ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2012Interview mit Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer: „Die Versorgung auf dem Land muss besser werden“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer: „Die Versorgung auf dem Land muss besser werden“

PP 11, Ausgabe Juni 2012, Seite 251

Meißner, Marc; Rieser, Sabine

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Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer kritisiert schon seit langem die unsachgemäßen Verhältniszahlen bei der Bedarfsplanung der Psychotherapeuten. Präsident Richter wendet sich nun erstmals mit konkreten Forderungen an die Politik.

Herr Prof. Dr. Richter, Sie haben bei der Diskussion um die Bedarfsplanung nun konkrete Zahlen genannt und 4 000 zusätzliche Psychotherapeutensitze und 300 Millionen Euro für deren Finanzierung gefordert. Wie kommen Sie auf diese Zahlen?

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Richter: Wir haben uns vor allem die psychotherapeutische Versorgung auf dem Land angesehen. Die Verhältniszahlen, also das Verhältnis von Psychotherapeuten in einer Region je 100 000 Einwohner, sind in ländlichen Gebieten bis zu neunmal geringer als in den Städten. Wir hatten bis vor kurzem nicht die Daten, um zu erklären, woher diese riesige Spreizung kommt.

Und jetzt?

Richter: Mittlerweile wissen wir: Als die Bedarfszahlen festgelegt wurden, hat man für fast alle Arztgruppen die Zahl der in Westdeutschland Niedergelassenen als Basis für ganz Deutschland gewählt – auch für die Bedarfsplanung in den neuen Bundesländern. Bei den Psychotherapeuten wurde 1999 der Mittelwert aus den Niedergelassenen in West und Ost genommen – wohl wissend, dass es damals in den neuen Bundesländern viel weniger Psychotherapiepraxen gab als im Westen.

Und das macht einen solchen Unterschied aus? Immerhin fordern Sie fast 18 Prozent mehr Praxissitze.

Richter: Ja, denn vor der Wende gab es praktisch überhaupt keine psychotherapeutischen Praxen im Osten, schon gar nicht auf dem Land. In diesen wenigen Jahren bis 1999 konnten auch nicht viele nachwachsen – schon deshalb nicht, weil keine Ausbildungsstrukturen vorhanden waren. Durch den gewählten Berechnungsmodus für die Psychotherapeutensitze hat man die Verhältniszahlen für das gesamte Bundesgebiet nach unten gedrückt. Hätte man die Bedarfszahlen für den Westen auch für den Osten genommen, wären ganz andere Verhältnisse herausgekommen. Insbesondere die erhebliche Spreizung zwischen der Versorgung auf dem Land und in der Stadt hätte es nicht gegeben. Das hat uns natürlich nicht erfreut. Aber immerhin können wir endlich zeigen, wie es dazu gekommen ist.

Konnten Sie damit auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) überzeugen?

Richter: Die KBV hat das zur Kenntnis genommen. Dieser Fehler muss aus unserer Sicht korrigiert werden. Auf der Basis der korrigierten Verhältniszahlen sollte in einem zweiten Schritt die Versorgungsdichte auf dem Land wenigstens auf 50 Prozent des Niveaus der Städte angehoben werden. Egal, wie die neue Richtlinie zur Bedarfsplanung ausfällt, eines muss klar sein: Die schlechte Versorgung auf dem Land muss besser werden. Das ist für uns das wichtigste Ziel.

Und daraus lassen sich dann 4 000 zusätzliche Sitze ableiten?

Richter: Ja, auf Basis dieser beiden Vorgaben haben wir verschiedene Modelle durchgerechnet, was letztlich zu der Zahl von 4 000 zusätzlichen Sitzen für Psychotherapeuten geführt hat, natürlich inklusive ärztlicher Psychotherapeuten. Diese Sitze würden überwiegend in ländlichen Bereichen anzusiedeln sein.

„Meiner Erfahrung nach ziehen viele Psychotherapeuten auch aufs Land, wenn sie dort einen Kassensitz besetzen können.“
„Meiner Erfahrung nach ziehen viele Psychotherapeuten auch aufs Land, wenn sie dort einen Kassensitz besetzen können.“

Sie lehnen einen Demografiefaktor für die Psychotherapie ab. Würde dieser nicht helfen, mehr Sitze in ländlichen Gegenden auszuweisen?

Richter: Die Idee des Demografiefaktors ist ja, dass der Bedarf an bestimmten Ärzten oder Psychotherapeuten größer wird, weil der Behandlungsbedarf bei Älteren höher ist. Das lässt sich aber auf psychische Erkrankungen einfach nicht anwenden. Anders als bei vielen somatischen Leiden nehmen psychische Erkrankungen bei Menschen über 65 nicht zu. Darüber hinaus nimmt die jetzige ältere Generation auffällig selten Psychotherapie in Anspruch. Das hat etwas mit der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen in dieser Altersgruppe zu tun. Das heißt: Wir haben eine eindeutig zu niedrige Inanspruchnahme von Psychotherapie bei Älteren. Die jetzt 30- bis 40-Jährigen haben eine viel positivere Einstellung zur Psychotherapie. Ihr Bedarf wird im Alter deshalb sicher auch höher sein als bei den heutigen Senioren. Ein Demografiefaktor wird das nicht abbilden können.

Gesetzt dem Fall, die zusätzlichen Praxissitze würden zur Verfügung gestellt: Gibt es überhaupt genug Psychotherapeuten, um diese zu besetzen?

Richter: Ich denke schon. Bei der Einführung der Quote für Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten waren die zusätzlichen 700 Sitze in wenigen Wochen vergeben. Es ging sehr schnell, weil genug Interessenten da waren. Bei 4 000 zusätzlichen Zulassungen würde ich mich darauf nicht festlegen lassen wollen, dass sie innerhalb von vier Wochen besetzt sind. Es gibt jedoch bereits mehrere Tausend Psychotherapeuten, die approbiert und in einer Privatpraxis niedergelassen sind. Die würden sich mit Sicherheit für solche Sitze interessieren. Auch haben wir es mehrfach erlebt, dass sich angestellte Kollegen auf neu ausgeschriebene Praxissitze beworben haben.

Aber Psychologische Psychotherapeuten ziehen doch ähnlich wie Ärzte sicher nicht für eine Praxis aufs Land?

Richter: Doch, das tun sie! Meiner Erfahrung nach ziehen viele Psychotherapeuten auch in ländliche Bereiche, wenn sie dort einen Kassensitz besetzen können. Vor ein paar Jahren gab es noch freie Sitze in den neuen Bundesländern – auch im ländlichen Bereich. Wenn diese ausgeschrieben wurden, sprach sich das blitzschnell herum, und selbst aus Hamburg haben sich Kollegen dar- auf beworben. Dazu kommt ja die Aufhebung der Residenzpflicht. Sie müssen nicht mehr am Praxissitz wohnen, sondern können pendeln.

Ist es nicht ein schlechter Zeitpunkt, um über 300 Millionen Euro mehr für neue Sitze zu verhandeln? Die KBV hat gerade einen Beschluss gefasst, dass psychotherapeutische Leistungen extrabudgetär vergütet werden sollen.

Richter: Das Stichwort verhandeln ist wichtig. Wir machen konkrete Vorschläge, die nach unserer Meinung sachgerecht und umsetzbar sind. Aber wir entziehen uns auch nicht Fragen, wie „Was soll das kosten?“ und „Woher soll das Geld kommen?“. Aber mit den Kassen werden wir nicht verhandeln, das ist gar nicht unsere Aufgabe als BPtK. Wenn die Kassen aber sagen, 300 Millionen Euro sind zu viel, dann müssen sie das begründen. Für weniger Geld gibt es halt auch weniger Versorgung.

Sie fordern konkret die Politik auf, ihren Mehrbedarf durch gesetzliche Vorgaben von den Kassen erstattet zu bekommen. Haben Sie so wenig Vertrauen in die Selbstverwaltung?

Richter: Aus langer Erfahrung sind wir skeptisch, dass die Selbstverwaltung das in den Griff bekommt – und zwar nicht, weil sie es nicht will oder weil sie die Defizite nicht sieht, sondern weil sich die Selbstverwaltungsorgane in solchen Fragen wechselseitig blockieren. Deshalb sagen wir: Man kann die Versorgung verbessern, und die Kassen müssen das zusätzlich vergüten. Auf welcher Basis, das muss der Gesetzgeber regeln. Wir sind davon überzeugt, dass die Kassen ein gutes Geschäft machen, wenn sie in die ambulante psychotherapeutische Versorgung investieren. Sie vermeiden unzumutbare lange Wartezeiten und damit auch Einweisungen psychisch Kranker ins Krankenhaus und auch Drehtüreffekte.

Angenommen, es gibt keine Gesetzesänderung, und mehr Honorar ist auch nicht in Sicht: Was machen Sie dann?

Richter: Jetzt ist der Moment, wo die Gesellschaft die Möglichkeit hat zu entscheiden, ob sie bei einem offenkundigen Missstand der Versorgung einer großen Patientengruppe etwas ändern will oder nicht. Versicherte haben laut SGB V Anspruch auf eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche Versorgung. Das gilt auch für psychisch Kranke. Es ist an der Zeit, dem Rechnung zu tragen.

Die Fragen stellten Dr. rer. nat. Marc Meißner und Sabine Rieser.

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