrag auf zwei wesentliche Punkte hin, die im aktuellen Gesetzentwurf aus Sicht der Psychotherapeuten unzureichend geregelt sind. So ist vorgesehen, dass das Recht des Patienten, seine Patientenakte einzusehen, im Einzelfall aus therapeutischen Gründen eingeschränkt werden kann – jedoch nur bei psychischen Erkrankungen. „Wir treten dafür ein, dass eine Einschränkung des Einsichtsrechts kein Spezifikum der psychotherapeutischen Behandlung ist, sondern das gleiche Problem wie bei medizinischen Behandlungen“, erklärte die Präsidentin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer. In der jetzigen Fassung erwecke das Gesetz vielmehr den Eindruck, psychisch Kranke würden diskriminiert. Nach Gesprächen mit dem Bundesministerium der Justiz geht die BPtK jedoch davon aus, dass diese Stelle entsprechend geändert wird.

Nicht immer einer Meinung sind die Delegierten der Landeskammern bei den Abstimmungen.
Nicht immer einer Meinung sind die Delegierten der Landeskammern bei den Abstimmungen.

Darüber hinaus zeigte sich Mrazek enttäuscht, dass das Gesetz die Einsichtsrechte Erziehungsberechtigter nicht regelt. „Wenn Eltern Einsicht verlangen, ist das nur schwer zu verwehren, obwohl es für die Patienten wichtig sein kann, zum Beispiel, wenn es in der Therapie gerade um Konflikte mit den Eltern geht.“ Aber auch bei Sorgerechtverfahren könne es dazu kommen, dass eine der Parteien die Patientenakte zu ihren Gunsten verwenden will. „Wir hätten erwartet, dass ein Patientenrechtegesetz dieses Problem angehen würde.“

Der DPT lehnt die Direktausbildung ab

Peter Lehndorfer, ebenfalls Vorstandsmitglied der BPtK, berichtete den Delegierten vom Stand der Ausbildungsreform. Zwar habe der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter in Offenbach eine umfangreiche Reform des Psychotherapeutengesetzes angekündigt. Konkrete Vorschläge vonseiten des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG) gebe es bisher noch nicht. Lehndorfer verwies auf das Konzept des 16. DPT, das als Vorlage für eine Reform dienen könne: Es entwickelt die postgraduelle Ausbildung weiter und ermöglicht Modellstudiengänge zur Direktausbildung. „Das BMG möchte eigentlich keine Modellstudiengänge – die möchten die Umstellung auf einen Schlag und die Abschaffung der postgraduellen Ausbildung“, erklärte Lehndorfer. „Eine Direktausbildung lehnen wir aber ab.“ Dafür fehlten Evaluationen, die zeigen, dass damit die Ausbildung der Psychotherapeuten gesichert werden könne.

Aufgrund der chaotischen Situation bei der Zulassung zur Ausbildung könne man nicht auf die Reform warten, betonte Lehndorfer. „Wir müssen selbst aktiv werden und eine stärkere Rolle bei der Akkreditierung von Ausbildungsinstituten übernehmen.“ Er schlägt vor, dass Kammern und Ausbildungsinstitute einen „Pakt für den Master“ schließen: Die Institute würden sich verpflichten, nur Interessenten mit entsprechender Zugangsqualifikation zur Ausbildung zuzulassen, während die Kammern sich verstärkt für den Masterabschluss als Zugangsvoraussetzung einsetzen sollen. Die Delegierten fordern in einer Resolution eine schnelle Reform der Ausbildung.

Zur Bedarfsplanung erläuterte Monika Konitzer, Vizepräsidentin der BPtK, dass bei der Festlegung der Verhältniszahlen im Jahr 1999 ein systematischer Fehler begangen wurde, der zu den dramatischen Unterschieden bei den Verhältniszahlen zwischen Stadt und Land geführt habe (siehe Interview Seite 251). Korrigiere man diesen Fehler, müssten 4 000 zusätzliche Psychotherapeutensitze eingerichtet werden, was etwa 300 Millionen Euro kosten würde. Ein Einlenken der Krankenkassen hält der Vorstand jedoch für unrealistisch. „Letztendlich brauchen wir eine gesetzliche Regelung, die die Kassen dazu verpflichtet“, forderte Konitzer.

Politik soll die Versorgungsprobleme lösen

Claus Gieseke, Delegierter aus Hamburg, warf ein, dass dies nicht reichen würde: „Wenn wir 4 000 Sitze mehr bekommen, können wir 200 000 Einwohner mehr behandeln. Das löst doch die Versorgungsprobleme nicht.“ Rudi Bittner, Bayern, kritisierte die Untätigkeit der Politik und der Selbstverwaltung. „Wenn ich mir die jahrelange Unterversorgung anschaue – mir ist kein Bereich im Somatischen bekannt, wo so lange eine Unterversorgung toleriert wurde.“ Die Delegierten verabschiedeten eine Resolution, in der sie die Kassen auffordern, die Unterversorgung endlich anzuerkennen und entsprechend zu handeln.

Über den Stand der Leitlinie zur neuropsychologischen Diagnostik und Therapie informierte Konitzer die Delegierten. Diese war Ende letzten Jahres vom Gemeinsamen Bundes­aus­schuss beschlossen worden und ist am 24. Februar in Kraft getreten. „Dies ist das erste Mal, dass eine Psychotherapie für ein somatisches Leiden in den GKV-Katalog aufgenommen wurde“, betonte Konitzer. Die Richtlinie regelt die Diagnostik und Behandlung von kognitiven und emotionalen Störungen, die durch Hirntraumata verursacht wurden. „Die Neuropsychologie ist eine Erfolgsgeschichte“, stellte Richter fest und dankte allen Kolleginnen und Kollegen, die sich für die Umsetzung der Richtlinie eingesetzt hatten.

Der 21. Deutsche Psychotherapeutentag findet am 10. November in Düsseldorf statt.

Dr. rer. nat. Marc Meißner

Der Diotima-Preisträger

Für sein 40-jähriges berufspolitisches Engagement und seine herausragenden Verdienste für die Grundlagenforschung in der Psychotherapie hat Prof. Dr. Dietmar Schulte den Diotima-Ehrenpreis der deutschen Psychotherapeutenschaft 2012 erhalten.

Prof. Dr. Dietmar Schulte wünscht sich die Direktausbildung
Prof. Dr. Dietmar Schulte wünscht sich die Direktausbildung

Schulte hatte sich als Forscher und Kliniker schon frühzeitig für eine evidenzbasierte Psychotherapie starkgemacht und sich für eine enge Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis engagiert. Als Inhaber des Lehrstuhls für Klinische Psychologie der Ruhr-Universität Bochum (RUB) setzte er sich für die Einrichtung eines „Zentrums für Psychotherapie“ als poliklinische Psychotherapieambulanz ein und führte dort erste Modellprojekte zur „Weiterbildung in klinischer Psychologie“ durch. Daraus ging der heutige weiterbildende Studiengang „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ der RUB hervor, der Vorbild für viele vergleichbare Angebote anderer Universitäten ist.

Früh erkannte Schulte, wie wichtig eine Professionalisierung der Psychotherapie für den sich entwickelnden wissenschaftlichen Heilberuf ist: Schon in den 1970er Jahren forderte er ein Psychotherapeutengesetz, das er maßgeblich mitgestaltete und dessen Umsetzung er vorantrieb. Als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie hat er zwischen 2005 und 2011 dessen Arbeit wesentlich mitgeprägt.

Der BPtK-Präsident dankte Schulte in seiner Laudatio für sein „ jahrzehntelanges Engagement für die Psychotherapie, für unsere Profession und die evidenzbasierte Weiterentwicklung der psychotherapeutischen Versorgung“.

In seiner Dankesrede stellte Schulte die Bedeutung der empirischen Forschung für die Psychotherapie heraus. Schon heute hätte dadurch die Überwindung der Therapieschulen begonnen, da moderne störungsspezifische Therapieansätze Techniken aus den verschiedensten Schulen kombinierten. „Entscheidend ist, ob sich empirisch zeigt, dass die gezielte Kombination dieser Techniken bei Patienten mit dieser Störung hilft – besser hilft“, betonte Schulte.

Darüber hinaus sprach sich der Diotima-Preisträger für eine Direktausbildung für Psychotherapeuten aus. Dies sei politisch wichtig, damit die Psychotherapie eindeutig als akademischer Heilberuf anerkannt würde. „Wir sollten uns einlassen auf eine ernsthafte Prüfung einer akademischen Ausbildung für Psychotherapeuten. Das wäre mein größter Wunsch, wenn ich mir denn an diesem Tag etwas wünschen dürfte.“

Resolutionen*

Dringend in ambulante Psychotherapie
investieren

Der 20. Deutsche Psychotherapeutentag fordert die Krankenkassen auf, die Notwendigkeit des Ausbaus der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung anzuerkennen. Sie sollen sich sowohl in anstehenden Gesetzgebungsverfahren als auch in den Selbstverwaltungsgremien für eine ausreichende Zahl an Psychotherapeuten und deren Finanzierung einsetzen.

Für den Master

Um auch künftig die akademisch-wissenschaftliche Kompetenz der Psychotherapeuten sicherzustellen, muss das Psychotherapeutengesetz reformiert werden. Bis dahin ist es notwendig, das bisherige Ausbildungsniveau zu sichern. Dazu fordert der Deutsche Psychotherapeutentag alle Ausbildungsinstitute auf, nur Hochschulabsolventen mit ausreichender Qualifikation – Diplom oder Master – in die postgraduellen Ausbildungsgänge zum Psychologischen Psychotherapeuten oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten aufzunehmen. Die Bundes- und Landespsychotherapeutenkammern werden gebeten, weiterhin die Bedeutung des Abschlusses auf Masterniveau zu verdeutlichen und die vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter zugesagte zeitnahe Reform einzufordern.

Ausbildungsreform jetzt

Der Deutsche Psychotherapeutentag weist auf die chaotische Situation bei den Zugangsvoraussetzungen zur postgraduellen Ausbildung und die schlechte finanzielle Situation der Psychotherapeuten in Ausbildung hin. Der Deutsche Psychotherapeutentag hat ein Reformkonzept vorgelegt, das diese Probleme lösen könnte. Er fordert Bund und Länder auf, endlich zu handeln.

*Alle Resolutionen in gekürzter Form

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