ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1996Familienpolitik: Investitionen in die Zukunft

POLITIK: Kommentar

Familienpolitik: Investitionen in die Zukunft

Günther, Heinrich

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LNSLNS Die Kostendiskussion erfaßt immer weitere Bereiche des Gesundheits- und Sozialsystems; man müsse sparen, meinen Sozialpolitiker ebenso wie Arbeitgeberverbände und andere Interessengruppen.
Parallel dazu verfolgen wir die Verschlimmerung sozialer Mißstände im materiell reichen Deutschland: Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Kinderarmut und Kriminalität. Gleichzeitig entstehen gigantische Bürohäuser, Weltreisen werden gebucht, Millionenvermögen müssen steuergünstig untergebracht werden, der Luxuskonsum nimmt unüberschaubare Ausmaße an.
In der Medizin entsprechen dieser Tendenz die riesigen Investitionen in pharmazeutische und medizintechnische Krankheitsbekämpfung und Rehabilitationskliniken. Der einzelne Arzt ist einem Dilemma unterworfen: Es liegt in seinem Ermessen, zwischen aufwendigen und weniger aufwendigen Therapiemöglichkeiten zu wählen. Aufgrund diverser Systemzwänge (betriebswirtschaftliches Effizienzdenken, juristisches Absicherungsbedürfnis oder wissenschaftlicher Profilierungsdruck) wird er sich fast immer zugunsten der aufwendigeren Variante entscheiden (müssen). So werden immer mehr Mittel der Versichertengemeinschaft zugunsten professioneller Krankheitsbekämpfung umverteilt – oftmals mit fragwürdigem Nutzen.
Die Bundesärzteordnung gebietet im Gegensatz zu dieser krankheitsorientierten Ressourcenverteilung dem Arzt, der Gesundheit des einzelnen Menschen und des gesamten Volkes zu dienen. Gesundheit aber verlangt die Einbeziehung unseres Umgangs mit der Natur und mit der eigenen Lebenszeit – also die Orientierung auf Sinn und Ziel unserer Existenz.
In Zeiten einer geistig-kulturellen Orientierungskrise macht es keinen Sinn, die zukunftsfeindlichen Krankheitssymptome des sogenannten "Sozialstaates" durch betriebswirtschaftlich orientierte Einsparungen zu lindern, ohne die Schieflage des gesamten Systems zu analysieren und zu korrigieren. Die oft beschworene Reform des Sozialstaates muß dessen wichtigste Grundlage wiederherstellen: eine auf Dauer funktionsfähige Wirtschafts- und Sozialordnung lebt vom moralischen Grundkonsens, daß ihre Bürger den Reichtum von Natur und Kultur für ihre Nachkommen bewahren wollen und danach handeln.


Familienarbeit als Sozialleistung
Diese Grundlage gesellschaftlichen Lebens ist die Familienarbeit im privaten Haushalt. Dort werden die meisten Lebensbedürfnisse nach Nahrung, nach räumlicher und emotionaler Geborgenheit und nach sinnvoller Tätigkeit (von Kindererziehung und Krankenpflege bis zu Familienfeiern oder aktiver Erholung und Bildung) befriedigt. Dort wird Sozialarbeit aus Liebe und Verantwortung zum Lebenspartner, zu Kindern und zu ferneren Bezugspersonen geleistet – und zwar ohne jede Bezahlung. So ist das zeitliche Ausmaß nicht erstaunlich: In den privaten Haushalten der alten Bundesländer werden jährlich 77 Milliarden Stunden unentgeltlicher Arbeit geleistet. Diese Tatsache wird jedoch durch die Beschränkung des Arbeitsbegriffs auf die erwerbstätig geleistete Arbeit aus dem öffentlichen Bewußtsein ausgeblendet. Finanzielle Umverteilungsvorgänge (Altersrente, Sozialhilfe, Arbeitslosengeld u. a.) werden als "Sozialleistungen" deklariert, obwohl sie diese Bezeichnung zu Unrecht tragen.
Paradoxerweise werden viele der traditionell im Privathaushalt ausgeführten Arbeiten sofort betriebswirtschaftlich rentabel, sobald sie als Erwerbstätigkeit ausgeführt werden. Oft geht dabei noch der soziale Inhalt verloren – als Beispiel sei eine Mahlzeit am Familientisch einem Fertiggericht am Imbiß gegenübergestellt.
Besonders folgenschwer aber ist, daß die wichtigste soziale Funktion der Familie – das Großziehen von Kindern und ihre moralische und soziokulturelle Prägung – in der Gegenwart keinen Marktwert hat. Diese unentbehrliche Leistung vollbringt die Familie nicht nur, ohne dafür Geld zu bekommen, sondern sie ist bei steigenden Lebenshaltungskosten immer mehr von Erwerbstätigkeit abhängig.
So verschlechtern sich die Bedingungen für Eltern und Kinder drastisch: Wer Kinder hat, verdient in der Regel weniger und muß zugleich mehr ausgeben als der Kinderlose. Deshalb haben viele Bürger entweder einen Arbeitsplatz – und dann zuwenig Zeit für Kinder, oder sie sind arbeitslos – dann fehlt das Geld für den Lebensunterhalt des Nachwuchses. So benachteiligt das deutsche Sozialsystem ausgerechnet diejenigen, die für seinen Fortbestand unentbehrlich sind: Eltern und Kinder. Die einzige Quelle sozialstaatlicher Zukunft, die Familie mit Kindern, gerät an den Rand der Gesellschaft. Die Situation läßt sich so beschreiben: Die Gesellschaft ist nicht wegen, sondern trotz der betriebswirtschaftlich effektiven Bekämpfung von Zivilisationskrankheiten und trotz der sozialstaatlichen Transferleistungen noch nicht zusammengebrochen.
Der fundamentale Webfehler zeigt sich besonders deutlich am Generationenvertrag – bildet doch die Relation verschiedener Lebensabschnitte (Kindheit und Jugend, Erwerbsalter und Senium) zueinander für jeden Menschen wie für die Gesellschaft ein zentrales Lebensthema.
Der Generationenvertrag beinhaltet die Alters-für-sorge der erwerbstätigen Generation für die ältere, die nicht mehr im Beruf steht; zugleich aber auch die Alters-vor-sorge, also das Aufziehen der Kinder und Jugendlichen. Während ersteres kollektiv und sozialisiert über die Rentenversicherung erfolgt, tragen alleine die Eltern und Alleinerziehenden die Last der Altersvorsorge und die damit verbundenen Kosten.
Ferdinand Oeter, der Nestor der familienpolitischen Analyse, formulierte: "Unter vorindustriellen Bedingungen war es systemgerecht, eigene Kinder aufzuziehen. Heute dagegen handelt derjenige marktkonform, der keine eigenen Kinder hat und sein gesamtes Einkommen seiner eigenen Genußmaximierung zuführt."
Die Folgen der Benachteiligung der Familie sind alarmierend:
1 Die Erziehung von zwei Kindern ist mit einem geldwerten Nachteil von fast einer Million Mark verbunden. Darunter fallen die Unterhaltskosten bis zum 18. Lebensjahr, Benachteiligungen im Renten- und Steuerrecht sowie das zwangsläufig reduzierte Einkommen.
1 42 Prozent der Alleinerziehenden in Deutschland müssen mit einem monatlichen Nettoeinkommen von weniger als 1 400 Mark leben.
1 Die Geburtenrate in Deutschland sinkt kontinuierlich; in den neuen Bundesländern von 199 000 im Jahre 1989 auf 81 000 im Jahre 1993.
Alle lebensfähigen Kulturen verstanden es – ganz im Gegensatz zur derzeitigen Sozialpolitik – als Lebensinhalt und Lebensleistung des Menschen, Kinder großzuziehen, ihnen den Reichtum von Natur und Kultur zu vermitteln, sie als verantwortlich handelnde Persönlichkeiten heranzubilden und auf diese Weise sinnvoll für die Zukunft der eigenen Familie wie der Gesellschaft zu sorgen.
Sollen diese geistigen Grundlagen wieder das Handeln bestimmen und der Zerfall der Sozialordnung noch aufgehalten werden, müssen soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Chancengleichheit für Eltern und Alleinerziehende gegenüber Kinderlosen höchste Priorität genießen. Wer morgen die Sicherungssysteme weniger belastet, muß heute dafür einen Ausgleich erhalten.
Das Ausmaß der Investitionen in die nachfolgende Generation muß schonungslos ermittelt und eingefordert werden. Basis dafür ist der zeitliche und finanzielle Aufwand der Eltern für ihre Kinder. Um die Chancengleichheit zu wahren, müssen Eltern
1. die Lebenshaltungskosten der minderjährigen Kinder im Familienhaushalt in voller Höhe und
2. ein Äquivalent für das durch die Zeit der Kindererziehung ausfallende Einkommen erstattet werden.
Dabei gilt es, möglichst großzügig zu kalkulieren, denn der entscheidende Punkt ist der investive Charakter: Je mehr Zeit und Geld Mütter und Väter für das allseitige Gedeihen ihrer Kinder aufwenden können, desto stabiler wird die Wirtschafts- und Sozialordnung heute und in Zukunft sein.


Heilende Kraft von familienpolitischen Investitionen
Solche Umverteilungsvorschläge – beispielsweise im Rahmen eines umlagefinanzierten Kinder- und Familienfonds – werden im allgemeinen mit dem Argument abgelehnt, es fehle am nötigen Geld. Andererseits gibt der Staat Unsummen für nichtwertschaffende Bereiche wie Verwaltung, Polizei, Umschulungen oder Müllbeseitigung aus, während zukunftssichernde und damit sinnvolle Arbeit immer größere Defizite erleidet.
Familienpolitische Investitionen in die junge Generation haben umfassend heilende Auswirkungen auf unsere Wirtschafts-und Sozialordnung. Die treibende Kraft dabei sind selbstregulierende, marktwirtschaftliche Prozesse. Folgende Auswirkungen seien hervorgehoben:
1 Durch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf können soziale Aufgaben vermehrt in Eigenaktivität in der Freizeit wahrgenommen werden. Dadurch sinken die Lohnnebenkosten und Abgabenlasten, gleichzeitig steigt die immaterielle Lebensqualität.
1 Investitionen in regenerative Energiequellen, zukunftsfähige Verkehrssysteme, innerstädtische Infra- struktur sowie Bildung und Kultur werden bezahlbar.
1 Vor allem Mütter erfahren durch die gesellschaftliche Aufwertung der Erziehungsarbeit Gleichberechtigung.
1 Durch die Bezahlbarkeit vorhandener, sinnvoller Arbeit geht die Arbeitslosigkeit – gerade unter Jugendlichen – erheblich zurück; damit sinkt auch die Gefahr der Verarmung und des Abgleitens in die Kriminalität.
Soweit seien nur einige Beispiele genannt, wie komplex akute Probleme mit der Gerechtigkeit zwischen den Generationen und damit einem ganzheitlichen Menschen- und Weltbild zusammenhängen, das der Medizin vor lauter spezialisierter Krankheitsbekämpfung verlorengegangen zu sein scheint.
Der Medizin kommt es zu, sich nicht subspezialisiert ausschließlich um Krankheits- und Todesbekämpfung zu kümmern, sondern primär zu bedenken, wie Gesundheit für uns und unsere Nachkommen möglich wird und wie wir die dazu nötigen ökologischen und soziokulturellen Ressourcen erhalten und reproduzieren können. Mit dieser Orientierung wird die Ärzteschaft auch Tagesfragen langfristig im Sinne des Allgemeinwohls lösen und so ihrem in der Bundesärzteordnung genannten Auftrag gerecht werden können.


Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Heinrich Günther
Medizinische Klinik I des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus der Technischen Universität
Fetscherstraße 74
01307 Dresden

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